Bildung

Lernen, wenn andere Urlaub machen

Jonathan und Konstantin sehen nicht gerade gestresst aus, während sie in ihrem Englisch-Ferienkurs sitzen. Gegenseitig lesen sie sich ihre erfundenen Aktionskarten zu ihrer imaginären Tour durch England vor. Jonathan hat sich viel vorgenommen in diesen Ferien. Er will jeden Morgen nach dem Frühstück eine halbe Stunde Vokabeln lernen, Französisch und Englisch im Wechsel.

"Bis jetzt habe ich gut durchgehalten", sagt der 13-Jährige. Zusätzlich besucht er noch einen einwöchigen Ferienkurs in Englisch und in Deutsch beim Nachhilfeinstitut Lernwerk in Steglitz.

Immer mehr Kinder erhalten Nachhilfe, viele von ihnen auch in den Ferien. Das Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) geht davon aus, dass aktuell etwa eine Million Schüler Nachhilfe nutzen, vor allem aus den Klassen sieben bis zehn. Am meisten Nachhilfeunterricht nutzen Gymnasiasten und Realschüler. Etwa jeder Dritte von ihnen geht zur Nachhilfe, bei den Hauptschülern ist es nicht einmal jeder Fünfte. Aber auch Grundschüler werden zum Nachhilfeunterricht geschickt. Nach Umfragen sind es bereits zehn bis 15 Prozent.

Jonathan könnte sich auch vorstellen, seine Freizeit anders zu verbringen, aber seine Mutter habe ihn schließlich überzeugt, an den Kursen teilzunehmen. Jonathan selbst war mit seinem Zeugnis der achten Klasse nicht zufrieden. Vor allem die Vier in Englisch stört ihn. Es geht ihm aber nicht nur um die Note. Jonathan will wieder mehr Spaß an der Schule haben und das gehe nur, wenn man nicht zu große Lücken hat, sagt er. Auch Konstantin (12) geht es in seinem Sommer-Englisch-Kurs mehr um den Spaßfaktor. "Ich will Englisch sprechen können", sagt er. Das sei eher ein Hobby. Und im Schulunterricht komme man leider zu selten dazu.

Klare Lernziele setzen

Von einer solchen Einstellung ihrer Zöglinge können viele Eltern nur träumen, erst recht wenn sie in der Sekundarstufe sind. Schüler in den Ferien zum Lernen zu motivieren, ist oft ein Kunststück, aber es lohnt sich, sagt Swantje Goldbach, Gründerin und pädagogische Leiterin des Lernwerks. In den Ferien seien die Schüler viel aufnahmefähiger, häufig könnte sie in einer Woche Lücken aus einem ganzen Schuljahr in einem bestimmten Fach schließen. Damit es jedoch nicht nur bei dem guten Vorsatz bleibt, hat die Pädagogin ein paar hilfreiche Regeln für das Lernen in den Ferien aufgestellt.

Eine wichtige Rolle für Motivation und Erfolg spielt die Zeit, in der gelernt wird. "Die Schüler sollten sich ein oder zwei Wochen in den Ferien auswählen zum Lernen", so Swantje Goldbach. Am besten sei es, einen Ferienplan zu erstellen. Die ersten Ferienwochen könnten genutzt werden, um das Thema Schule ganz zu vergessen. Doch dann setze bald Langeweile ein. Auch das Ende der Ferien eigne sich gut, denn viele Kinder hätten das Bedürfnis, ihr Gewissen zu beruhigen, indem sie ihre größten Probleme vor dem Schulbeginn lösen. Die Pädagogin empfiehlt, zum Lernen eine Stunde nach dem Frühstück zu nutzen. Dann müssten die Kinder andere Verabredungen nicht sausen lassen. Im Gegenteil: Die Schüler sollten sich für die Zeit nach dem Lernen etwas Schönes vornehmen. Das beflügelt, die Arbeit schnell durchzuziehen ohne zu trödeln. "Erfahrungsgemäß lässt sich die Freizeit viel besser genießen, wenn man vorher etwas gearbeitet hat", sagt Goldbach.

Das kann Jonathan bestätigen. Nach dem Englischkurs ist er immer mit einem Freund zum Tennis verabredet. "Darauf kann ich mich freuen. Außerdem habe ich gelesen, dass das Gelernte im Gehirn gelöscht wird, wenn man direkt danach am Computer spielt oder Fernsehen guckt", sagt er. Er findet, in den Ferien lerne es sich viel entspannter als in der Schulzeit. "Ich bin ausgeschlafen, es gibt keine anderen Termine wie Fußballtraining, und ich habe nicht diesen Druck, dass die Vokabeln gleich am nächsten Tag im Test abgefragt werden", erklärt er. Sein Ziel ist mehr Sicherheit in den Fremdsprachen und bei der Zeichensetzung in Deutsch.

Für Swantje Goldbach entscheidet die richtige Zielsetzung darüber, ob die Kinder Lust haben, überhaupt anzufangen. "Wichtig ist, das Ziel genau einzugrenzen", sagt sie. Das könne die Groß- und Kleinschreibung sein oder auch die Festigung der Malfolgen. Gerade bei lernschwachen Schülern sollten die Eltern nicht einen Berg von Aufgaben auftürmen. "Ist das Feld zu groß, stellt sich schnell der Frust ein, den die Schüler schon in der Schulzeit erlebt haben", sagt Swantje Goldbach.

Und wenn sich das Kind total verweigert, in den Ferien zu lernen? Das gibt es nicht, meint Swantje Goldbach. Alle Kinder würden gern dazulernen. Sollten die Kinder keine Lust auf Schulaufgaben haben, können die Eltern mit gemeinsamen Aktivitäten viel erreichen.

Beim Monopoly-Spielen rechneten die Kinder viel, ohne es zu merken. Beim gemeinsamen Kochen könnten sie wiegen, messen und teilen. Ein Ferientagebuch könne schreibfaule Kinder motivieren. Zurückhalten sollten sich die Eltern dabei, ihren Nachwuchs auf Fehler hinzuweisen "Kinder wollen vor ihren Eltern gut dastehen, deshalb geht das Lernen für Schulaufgaben in dieser Konstellation oft schief", weiß Swantje Goldbach.

Spaß mit dem Würfelspiel

Jonathan und Konstantin basteln in ihrem Ferienkurs ein Würfelspiel. Die Stationen sind Londons Sehenswürdigkeiten. Die Aktionskarten können sie selbst erfinden. "Bestell dir eine Cola und eine Tüte Popcorn" heißt es, wenn der Spieler auf dem Kino landet. Die englische Antwort auf der Rückseite der Karte wird er wohl so schnell nicht vergessen. Auch die beiden Mädchen im Kurs nicht, die anschließend zusammen nach London fahren. Sie haben ein Abkommen mit den Eltern, dass sie sich in der fremden Stadt ohne Hilfe ihrer erwachsenen Begleiter durchschlagen: Vom Einchecken ins Hotel bis zum Fragen nach dem Weg.