Ruhestand

Die ganze Welt bereisen und Freiheit spüren

Welche seine schönste Reise war, das kann Gunter Sanders wirklich nicht sagen. Vielleicht war es die zum Nordpol, wo er, ein leidenschaftlicher Tänzer und Tanzlehrer, seine Reisegruppe zum Singen und Tanzen brachte. Zu "Berliner Luft" ließ er die Reisenden in Eiseskälte die Beine schwingen.

Vielleicht waren es auch die Galapagos-Inseln, wo er zwischen Haifischen im Meer schwamm. Gunter Sanders kennt die ganze Welt. Fast zumindest. 185 Länder, Inseln, ehemalige Kolonien hat er aufgelistet, in denen er bereits war. 35 fehlen ihm noch. "Die schaffe ich nicht mehr ganz", sagt er, immerhin sind darunter Länder wie Afghanistan, Irak, Angola oder Somalia. Manches Ziel ist dem 68-Jährigen dann doch zu gefährlich.

Das Fernweh weckte Karl May in ihm. Als Kind habe er die Bücher verschlungen und der Wunsch, sich auf dessen Spuren zu begeben, sei mit den Jahren nur noch stärker geworden. Vor allem die fernen Ziele interessierten ihn. "Ich habe mir gesagt: Erst einmal weit weg, Europa und Deutschland kannst du später machen, wenn du mal nicht mehr so fit bist." Jetzt, als Rentner, ist er beim "später" angekommen. "Ich dachte, wenn ich nicht mehr arbeite, dann hört das auf mit dem Fernweh", erinnert er sich. Doch es hörte nicht auf, als der Mathe- und Physiklehrer vor drei Jahren in Pension ging.

Gerade war er in Albanien - "jetzt habe ich Europa komplett". Als nächstes Reiseziel folgt Jersey, für Anfang kommenden Jahres schwankt er noch zwischen Sierra Leone und den britischen Jungferninseln. In der Tat reist er heute aber auch gern in Deutschland: Freunde haben ihm einen Städteatlas geschenkt - "78 deutsche Städte habe ich schon geschafft!"

Im Reisen hat Sanders die Freiheit entdeckt. Er hatte früh geheiratet, mit 27 Jahren ließ er sich wieder scheiden. Sie teilte seine Reiselust nicht, und vielleicht hatten Frau und Kinder neben seinem Koffer auch einfach keinen Platz in seinem Leben. Griffbereit steht der handliche Trolley unterm Tisch im Wohnzimmer, das eher wie ein Reisezimmer aussieht. Die Wände hängen voll mit Masken, Netzen mit seltenen Muscheln und Seetieren, Fotos. Sanders hat längst aufgehört, Fotos zu machen oder Andenken mitzubringen. Dafür ist kein Platz mehr. Außerdem lebe er lieber in Vorfreude auf die nächste Reise als in Erinnerungen.

In Berlin braucht er nicht viel, er lebt zur Miete in einer kleinen Zweizimmerwohnung in Charlottenburg. Sein Luxus ist das Reisen. Und auch dabei mag er es einfach: "Ich erlaufe mir am liebsten die Welt und beobachte die Menschen." Doch so gern er reist, so gern kommt er immer wieder zurück. Fernweh und Heimweh, das gehört für Gunter Sanders zusammen.