Humor

Witz komm raus, du bist umzingelt

"Mama! Was ist orange und rollt den Berg rauf?", kräht mein Jüngster. "Keine Ahnung", sag ich müde, auch weil ich grad echt nicht in Stimmung für komplizierte Scherzfragen bin. "Kannst du bitte mal den Tisch decken?" Weil er ein Junge ist, hält er diesen Satz für eine Frage.

Ich knalle also vorwurfsvoll selbst die Teller auf den Tisch, werfe die Gabeln hinterher, schicke alle zum Händewaschen und versuche dabei, die Spaghetti auf dem Herd unter Kontrolle zu halten. "Eine Wandarine!", schreit er und gleich kichern, grölen und kreischen sie alle vier los und können sich gar nicht mehr einkriegen.

Wer sich da jetzt schlapp lacht, ist nicht älter als vierzehn Jahre und retourniert in wohldosierter Präzision mit: "Was macht ein Clown im Büro? Faxen!" Pubertär pariert von: "Warum steht ein Pils im Wald? Weil die Tannen zapfen." Im Nu wird's reichlich politisch unkorrekt: "Was ist grün und trägt ein Kopftuch?", japst meine große Tochter. "Hä?", schreien sie dreistimmig. "Eine Gürkin!" Drei große Kinder werfen sich auf den Boden vor Lachen, bloß der Jüngste versteht's nicht. Und kontert erst hilflos, dann findig, zuguterletzt tagesaktuell inspiriert: "Habt ihr auch Angst vor Atomkraft?" Einen Moment lang wird es still. Dann wiehert er los: "Ja, panisch!"

Vielleicht hören sie irgendwann damit auf, wenn ich nur lange genug darüber hinwegsehe. Aber ich fürchte schon aus Erfahrung, das kann noch eine Weile dauern. Also bemühe ich mich, den Spaß auf die unverfängliche kindgemäße Ebene herunterzudimmen - und trotzdem mitzuhalten. "Was ist schlimmer als ein Tausendfüßler mit Blasen an den Füßen?", frage ich gespielt munter. Keiner sagt was. "Eine Giraffe mit Halsschmerzen!" Keiner lacht. "Ach, Mama übrigens", leiert mein Großer, "die Achtziger haben vorhin angerufen. Sie wollen ihren Witz zurückhaben!" Und seine Schwester ergänzt keck: "Hast du schon gehört, Mama? Über Deinem Niveau ist ein Keller freigeworden."

Reime sind das Schönste

Wo haben die das eigentlich her? Witze, Wortspiele, Sinnentstellungen, Reime - sie lieben das. Schon länger: Was es zu essen gibt, fragt der Fünfjährige und kann das Kichern kaum unterdrücken. "Böhnchen, mein Söhnchen", erwiderte ich damals stoisch, rührte weiter im großen Topf und betete insgeheim, aus meiner einförmigen Sprechrolle in dieser Komödie eines Tages entlassen zu werden. "Mit Tomate, Renate!", juchzte er. Und seine Schwester fiel begeistert ein: "Oder mit Reis, so'n Scheiß!" Die beiden giggeln und gackern und lachen sich schlapp. Es sind zwar keine Bohnen im Topf und niemand hier heißt Renate. Aber Reime sind das Schönste, wenn man drei, vier oder fünf Jahre alt ist. Schon Zweijährige ergötzen sich am Gleichklang von Silben und steigern die Albernheiten spätestens mit vier zur Kunstform. Kostprobe? "Alle spielen mit dem Hai, außer Schröder, der ist Köder!"

Nun ja. Wirklich witzig finde ich auch nicht, wenn mein Großer sich die Unterhose über den Kopf stülpt und damit bei seinen Geschwistern wüste Lachanfälle auslöst. Ganz anders sein kleiner Bruder. Angestachelt sucht er seinen Bruder zu übertrumpfen. Er schnappt sich den Löffel und schneidet damit sein Schnitzel. Ist das komisch! Wenn die Mädchen dann anfangen zu kichern, reißen die Jungs einen Witz nach dem anderen. Mit den Jahren tut sich auch noch die Gelegenheit auf, Tabus zu verletzen oder Gemeinheiten loszuwerden. Bei Mädchen und Jungen im Alter von sieben, acht Jahren ist das ganz großes Kalauerkino. "Weißt du, was eine Biene leistet, die dich in die Brust sticht?", fragt todernst der 14-Jährige seine siebenjährige Schwester. "Entwicklungshilfe!" Und schon geht die Randale von vorne los.

Ich versuche immer, nicht sofort sauer zu werden. Sonst verpasse ich nämlich schon wieder eine Gelegenheit, meine Kinder bei ihrer Humorentwicklung zu unterstützen - ein wichtiges Thema auf der Erziehungsagenda, denn Experten sagen uns, dass man am Humor der Kinder etwa vorhandene Intelligenz erkennt. Humoristische Witzabwehr, Lächerlichkeitsfortbildung, tägliche Grinszüge zur Stärkung der Lachmuskulatur - das zu fördern ist ein Must für moderne Mums.

Bei der Förderung des Humors werden ja im Elternhaus so viele grundlegende Fehler gemacht, die zu nie wieder gutzumachenden Schäden an der von Natur aus so spaßbereiten, stets schadenfrohen und früh ironiefähigen Kinderseele führen! Man darf nur minimalinvasiv eingreifen - also sind unanständige Witze nur in der Familie erlaubt! Nur für diese zarte Beschränkung überbordender Lachlust habe ich mich stark gemacht. Und mir damit regelmäßig haarspalterische Diskussionen bezüglich Omas und Tanten mit verschieden ausgeprägter Feinfühligkeit beschert.

Ist es in Ordnung, vor einem angeheirateten Onkel damit zu prahlen, dass man anhand des Geruchs jederzeit zweifelsfrei feststellen kann, wer aus der Familie kurz vorher das Klo aufgesucht hat? Darf man vor (erwachsenen) Gästen mit Bonmots über Igel, Stachelbürsten und daraus resultierende erotische Irrtümer aufwarten? Despektierliche Bemerkungen über die sprießenden Pickel eines älteren Bruders wagen?

Familienhumor prägt fürs Leben

Will man nicht alles verbieten und den Spaß verderben, wird eisern abgelacht, was auf den Tisch kommt. Mir jedenfalls liegt viel an naturbelassenen, gehaltvollen Witzen aus nachwachsenden, klimaneutralen Rohstoffen. Ich schätze den handverlesenen hohen Glucks-Faktor, der sich in einer geistreichen Pointe langsam entfaltet, minutenlang nährt, und auch länger vorhält. Sonst sackt der Humorwert nach anfänglichen Lachsalven immer so schnell ab, was wiederum komische Heißhungerattacken auf irgendwelche Junk-Food-Gags verursacht, so dass man sich irgendwann jeden Witz reinzieht, den man kriegen kann.

Lustigsein ist ja auch Lernsache. Ob, wie viel und worüber in einer Familie gelacht wird, prägt Kinder fürs Leben, das weiß man längst aus einschlägigen wissenschaftlichen Untersuchungen. "Was ist weiß und kann fliegen? Die Biene Mayo!" Okay, schon mal mehr gelacht. Aber auch ein semikomisches Sprüchlein des Kindes lässt hoffen: Witze sind eine Art Denkleistung. Humor kann ohne Intelligenz nicht gelingen, sagen die Experten.

Allein der Alltag ist hart. Ein schreiend komischer Mister Bean werde ich in diesem Leben wohl nicht mehr werden. Aber ich muss mich als Mutter einfach noch viel mehr auf Juniorwitze einlassen und meinen eigenen Humorhorizont ständig erweitern, der ja bösen Kinderzungen zufolge nur von elf bis zum Mittagessen reicht. Häschen-Witze habe ich schon überstanden. Allein Fritzchen-Witze grassieren noch wie die Untoten, ich habe sie einfühlsam und scheinamüsiert belächelt. Neuerdings trainiere ich, Mudda-Witze komisch zu finden: Deine Mudda steht am Strand und verkauft Schatten. Ist das etwa lustig? Wenn man sie lässt, erzählen sie jeden Witz weiter und wieder - notfalls auch 50 Mal hintereinander. Tief im Innern weiß ich, dass ich nicht dagegen ankommen kann.

Kinder dürfen kindisch sein

In jedem Kind steckt etwas unkaputtbar Albernes und Unanständiges. Psychologen erzählen uns mit ernster Miene, dass die Ursache der ganzen Witze über Pipi, Kacke, Pimmel und Muschi damit zu tun haben, dass die Macht der Körperfunktionen Kinder einfach erschreckt und staunen lässt. Der große Freud befand, im kindlichen Witz sei eine "momentane Anästhesie des Herzens", mindestens aber eine "Ersparung von Mitleid" zu erkennen. Doch es könnte ja sein, dass all diese Dinge wirklich witzig sind. Dass sogar die Kanzlerin aufs Klo gehen muss und gegen gefürchtete Lehrer hilft, sie sich in Unterhosen vorzustellen, erinnert uns mitten in unserer erwachsenen Wichtigtuerei doch daran, dass wir unsere animalische Natur nicht verleugnen können. "Auch der mutigste Mann schaut mal unters Bett, auch die schönste Frau muss mal aufs Klosett", dichtete einst unerschrocken der große Tucholsky die klaffenden Fuge zwischen blühendem und gereiftem Humor.

Wir Erwachsene mögen das als kindisch abtun - aber wenn Kinder nicht kindisch sein dürfen, wer dann? Ich weiß wirklich nicht, ob ich versuchen müsste, ihnen das abzugewöhnen. Einige dieser Witze sind sogar ganz interessant: Die hemmungslose Kombination von Groteskem, Blödsinn und Anarchie rückt den sinnfreien Frohsinn doch in die Nähe der dadaistischen Tradition! Der totale Zweifel an allem, die Zerstörung von gefestigten Idealen, die willkürliche, lustvolle, zufallsgesteuerte Auflehnung gegen Normen, das begeisterte Kratzen am Tabu ... ja, es ist eine Art Satire, also eigentlich ein respektables literarisches Genre. Zumindest rede ich mir das ein und unterdrücke ein Kichern mit dem Geschirrtuch, wenn ich mal wieder gefragt werde, was eine Blondine macht, wenn ihr Computer brennt? Sie drückt auf Löschen!

Der passende Witz dazu geht so: Kürzlich ließen sie diese Dinge im Beisein ihres zu Besuch weilenden Vaters los. Sagt der abschätzig: Den flachen Humor haben sie von dir. Sag ich: Nee, ganz falsch. Haben sie nicht, ich hab meinen nämlich noch.