Sommerferien

Stress und Streit im Stau

An dieser Stelle sollte eigentlich was Lustiges über Ferienanfänge und Staus stehen. Vom Ton her aufmunternd-fröhlich, mit vielen tollen Tipps zum Mit- und Nachmachen. Ich würde einen solchen Text auch wirklich gerne schreiben. Aber ich kann nicht. Es schnürt mir schon die Kehle zu, wenn ich nur an die Staus denke. Ich hasse sie. Und das ist noch milde ausgedrückt.

Um 32 Prozent haben die Staus auf deutschen Autobahnen im letzten Jahr zugenommen, ergab eine aktuelle Analyse des ADAC, insgesamt wurden 185 000 Staus gemeldet. Sie summierten sich auf eine Gesamtlänge von sagenhaften 400 000 Kilometern. Oder, um es in einem so schönen wie nutzlosen Vergleich auszudrücken: Die stehende Autokolonne auf deutschen Straßen reichte letztes Jahr fast 63 Mal um die Erde herum.

Wenig deutet darauf hin, dass dieser Rekord nicht auch 2011 wieder gebrochen werden könnte. Dieses Wochenende wird wahrscheinlich nur ein weiterer Auftakt zu einem sehr zähfließenden Hochsommer werden. Dabei ist laut ADAC der Sommer nicht mal die schlimmste Jahreszeit, statistisch gesehen staut es sich im Herbst sogar noch mehr, und der allerschlimmste Monat ist der Dezember. Das Ranking der berüchtigtsten Strecken führt die A8 an, Platz zwei bis fünf belegen A3, A1, A2, A5.

Der Stau als Streitauslöser

Auf dem Weg in den Norden, Süden oder Westen entkommt man ihnen also fast nie. Es sei denn, man verhält sich komplett antizyklisch. Sprich: Man startet Dienstagabend statt Samstagmorgen in den Urlaub. Nur, wie soll man das anstellen, wenn das Ferienappartement eben nur von Samstag bis Samstag gebucht werden kann? "Nachts oder sehr früh am Morgen losfahren geht auch", sagt ADAC-Sprecher Andreas Hölzel, "aber nur, wenn der Fahrer gut ausgeruht ist." Wer im Morgengrauen in Berlin aufbricht, steht zwar mittags in München trotzdem, aber immerhin hat man dann schon mal einige hundert Kilometer hinter sich.

Und solche Details sind durchaus wichtig - fürs Gemüt. Was sonst noch hilft, wenn gar nichts mehr geht? Ich befrage die Expertinnen: meine Töchter. "Man kann ja wieder zurückfahren", meint die Jüngere. Hm. "Man sollte immer genug elektronisches Gerät bei sich haben", sagt die Ältere. War klar. Wenn sich kein Nintendo DS im Familienbesitz befindet, tut es im Notfall auch das Handy oder das Navi. Einziges Problem: Wenn von drei Kindern nur eins darauf rumdrücken darf, quengeln die beiden anderen. Und Papa murrt von vorne: "Das ist kein Spielzeug!"

Apropos Papa. Es liegt nahe, sich als Paar im Stau anzuschnauzen, zu beschuldigen, mit Vorwürfen zu belegen. "Du wolltest ja unbedingt diese Strecke..." "Wenn's nach mir gegangen wäre, wären wir gestern Nacht schon..." "Ich wollte sowieso überhaupt nicht mit dem Auto..." Mit solchen Unterhaltungen lässt sich der innere Amokläufer in der Regel eine Weile von Mord- und Totschlaggedanken ablenken. Ansonsten aber bringen die Wortgefechte nichts. Nur noch schlechtere Laune. Und im Zweifelsfall auch noch verschreckte Kinder auf der Rückbank.

Wir haben über die Jahre eine andere Strategie entwickelt. Wir schlucken Hass und Ohnmacht bestmöglich herunter und simulieren stattdessen klassische Geschlechterrollen. Also er wortlos den Lenker umklammernd, ich beschwichtigend Nervennahrung herumreichend.

"Erfrischende Getränke und Obst sollte man auf jeden Fall reichlich dabei haben", empfiehlt auch der ADAC, "am besten eine ganze Kühltasche voll." Auch nicht vergessen: eine Maxi-Packung Gummibärchen. Die kann man erstens gut portionieren und zweitens können sich Kleinkinder damit nur minimal vollsauen.

Schuld haben die anderen Reisenden

Übrigens: Die wichtigste Erkenntnis zum Thema Stau ist eine psychologische. Im Autoinnern gibt es während des stundenlangen Stillstands wechselnde Befindlichkeitszustände, die kann man nicht wegleugnen, die muss man einfach zulassen. Erste Phase: Der allgemeine Frust ergießt sich wahllos über alle Familienmitglieder, die Kinder werden angekeift, es wird hektisch am Radio rumgedreht, auf Karten nach Umleitungen und Ausweichstrecken gesucht. Und immer wieder die Spur gewechselt.

Dann, in Phase zwei, ist plötzlich klar, wer der Schuldige ist. Es sind all die anderen Autofahrer da draußen. Die, die nicht zügig anfahren, die, die auf dem Standstreifen zu überholen versuchen. Alles bekloppten Deppen, denen sofort der Führerschein entzogen werden sollte. Und am besten gleich alle in einen Sack stecken, zusammen mit den Beamten, die in diesem Land die Verkehrsplanung verantworten. Warum wird denn ausgerechnet heute und hier gebaut? Einspurig? Sind die bescheuert? So. Puh. Alles ist raus, die Wut verraucht. Phase drei verspricht nun tatsächlich eine gewisse Entspannung. Wir sind jetzt das, was man früher mal schicksalsergeben nannte. Ein Stau ist ein Stau ist ein Stau. Es gibt keinen Sinn, keinen Grund, kein Entkommen. Wir zählen keine Minuten, hören keine Verkehrsmeldungen, errechnen keine möglichen Ankunftszeiten mehr. Wir treiben irgendwo zwischen Apathie und Irrsinn. In Phase drei ziehen wir die T-Shirts aus, hängen die Beine aus dem Fenster. Es wird laut gesungen, auf den Grünstreifen gepullert, Blödsinn geredet, hysterisch rumgekichert. Gemeinsam bringen wir das Auto zum Wackeln. Und essen einfach immer noch mehr Süßigkeiten.

Und dann - ist es irgendwann vorbei. Es rollt wieder. Oh Gott, danke, halleluja, ist das Leben schön, hab ich euch alle lieb. An seinem Endpunkt entfaltet der Stau endlich seine wahre, nämlich kathartische Wirkung: Die Familie hat eine schwere Prüfung durchgestanden, es hat uns fast den Verstand geraubt, aber auch neu zusammen geschweißt. Jetzt kann der Urlaub beginnen.

Fazit: Staus sind wie Geburten. Während man drin steckt, glaubt man, die Schmerzen bringen einen um. Wenn es vorbei ist, hat man sofort vergessen, wie schlimm es war. Das hat den Vorteil, dass der Stau immer nur den An- und Abreisetag versaut, aber nicht den Resturlaub. Der Nachteil: Wir lernen nichts aus dem Stau. Deshalb werden wir auch bei der nächsten Reise hundertprozentig wieder drin stehen. Und fluchen.