Autorin Silke Frink

Von modernen Müttern und verwöhnten Söhnen

Was ist eigentlich aus der Generation Golf geworden? Aus diesen von Florian Illies beschriebenen hedonistisch geprägten Jugendlichen, um 1970 geboren, die sich mehr für Marken, Autos und das Ausgeben des elterlichen Reichtums interessierten als für politische Themen wie Atomkraftwerke oder Aufrüstung? Inzwischen sind viele von ihnen selbst Eltern geworden, die Generation der späten Eltern.

Leicht fällt ihnen diese Rolle nicht, beschreibt Autorin und Beraterin Silke Frink, selbst in die Generation Golf hineingeboren, in ihrem Buch "Muttersöhnchen". Weil sich das bis dahin im kinderlosen Zustand gelebte Modell von Karriere, Konsum, Gleichberechtigung und Selbstbestimmung mit Kindern nicht ohne Weiteres fortsetzen ließ.

Auf humorvolle Weise erzählt Frink aus ihrem eigenen Familienalltag mit dem älteren Sohn und der jüngeren Tochter, beide inzwischen volljährig. Es ist eine Abrechnung mit dem Erziehungsgeist von heute, und so heißt es im Untertitel: "Vom Schaden weiblicher Erziehung." Es ist kein Ratgeber und keine wissenschaftliche Abhandlung, sondern ein Spiegel, in dem sich heutige Elternpraktizierende mit selbstkritischen Fähigkeiten wiederfinden werden. Denn es geht in "Muttersöhnchen" weniger um das bereits viel beschriebene Drama des modernen Jungen, als um dessen Verursacher.

Klar, Eltern wollen für ihre Jungen, die von den Mädchen in Bezug auf Leistungs- und Anpassungsfähigkeit längst als abgehängt gelten, nur das Beste. Natürlich ging es da Silke Frink nicht anders, als sie 1990 zum ersten Mal Mutter wird. Mutter eines Sohnes. Der Junge wird in eine Zeit geboren, als man sich schon pädagogisch intensiv mit der Daseinsberechtigung männlichen Nachwuchses befasste. Als die Ritterrüstung zu Fasching grundsätzlich ohne Schwert getragen wurde. Als der Vater mit den Jungen eher Brettspiele praktizierte, als sich mit ihm im Wettrennen oder beim Raufen zu messen. Aber nicht immer führten die Brettspiele automatisch zu einem friedensliebenden Zeitgenossen. Silke Frink erinnert sich an ihre innersten Wünsche, als ihr Sohn noch im Kleinkindalter war: "Maik durfte rabaukig aussehen, aber um Himmels Willen kein Rabauke werden." Klar, der Totenkopf auf dem Poloshirt war erlaubt, die Jeans durfte cool ausgefranst sein, aber bitte keine Coolness im Benehmen. Doch Maik kam auf so allerlei Ideen, erzählt die zweifache Mutter in ihrem Buch. Die Puppe, die er zum Beispiel pädagogisch korrekt geschenkt bekam, habe er eigentlich nur für Crashtests benutzt, nicht aber um Vater, Mutter, Kind zu spielen.

Silke Frink ist überzeugt, dass ihr Junge heute Ritalin verschrieben bekommen würde, doch Ende der 90er begann erst die große Stunde von ADHS. Natürlich schreibt sie das nur so. Denn ernsthaft Sorgen macht sie sich heute, im Rückblick, wo ihr Sohn das Abitur bestanden hat, nicht mehr. Vor 15 Jahren aber war ihre Unsicherheit so groß wie die heutiger Eltern von Kleinkindern.

Das zeigt sich vor allem im Verhalten der Eltern zur Schule. Unsicher geworden durch die ersten Pisa-Ergebnisse, wird schon der Wohnort, der Bezirk danach ausgesucht, wo das Kind im Einzugsgebiet der besten Schule liegt. Die normale Kiezschule um die Ecke ist im Zweifelsfall nicht gut genug - tatsächlich keine unberechtigte Sorge. Aber die gute Schule allein reiche eben nicht, auch hier soll der Nachwuchs herausragen. "Wir Clubmitglieder der Lifestyleelite schickten unseren Nachwuchs spät, aber mit großem Trommelwirbel in die Schule. Der Jubeltag wurde aufwendig inszeniert mit viel Besuch und großen Geschenken, die längst keinen Platz mehr in der Schultüte fanden", erinnert sich Silke Frink an die Einschulung ihres Sohnes. "Wir feierten den Einstieg, als sei es bereits der erfolgreich geglückte Ausstieg." Wer heute eine Einschulungsfeier besucht, wird schon bei einem Blick auf die gigantischen Schultüten gewahr, dass dieser Feiermodus weiter gilt.

Aber Förderung, die sich die heutigen Eltern ganz groß auf ihre Erziehungsfahnen geschrieben haben, setzt nicht erst mit Schuleintritt ein. Schon in der Babykrabbelgruppe wird verglichen und vermessen, die eigene Wohnung zum Hort pädagogisch wertvollen Spielzeugs umgestaltet. Damit das Kind nur nicht in Leerlauf verfällt oder gar einer sinnfreien Beschäftigung nachgeht. Verpackt wird dieser Förderwahn freilich in eine Hülle aus Spaß. Selbst das Zähneputzen soll nicht als Pflicht erscheinen, sondern Laune machen: "Wir kauften Zahnbürsten mit lustigen Borsten und probiotische Zahnpasta, die Bakterien nicht zerstörte, sondern nur zum Abflug aufforderte", erinnert sich Silke Frink, "im Kapitalismus für Kreative war alles Profane heilig, wenn es die Entwicklung der Kurzen beschleunigte."

Doch Kinder sind meist weniger doof, als die Eltern es meinen. Sie spüren, wenn etwas anderes von ihnen verlangt wird, als ihnen verkauft wird. Darum hat sich ihr Sohn Maik dann auch früh mit Nichtstun dem Förderwahn entzogen und ist trotzdem relativ unbeschadet durch Schulzeit und Pubertät gekommen.

Also sollten wir vielleicht etwas gelassener mit all den Erziehungsratschlägen insbesondere zu unseren Söhnen umgehen? Das sagt sich leicht, ist aber weniger leicht umzusetzen. Denn nicht nur auf den von Helikoptermüttern umkreisten Jungen lastet Druck - auch auf den Müttern selbst lastet er. Wie oft hört man schon während der Schwangerschaft vom Frauenarzt den vielleicht nett gemeinten Satz: "Ihrem Kind geht es nur gut, wenn es der Mutter gut geht." Der wiederum geht es aber nur gut, wenn sie sicher sein kann, dass aus dem Sohn mal etwas wird. Ein Teufelskreis. Im Übrigen stellt sich dieses verordnete Wohlbefinden in einer Schwangerschaft, die oft genug mit Übelkeit einhergeht oder mit einem dauerschreienden Baby nicht automatisch ein.

Früher schrien Babys auch, aber da hat man es vielleicht eher als Begleiterscheinung hingenommen. Heute aber muss eigentlich alles, was mit Kindern zu tun hat, als toll empfunden werden. Also kämpft die Mutter darum, dass es nicht nur dem Kind, sondern auch ihr mit dem Kind toll geht. Da sie aber nicht nur auf ihre Mutterrolle reduziert werden will, erprobt sie sich in einem täglichen Dreieck zwischen Supermutti, Karrierefrau und lifestylischer Partnerin.

Funktioniert habe das alles nur zum Teil, gesteht Silke Frink, aber vielleicht ist diese Einsicht schon Gelassenheit genug. Und wahrscheinlich wird aus den Kindern auch etwas, wenn nur ein kleiner Teil der vielen Lebens- und Erziehungspläne, die wir mit unseren Kindern vorhaben, tatsächlich umgesetzt wird. So gesehen, ist dieses Buch nicht nur eine amüsante, sondern auch eine lehrreiche Lektüre.

"Maik durfte rabaukig aussehen, aber um Himmels Willen kein Rabauke werden"

Silke Frink, Buchautorin