Interview

"Bücher helfen, die Welt zu begreifen"

Was gibt es Schöneres, als sich an einem verregneten Tag mit einem guten Buch auf das Sofa zurückzuziehen? Auch Kinder sind für diesen Genuss schon zugänglich - wenn man sie an die Welt des Lesens und der Literatur liebevoll heranführt. Ulrike Nickel gibt dazu wertvolle Tipps. Sie ist selbst Mutter und Initiatorin des Leseförderprojekts "Berliner Bücherinseln" für Berliner Grundschüler, das in diesem Sommer zum dritten Mal stattfand.

Berliner Morgenpost: Lesen stärkt die Seele, sagte schon Voltaire. Warum sind Bücher gerade für Kinder so wichtig?

Ulrike Nickel: Bücher helfen, die Welt zu begreifen und auch mal mit anderen Augen zu sehen. Sie regen die Fantasie an und fördern zudem die emotionale Entwicklung, da beim Lesen und darüber Sprechen Gefühle entstehen. Und natürlich ist das Lesen die Schlüsselkompetenz für den Wissenserwerb. Zusammengefasst: Lesen hilft, dass Kinder fähig werden, selbstständig in die Welt zu treten.

Berliner Morgenpost: Wann ist der ideale Zeitpunkt, Kinder an Bücher heranzuführen?

Ulrike Nickel: Dazu sind Kinder nie zu jung. Schon die Kleinsten lieben es, Bilderbücher anzusehen, wenn man dies mit einer Kuscheleinheit auf dem Sofa verbindet oder es zum Ritual vor dem Schlafengehen macht. Je früher man mit dem Buchkontakt beginnt, desto leichter fällt später den Kindern übrigens auch der Schriftspracherwerb. Denn dann sind Buchstaben schon bekannt und es hat sich ein positives Verhältnis zum Medium Buch entwickelt.

Berliner Morgenpost: Und wenn sich ein Kind partout nicht fürs Lesen interessiert?

Ulrike Nickel: Manchmal braucht es einfach länger. So war das auch in meiner Familie. Während mein Sohn am liebsten schon im Kindergartenalter selbst lesen wollte, hatte meine Tochter lange kein Interesse an Büchern. Bis sie eines Tages ein Buch von Cornelia Funke in die Hand bekam. Das war der Durchbruch.

Berliner Morgenpost: Welche Veranstaltungen und Orte gibt es in Berlin, die es sich aufzusuchen lohnt?

Ulrike Nickel: Ganz toll sind natürlich die Bibliotheken. Dort können die Kinder stundenlang sitzen und stöbern, ohne dass jemand sie drängelt. Und das auch noch kostenlos! Viele Bibliotheken und Kinderbuchhandlungen bieten zudem Veranstaltungen an - von Vorlesestunden über Autorenlesungen bis hin zu kombinierten Lese-Bastel-Nachmittagen oder Sprachkursen.

Berliner Morgenpost: Wie wichtig ist das Vorbild der Eltern?

Ulrike Nickel: Mit Sicherheit wächst die Neugier der Kinder auf Literatur, wenn auch Mutter und Vater lesen. Besonders wertvoll ist es, wenn sich Kinder und Eltern über ein Buch austauschen. Ich habe das z.B. mit meiner Tochter bei Harry Potter gemacht. Da fühlen sich die Kinder noch einmal ganz anders wahr- und ernst genommen.

Berliner Morgenpost: Was halten Sie von Hörbüchern?

Ulrike Nickel: Viele Kinder ziehen sich gern mit einem Hörbuch in ihr Zimmer zurück. Das ist schön. Wenn aber Hörspiele das Vorlesen und Lesen ersetzen, finde ich das schade. Denn das eigene Lesen bietet doch ein noch intensiveres und selbstbestimmteres Erlebnis.

Berliner Morgenpost: Bei dem von Ihnen initiierten Kinderliteraturprojekt "Berliner Bücherinseln" lernen Kinder nicht nur neue Bücher kennen, sondern den gesamten Herstellungsprozess. Warum?

Ulrike Nickel: Es braucht etwa 20 verschiedene Berufe, bis ein fertiges Buch auf dem Ladentisch liegt. Das geht vom künstlerisch tätigen Schriftsteller und Illustrator bis hin zum Verleger, Lektor und Buchhändler. Für die Kinder ist das meist völlig neu, und sie sind fasziniert vom direkten, intensiven Austausch mit den Beteiligten. Zudem lernen sie, dass die Welt der Bücher eine Welt ist, auf die man Einfluss nehmen kann. So wird die Ehrfurcht vor Kunst und Kultur, die oft auch Furcht ist, abgebaut.

Berliner Morgenpost: Gibt es wirklich solche Hemmungen schon bei Kindern?

Ulrike Nickel: Ja, gerade in bildungsferneren Familien. Gemeinsam mit dem Bereich Grundschulpädagogik der FU Berlin erarbeite ich gerade ein Projekt, das Literatur zu den Familien nach Hause bringen soll, und zwar nicht nur punktuell, sondern über einen längeren Zeitraum hinweg. Zwar gibt es schon viele Leseförderprojekte. Doch sie berücksichtigen nicht die Familien, die keinen Zugang zu Kunst und Kultur haben. Das Umfeld muss vorhanden sein, damit sich die Leselust entfalten kann.