Ratgeber

Wie wichtig sind Spiele mit festen Regeln für die Entwicklung?

Mein dreijähriger Sohn Erik denkt sich häufig ein ganz eigenes "Spiel" aus. Dann kann es vorkommen, dass er fast eine Stunde lang auf den Knien durch die Wohnung robbt, um eigenartige Gebilde aus Holzklötzen von der einen Ecke zur anderen Ecke des Zimmers zu bugsieren. Sollte ich Erik dazu motivieren, sich stärker anderen Spielen mit festen Regeln zuzuwenden, damit er mehr beim Spielen lernt? Pia L. aus Lichterfelde

So wie Sie das Spielverhalten von Erik beschrieben haben, gibt es keinen Grund, seine Begeisterung für selbst erdachte "Spiele" zu bremsen! Es ist doch toll, dass er so kreativ spielt, und seine Ausdauer und sein Konzentrationsvermögen sind für sein Alter schon sehr erstaunlich. Kinder in diesem Alter lieben es, zweckfrei und scheinbar ziellos selbstbestimmt und ganz von ihren eigenen Wünschen und Fähigkeiten geleitet zu spielen. Gerade bei solchen Spielen, wie Sie sie beschrieben haben, lernt Erik Verhaltensweisen, die die Weiterentwicklung seiner motorischen, kreativen und praktischen Fähigkeiten fördern. Sein experimentelles Spielen hilft ihm auch bei der Entwicklung der praktischen Intelligenz. Solches Spielen ist aus diesen Gründen dem Lernen völlig gleichzusetzen. Um Erik zu unterstützen, reicht es, wenn Sie ihm die Zeit, geeignete Räumlichkeiten und Materialien für seine Spiele zur Verfügung stellen. Und wenn er es mag, dann zeigen Sie ihm aktiv Ihr Interesse an seiner Beschäftigung. Die Vorstellung, dass das Spielen "nur" ein schöner Ausgleich für das eigentliche und anstrengende Lernen sei, ist ebenso veraltet wie falsch.

Das Besondere an der Art, wie Erik spielt, ist ja gerade, dass es so selbstbestimmt passiert. Und diese Selbstbestimmtheit führt zu einer intensiveren Lernerfahrung als zum Beispiel das Spielen von vorgegebenen Karten- oder Brettspielen.

Je besser Erik sprechen kann, desto interessanter wird es für Sie werden, ihn beim Spielen zu beobachten: Er wird dann seinen Spielgeräten Namen geben, Handlungen kommentieren, Figuren miteinander sprechen lassen und Ihnen möglicherweise sogar manchmal eine "Sprechrolle" in einem Rollenspiel übertragen. Bestimmt wird Erik auch bald den Wunsch entwickeln, zusätzlich zu seinen eigenen spielerischen Aktivitäten mit anderen Kindern oder Familienmitgliedern zu spielen. Das ist dann die Zeit für klassische Familien- und Gesellschaftsspiele. Kinder genießen es, in Gesellschaft mit anderen Menschen auf spielerische Weise eine entspannte Zeit zu verbringen Er wird sich dann über Spielanregungen mit Sicherheit sehr freuen.

Dr. Heidemarie Arnhold ist Pädagogin und Vorsitzende des Arbeitskreises Neue Erziehung (Ane)

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