Mamas & Papas

Der Autoreisezug als Familienevent

Wir sind eine eventorientierte Familie. Ruhephasen sind uns suspekt, vor allem den Kindern. Urlaub zum Beispiel hat schon an der Haustür mit einem Feuerwerk spaßiger Ereignisse zu beginnen.

Während die Jungs morgens um fünf relativ ungehalten auf die erste Entertainment-Granate warten, wuchtet der Familien-Sherpa vier Schrankkoffer die Treppe hinab und fürchtet, dass sein erstes eher spaßreduziertes Ferien-Event auf der Pritsche des Chiropraktikers stattfindet.

Früher, als Kinder noch genügsam waren, reichten ein gekochtes Ei, zwei durchweichte Käseschrippen und ein Micky-Maus-Heft, um uns bis zum Brenner die gute Laune zu erhalten. Zug war immer noch besser als die frugale Jugendherberge mit ihrem fiesen roten Früchtetee. Heute, da Rückbänke von Autos mit Bildschirm, Spieltasche, Kühlbox und onlinegestütztem Entertainment-Center ausgerüstet sind, herrscht spätestens hinter Potsdam Langeweile. Fairerweise muss man allerdings sagen, dass schon vor, vor allem aber in Potsdam ohnehin ein verschärftes Unterhaltungsmangelgebiet liegt.

Leider ist unsere Rückbank nicht online, dafür aber mit 28 Sorten Süßigkeiten verklebt - eine prima Schutzschicht übrigens, die die Polster praktisch wasserdicht imprägniert hat. Zudem hatte ich nun wirklich keine Lust, in dem nach gut 250 000 Kilometern etwas spannungsarmen Fahrersitz meinen satten Hüftschaden weiter zu verschärfen. Noch ein einziges Mal Berlin-Alpen in unserer Karre, und ich war endgültig reif für den Rollator.

Eine von Hansens Irrsinnideen gab unseren Urlaubsplänen einen völlig neuen Dreh. "Marvin fährt Autourlaubszug", erklärte unser statusbewusster Zwerg wenige Tage vor dem Start in die anstrengendsten Wochen des Jahres. Er meinte "Autoreisezug", eine unselige Kombination aus Güterzug und Bimmelbahn, Fest für Klaustrophobiker, die es sexy finden, sich eine Nacht lang die Körpergeräusche von wildfremden Mitreisenden anzuhören, während sie entweder durchgerüttelt oder auf Mittelgebirgsbahnhöfen stundenlang zwischengelagert werden. "Autoreisezug" gehört wie "Wundertüte" oder "Liposomen-Creme" zu jenen Worten, die gewaltige Erwartungen schüren, um noch größere Enttäuschungen hervorzurufen.

"Bestimmt schon ausgebucht", sagte ich in vorauseilender Abwehr, während die Gattin unsere Reisedaten bereits dem Internet verriet. Mir wurde schwindelig bei dem Gedanken an Karls Socken, die er in einem sehr engen luftdichten Raum ausziehen würde, in dem auch ich weilte. "Juchhhu", krähte Hans. "Autofahren ist doch auch ganz schön", konterte ich, "wir halten auch auf einer tollen Raststätte." Die drei Verschwörer schüttelten gleichzeitig den Kopf. Sie wollten mich lebendig begraben sehen, unter einem Berg von Taschen und Koffern.

In der nächsten Woche schreibt hier wieder Susanne Leinemann.