Austauschjahr

18 000 Kilometer entfernt von den Eltern

Vor drei Wochen spürte Marlene Niemann zum ersten Mal Aufregung. Da verabschiedete sich eine Freundin in den Urlaub - "und plötzlich fiel uns auf, dass wir uns erst nächstes Jahr wiedersehen, wenn ich zurückkomme." Beim Radeln nach Hause hatte Marlene einen dicken Kloß im Hals. "Ich hab das noch gar nicht richtig geschnallt, dass jetzt das große Abenteuer beginnt", sagt sie. "Wir haben zwar alles organisiert, aber mein Leben lief ja weiter wie bisher."

Dabei ist die Kreuzbergerin für ihre 16 Jahre schon ganz schön in der Welt herumgekommen: Mit den Eltern bis nach Hawaii und mit der Schule war sie vorletztes Jahr in China. Eine engagierte Lehrerin hatte den Austausch als AG organisiert, nach einem Jahr Vorbereitung besuchte sie mit 15 Schülern für zwei Wochen Gastfamilien in Peking. "Das hat mir total gefallen." Nach Neuseeland aber geht Marlene alleine. "Ich sehe das als Testlauf für mein späteres Leben", sagt sie und wirkt dabei ganz schön erwachsen. "Ich will wissen, ob ich schon allein klar komme, ohne den Rückhalt und das bekannte Umfeld, das ich hier habe."

Im vergangenen Schuljahr entschieden sich 6,1 Prozent der 15- bis 17-jährigen Berliner, für drei Monate oder länger an eine ausländische Schule zu gehen. Damit ist die Hauptstadt bundesweit fast Spitzenreiter, nur in Hamburg ist die Quote höher (6,7 %). In Bayern, Sachsen und Thüringen gehen nur gut ein Prozent der Schüler. Das ergab eine Studie des Bildungsberatungsdienstes "weltweiser", der Interessenten einen unabhängigen Überblick über die derzeit 42 Austauschorganisationen bietet, die Neuseeland im Programm haben. "Ein Gastschulaufenthalt ist für viele der große Traum", sagt Jens Hirschfeld, Berater bei "weltweiser" - den sich allerdings nicht jede Familie leisten kann. Das kleine Neuseeland spielt inzwischen ganz vorne mit: Laut "weltweiser" belegt es Platz drei der bei deutschen Schülern beliebtesten Länder - hinter den USA und fast gleichauf mit Kanada. Australien und Großbritannien liegen weit dahinter, aber noch vor Irland, Südafrika, Frankreich und Spanien.

Natur statt Großstadt

"Für Neuseeland spricht, dass die Familien schon lange vor der Ausreise Ort und Schule bestimmen können", sagt Hirschfeld. Ein weiterer Pluspunkt: Als erstes Land weltweit regelt es die Betreuung ausländischer Schüler seit 2002 gesetzlich, die Richtlinien gelten für Bildungseinrichtungen ebenso wie für Gastfamilien. Und in der Pisa-Studie belegt Neuseeland regelmäßig einen der vorderen Plätze, zuletzt den dritten. Für Marlene waren allerdings andere Dinge entscheidend: "Die Kiwis sollen so nett und höflich sein", sagt sie. Und ihr gefällt, dass Neuseeland so weit weg ist. "Falls es mal Schwierigkeiten gibt, kann ich nicht schnell heimfahren, sondern muss mich durchbeißen."

Die Austausch-Idee kam Marlene nach den letzten Sommerferien. "Ich hab Freunde in der Zwölften, die erzählten, wie toll das bei ihnen war." Ihre Eltern, der Vater Referent für Fluglärm in Brandenburg, die Mutter wissenschaftliche Mitarbeiterin an der TU, unterstützten ihren Wunsch. Gemeinsam recherchierten sie Informationen, klärten Formalitäten und fanden eine Austauschorganisation vor Ort, die das Land kennt und die Schüler persönlich betreut. Auch dass Marlene keinen Besuch von ihnen möchte, weil das "ihr Ding" werden soll, respektieren sie.

Im Januar wurde es konkreter: Die Agentur schickte die Schulprospekte. Marlene wird ans Upper Hut College gehen, der Ort hat knapp 40 000 Einwohner und ist eine halbe Stunde von der Hauptstadt Wellington entfernt. Ein bisschen Bauchweh hat die Berlinerin deshalb schon, obwohl sie sich auf die neuseeländische Natur freut, auf Berge, Strände, Regenwald: "Ich werde die Straßenfeste in Berlin vermissen und die Berlinale. Und mit der U-Bahn durch Kreuzberg zu fahren." Weil es auf der Südhalbkugel zu Weihnachten Sommerferien gibt, kommt sie ins zweite Halbjahr der zwölften Klasse und wechselt dann in die 13. "Selbst wenn ich dort keine guten Noten schreibe, reicht mein Schnitt hier, um die Elfte zu überspringen", sagt sie selbstbewusst.

In Neuseelands Schulen steht praxisnahe Wissensvermittlung im Vordergrund, daher gibt es auch Fächer wie Tourismus, Metallarbeiten oder Buchhaltung. Marlene hat sich für Fotografie und Ernährung entschieden, dazu Englisch, Mathe, Französisch und Bio. Sie freut sich auf die neue Schule. Und hat zugleich Angst davor, "die Neue" zu sein. Mut machen die netten Mails, die sie von ihrer Gastfamilie bekommt: von Gastmutter Sharon und dem 13-jährigen Sohn Josh, der auf dieselbe Schule geht. "Und es gibt einen ganz süßen Hund!" Beruhigend findet Marlene, dass die Familie bereits zwei deutsche Austauschschülerinnen vor ihr hatte. Nur dass sie kein Fleisch isst, ist für die Kiwis ein Novum. "Ich werde als Gastgeschenk ein vegetarisches Kochbuch mitbringen", sagt sie.

Aus dem Sommer in den Winter

Die Abreise rückt näher. Marlene kramt die Winterklamotten raus. Geht mit ihrer Mutter Regenjacke und Fließpulli kaufen. Entscheidet sich für eines ihrer fünf Paar Winterstiefel, schließlich darf sie nur zwei Koffer und maximal 46 Kilo mitnehmen. Zwar gibt es Schuluniformen - aber was trägt man in Neuseeland in der Freizeit? Eine wichtige Frage, wenn man 16 ist und dazu gehören will. Beim Packen berät sie sich mit ihrer Freundin Sophie. "Wir sind wie Schwestern, wohnen seit 16 Jahren im gleichen Haus." "Ich hab Angst, dass ich mich im Ausland so verändere, dass wir uns nachher nicht mehr verstehen", sagt Marlene und schaut für einen Moment fast verzweifelt. Dann sagt sie: "Wenigstens gibt es Facebook, E-Mail und Skype."

Am Freitag ist endlich der Abflugtag. Marlenes Eltern werden sie zum Bahnhof bringen, nach Frankfurt will die 16-Jährige allein fahren. "Der Abschied wird krass genug", sagt sie. "Bevor ich tatsächlich ins Flugzeug steige, brauche ich noch ein bisschen Zeit für mich."