Ruhestand

Endlich Zeit für die großen Träume

Ruhestand klingt nach Abschluss, als würde nach dem Ende des Arbeitslebens nichts mehr passieren. Doch tatsächlich beginnt dann ein neuer Lebensabschnitt. 20 bis 30 Jahre, die sinnvoll genutzt werden wollen. Für eine neue Aufgabe oder für die Erfüllung eines lange gehegten Lebenstraums. Unsere Autorin Annette Kuhn hat vier Berliner Senioren besucht, die ihren Ruhestand aktiv angegangen sind

Auf dem Jakobsweg neue Ziele erreichen

Mit dem Rucksack durch die Gegend zu laufen - das konnte sich Susanne Kranz erst nicht vorstellen. "Urlaub ist für mich etwas anderes", sagte die Wilmersdorferin ihrem Mann, als der eines Tages mit der Idee nach Hause kam, in das Rentnerdasein mit einer Pilgerreise zu starten. 2004 war das, Günter Kranz war 55, arbeitete im Öffentlichen Dienst, mit 60 wollte er in den Vorruhestand. Er hatte das Buch eines Pilgerers gelesen und war zu dem Schluss gekommen: "Das ist genau das Richtige für mich."

Fit genug war er allemal, zehnmal war er Marathon gelaufen, in den Ferien hatte das Paar mit den beiden Söhnen oft Wandertouren gemacht. Dann aber erkrankte Susanne Kranz an Brustkrebs. 2007 wurde sie operiert, 2008 noch einmal. Sie suchte nach einem neuen Ziel und sagte eines Tages ihrem Mann: "Wenn ich hier rauskomme, dann komm ich mit." Sie kam raus. Und pilgerte mit - auch wenn ihre Ärzte skeptisch reagierten. Heute sagt sie: "Das Pilgern war für mich eine Art Therapie." Im April 2009 ging es los, der Jakobsweg nach Santiago de Compostela. Doch nach zwei Tagen wäre fast wieder Schluss gewesen. "Alle Knochen taten weh", erinnert sich Günter Kranz, "dabei hatten wir doch vorher im Grunewald geübt." Aber auf den 1000 Höhenmetern, die sie sich gleich für den ersten Tag vorgenommen hatten, fühlten sich die zwölf Kilo Gepäck an wie 50 Kilo. "Was mache ich hier eigentlich?", habe er sich gefragt, am liebsten wäre er gleich wieder nach Hause geflogen. Aber die Freunde aus Berlin schickten motivierende E-Mails, das Paar machte sich gegenseitig Mut.

660 Kilometer legten sie schließlich zurück, 20 bis 25 Kilometer pro Tag. In diesem Jahr, bei ihrer dritten Pilgerreise, waren es schon 735 Kilometer. Jetzt planen sie die nächste Tour für kommendes Jahr. "Das Pilgern hat uns noch enger zusammengebracht", sagt Günter Kranz, "stundenlang sind wir schweigend nebeneinander gewandert - ein schönes Gefühl." Aber das Pilgern gibt ihnen noch mehr: "Es hat mir geholfen, mit meiner Krankheit umzugehen", sagt Susanne Kranz, "beim Pilgern lebt man nur für den Augenblick und lernt wieder, wie wenig man eigentlich fürs Leben braucht." Günter Kranz erinnert sich an ständige körperliche Grenzerfahrungen. In der Kathedrale in Santiago de Compostela sei er überwältigt gewesen. "Seit Jahrzehnten habe ich wohl nicht mehr geweint, aber auf einmal flossen die Tränen." Die Kraft, die Susanne und Günter Kranz aus ihren Pilgerreisen ziehen, von der zehren sie auch noch lange in Berlin. Mit viel Energie gehen sie ihren Alltag im Ruhestand an, treiben Sport, engagieren sich ehrenamtlich, freuen sich, jetzt zum dritten Mal Großeltern geworden zu sein. "Im Ruhestand gerät man so schnell in einen Sog des Nichtstuns", glaubt Günter Kranz, "man muss etwas tun, sonst vertrottelt man." Susanne und Günter Kranz haben für sich dieses Etwas gefunden.