Kinderschutz

Experten gegen höhere Strafen bei Verwahrlosung

Immer wieder sorgen Fälle vernachlässigter Kinder für Aufsehen. Ein Grund für die Verwahrlosung ist nach Ansicht von Kinderschützern das gesellschaftliche Klima in Deutschland. "Wenn eine Atmosphäre herrscht, die dahin gerichtet ist, überforderte Eltern zu bestrafen, dann ziehen sie sich noch weiter zurück", sagte die Geschäftsführerin des Deutschen Kinderschutzbundes, Paula Honkanen-Schoberth.

Erst am Mittwoch hatte ein Berliner Amtsgericht eine Mutter zu 1350 Euro Geldstrafe wegen Verletzung der Fürsorgepflicht verurteilt. Sie hatte ihren 13-jährigen Sohn in einer Wohnung mit Schmutz, Müll, Kot, Ungeziefer und 23 Kleintieren vor dem Jugendamt versteckt. "Häufig ist es so, dass die Eltern sich bewusst sind, dass sie es nicht schaffen", sagte Honkanen-Schoberth. "Sie schämen sich sehr und haben Angst, dass ihnen das Kind weggenommen wird." Dadurch isolierten sie sich weiter. "Es ist wichtig, dass unsere Gesellschaft eine Atmosphäre schafft, in der es keine Schande ist, wenn man überfordert ist und Hilfe sucht."

Laut Statistik erhalten drei von vier Familien mit staatlichen Transverleistungen Erziehungshilfe wegen Kindeswohlgefährdung. Verwahrlosung sei oft auch ein Resultat von Armut, sagte Hokanen-Schoberth. Genaue Zahl über verwahrlosten Kinder liegen dem Kinderschutzbund nicht vor. "Die Realeinkommen im Niedriglohnsektor sind stark gesunken und in diesem Sektor arbeiten ganz viele Mütter und Väter", sagte die Kinderschützerin.

"Wenn die Armut in den Familien zunimmt, besteht die Gefahr, dass sie zu einem erhöhten Druck, zu psychischen Problemen und Überforderung in der Kindererziehung führt." Hier sei vor allem die Politik gefragt. "Ausreichende Einkommen" seien eine der wichtigen Voraussetzung für ein intakteres Familienleben.

Mangelnde Liebe zum Kind sei in der Regel nicht der Grund für die Verwahrlosung. "Die Überforderung liegt häufig schon in der ganzen Lebenssituation", sagte Honkanen-Schoberth. "Die Liebe zum Kind kann durchaus auf der gefühlsmäßigen Ebene da sein - auch wenn die eigenen Kräfte dann nicht reichen, um sie in fürsorgliches Handeln umzusetzen."

Höhere Sanktionen sind nach Ansicht der Expertin daher nicht hilfreich. "Die präventive Wirkung von härteren Strafen hat noch nie funktioniert", sagte die Kinderschützerin. "Was man in Deutschland weiter ausbauen müsste, sind die früh einsetzenden Hilfen, flächendeckend von Geburt an, Schulsozialarbeit an allen Schulen und Unterstützungsangebote an Eltern auch in Kindertageseinrichtungen." Dazu seien Fortbildungen für die Pädagogen nötig - wie sie mit Eltern sprechen und mit welcher Haltung sie ihnen begegenen sollen. "Es geht darum, eine gute Vertrauensbasis für die Eltern zu entwickeln, damit sie Hilfe als eine Bereicherung empfinden und nicht das Gefühl haben: Ich bin eine schlechte Mutter oder ein schlechter Vater", sagte die Expertin. "Sonst setzt direkt Widerstand ein."