Sprechstunde

Unser Sohn ist elf - zu jung für einen Tauchkurs?

Peter M. aus Spandau fragt: Unser Sohn ist elf Jahre alt und bewegt sich schon seit jeher gerne im Wasser. Nun möchte er in den Ferien einen Tauchkurs machen. Können wir dem bedenkenlos zustimmen?

Leider nein, auch wenn der Tauchsport bereits für Kinder und Jugendliche eine fantastische Erfahrung sein kann und es viele Ausrüstungs- und Ausbildungs-Angebote für diese Altersgruppe gibt. Wichtige tauchmedizinische Einschränkungen müssen bedacht und eine gründliche Untersuchung und Beratung wahrgenommen werden.

Es gibt keine feste untere Altersgrenze, aber Ihr Kind sollte zumindest sicher schwimmen und angstfrei kürzere Strecken ohne Hilfsmittel tauchen können. Über die allgemeine motorische und psychische Entwicklung hinaus steht das Atmungssystem im Mittelpunkt der möglichen Probleme und Bedenken. Die Ausreifung der Bronchien und Lungenbläschen ist erst mit dem achten bis zehnten Lebensjahr abgeschlossen, auch dann ist das Atemvolumen noch gegenüber Erwachsenen vermindert und die Atemfrequenz erhöht. Dies bedeutet mehr Anstrengung beim Atmen und ein leichteres Eintreten von Verengung oder Kollaps der kleinsten Bronchien. Am Ohr muss ein freier Druckausgleich möglich sein, sonst drohen schmerzhafte Druckschäden am Trommelfell oder den Nebenhöhlen. Dazu ist eine freie Verbindung zum Rachen über die sogenannte Ohrtrompete nötig - die ist aber bei Kindern häufig durch Infekte oder vergrößerte Rachenmandeln eingeengt. Sie liegt zudem bei Kindern noch relativ waagerecht im Schädel und kann nicht wirkungsvoll durch entsprechende Muskeln geöffnet werden. Des Weiteren kann es auch bei harmlosen angeborenen Herzfehlern mit einem Loch in der Vorhof-Scheidewand zum Übertritt von Gasbläschen aus dem Venenblut in die Arterien mit Durchblutungsstörungen im Gehirn kommen. Ob solche bei tieferen Tauchgängen auftretenden Mikrobläschen auch zu Störungen an den Wachstumszonen der Knochen führen können, ist noch nicht sicher geklärt. Zuletzt muss bedacht werden, dass Kinder aufgrund ihrer relativ zum Gewicht größeren Körperoberfläche und dünneren Fettschicht schneller auskühlen.

Aus all diesen Gründen sind für Kinder nur kürzere Tauchgänge in Tiefen von maximal zehn bis 15 Metern zu empfehlen. Den speziellen Erfordernissen von Strömungs-, Höhlen-, Nacht- und Wracktauchen sind sie nicht gewachsen. Für Kinder mit Asthma, Herzfehler oder Formen einer Konzentrationsstörung (ADHS, ADS) ist Tauchen kein geeigneter Sport. Vor Beginn einer Tauchausbildung sollte Ihr Sohn also durch den Kinder- und Jugendarzt gründlich untersucht und ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt bzw. ein tauchmedizinisch ausgebildeter Arzt hinzugezogen werden. Das ist eine wichtige Voraussetzung für die sichere Ausübung dieses besonderen Sports. Vielleicht sollte er diesen zu einem späteren Zeitpunkt ausprobieren?

Michael Barker, Chefarzt für Kinder- und Jugendmedizin