Mamas & Papas

Tiger-Mom für Anfänger

Ferien! Endlich. Viel länger hätten es die Kinder nicht mehr mit mir ausgehalten. Denn ich bin leichtfertig ein Risiko eingegangen - ich habe ein Buch gelesen. Das hätte ich besser lassen sollen. Das Buch von Amy Chua, der schrecklichen Tiger-Mom.

Vermutlich haben Sie davon gehört, das Buch stand lange in den Bestsellerlisten. Geschrieben von einer chinesischstämmigen Jura-Professorin in Yale, die ihre beiden Töchter radikal auf Erfolg trimmte. Das Motto: fordert Höchstleistungen von euren Kindern und traut sie ihnen auch zu. Es wird Tränen und Trotzanfälle geben, aber am Ende sind alle glücklicher, Eltern und Kinder.

Als ich mit der Lektüre begann, kriegte ich viel Spott von Freunden zu hören. Ich dagegen konnte das Buch, einmal angefangen, nicht mehr zur Seite legen. So kurzweilig, selbstironisch und trotzdem klar. Intelligent sowieso. So verführte mich das Buch. Wie naiv ich war. Spürte ich nicht, wie das Gift des Ehrgeizes Seite für Seite langsam in mich drang? Noch dachte ich, ich hätte alles unter Kontrolle. Bei der Kita-Freizeit in Brandenburg war es dann so weit: Es kam zum Ausbruch. Das Buch war zu zwei Dritteln gelesen, die maximale Ehrgeiz-Dosis aufgenommen. Ich saß gerade am Spielfeldrand und schaute meinen Kindern beim Fußballspielen zu. Mein Sohn schnappte einem anderen Kind den Ball von den Füßen weg, schlängelte sich zum Tor, stoppte kurz, dann Schuss - und der Ball flog weit am Tor vorbei. Normalerweise hätte ich bedauernd gelächelt und den Sohn womöglich noch getröstet. Aber nicht nach dieser Lektüre. Ich sprang auf und brüllte: "Junge, bist du blind? Den hätte ja deine Oma reingemacht. Wie kann man so daneben schießen!"

Mucksmäuschenstill wurde es auf dem Fußballplatz. Alle Mütter schauten mich vorwurfsvoll an. Meinem Sohn, der diese harte Gangart nicht gewohnt ist, traten Tränen in die Augen. Wütend stürmte er auf mich zu und versuchte, mich zu hauen. Ich fing den Schlag ab und tröstete ihn halbherzig, leise murmelnd: "Ist doch wahr, du kannst doch viel besser schießen." Schreckliche Amy Chua. Du hast mich für immer verändert!

Am selben Nachmittag zeigte mir meine Tochter ihr selbstbemaltes T-Shirt. Meine Tochter kann toll malen, richtig toll, aber dieses T-Shirt, es wirkte trostlos. Amy Chua hat mal ihren Töchtern die selbstgemalten Geburtstagskarten zurückgegeben mit den Worten: "Das könnt ihr besser!" Es lag mir auf den Lippen. Aber dann - noch die Tränen des Sohnes vor Augen - traute ich mich doch nicht. Bin eben nicht chinesisch genug.

Zum Glück sind jetzt Ferien. Keine Leistung, keine Noten, nur Baden. Obwohl - unser Sohn muss unbedingt diesen Sommer Schwimmen lernen. Schwimmgurt und Brett habe ich schon gekauft. Jeden Morgen um 8 Uhr geht der Unterricht los. Amy Chua und ich werden das schon schaukeln.

In der nächsten Woche schreibt hier wieder Hajo Schumacher.