40. Geburtstag

Frag doch mal die Maus!

"Fünfunddreißig, die sechste!" Die Klappe schlägt er selbst. Armin Maiwald, 71, Erfinder der "Sendung mit der Maus", steht im sogenannten Attrappenraum der Lufthansa Technik in Hamburg-Fuhlsbüttel. Zwei Auszubildende in blauer Arbeitsmontur machen sich am Modell eines Flugzeugrumpfes zu schaffen, befestigen eine Art Riesenpflaster aus Metall, das man hier "Doubler" nennt.

So repariert man eine Delle. Während der eine von innen gegenhält, schießt der andere von außen Niete in die Hülle. Es ist heiß im Raum. Den jungen Männern im Flugzeug rinnt der Schweiß von der Stirn. Das Team wartet geduldig, bis alle Niete drin sind. Am Ende beugt sich der Kameramann zu Armin Maiwald und sagt: "Ich denke es wird deutlich. Hier reinschieben, da gegenhalten, den Rest macht das Geräusch." Sie rätseln kurz, ob die Zuschauer der "Sendung mit der Maus" später verstehen werden, was sie sehen. Maiwald grinst und nickt. Das war's. Er bittet alle Auszubildenden, sich noch einmal für eine Aufnahme zusammenzustellen.

Maiwald ist das Gesicht und der Kopf der Sendung mit der Maus. Zwar gibt es noch zwei weitere Redakteure, die wie er moderieren und erklären - den mit 55 etwas jüngeren Christoph Biemann und den 39-jährigen Ralph Caspers mit der dicken Brille. Doch Maiwald ist der Patriarch. Er war 1971 bei der ersten Sendung der "Sach- und Lachgeschichten" dabei, auch 1972, als der Name in "Sendung mit der Maus" geändert wurde. Und er blieb. Etwa die Hälfte der Beiträge kommt heute von ihm und seiner Produktionsfirma. Auch heute trägt Maiwald seine Fernsehkluft: blaues Poloshirt, 501-Levis und schwarze Schuhe mit Kreppsohle. Genau so sieht man ihn jeden Sonntag um halb zwölf im Ersten, wenn er mit seinen Kollegen Fragen wie "Warum ist der Himmel blau?" oder "Wie kommen die Streifen in die Zahnpasta?" nachgeht. In der Flugzeugtechnik der Lufthansa filmt er nun seit eineinhalb Tagen, wie man eine Delle aus einem Flugzeug bekommt.

Der Dreh geht schnell über die Bühne. Alle arbeiten freundlich, ruhig und konzentriert, es fallen kaum überflüssige Worte. Kein Wunder: Maiwald erlebt das alles gerade etwa zum 1000-sten Mal. Ganz genau kann er sich auch nicht erinnern, wie viele Mausbeiträge er produziert hat. 600 wurde mal gesagt, das sei aber Unsinn, viel zu wenig. Seinen Satz "Das haben wir uns mal genauer angesehen" dürfte er öfter als jeder andere ausgesprochen haben.

Gedreht wird mit einer Arriflex 16SR2 aus dem Jahr 1982, auf 16 Millimeter. Eigentlich eine reine Filmkamera. Was sie aufnimmt, ist kinotauglich. Die Aufnahmen sind zwar teurer, haben aber nicht diese typische Flachheit digitaler Bilder. Außerdem halten sich Filmspulen besser - das findet Maiwald wichtig. Die Redaktion im WDR, für die er dreht, besitzt ein riesiges Archiv, aus dem immer wieder Beiträge geholt und in der Sendung gezeigt werden. Der Film über die Delle im Flugzeug wird an diesem Sonntag in einer besonderen Sendung mit der Maus gezeigt. Dieser Tag ist der "Maus-Türöffnertag". In ganz Deutschland veranstalten Labore, Museen und Fabriken besondere Tage der offenen Tür für die Mausgucker. Maiwald wird live vom Hamburger Flughafen berichten. Mehr als 17 000 Besucher haben sich allein dort schon angemeldet.

Vierzig Jahre alt wird die beliebte Kindersendung in diesem Jahr. Erfunden hat sie Armin Maiwald zusammen mit Dieter Saldecki und Gert Kaspar Müntefering. Das war in einer Zeit, als auch andere Kindersendungen mit reformpädagogischem Ansatz wie die "Sesamstraße" ins Fernsehen kamen. "Wer, wie was, wieso, weshalb, warum, wer nicht fragt, bleibt dumm", wie das deutsche Anfangslied der Sesamstraße behauptet, ist auch das Konzept der Maus. Hier wird die Welt so erklärt, dass sie Drei- bis Sechsjährige verstehen können. Das hat die kuriose Folge, dass das Durchschnittsalter der Zuschauer bei etwa 32 Jahren liegt. Denn die Eltern sitzen mit vor dem Fernseher. Und fühlen sich oft auch selbst angesprochen. Nach einem Beitrag über Erdöl etwa bekam die Sendung einen Preis des Verbandes deutscher Ingenieure (VDI), der lobte, besser könne man es nicht darstellen. "Wenn wir es schaffen, etwas zu machen, was Kinder spannend finden und für Erwachsene nicht uninteressant ist, dann ist das ja nicht schlecht," findet Maiwald.

Die Welt ist komplex, so das Motto der Sendung, aber für alles gibt es eine Lösung. Oder nicht? Mindestens einmal musste das Mausteam aufgeben. Die Suche nach einer Antwort hatte einfach keinen Erfolg. Armin Maiwald erinnert sich an die Sache mit der Blütenuhr. Dem schwedischen Naturwissenschaftler Carl von Linné zufolge, der im 18. Jahrhundert lebte und forschte, öffnen und schließen sich Blüten zu ganz bestimmten Uhrzeiten. Er hatte die Idee einer Blütenuhr: Blumen werden in einem kreisförmigen Beet so gepflanzt, dass die gerade geöffneten die Zeit anzeigen.

Das versuchte das Maus-Team zu filmen. An drei aufeinanderfolgenden Jahren. Es passierte: nichts. Also machten sie eine Geschichte des Scheiterns daraus, zeigten im Fernsehen ihre Bemühungen und gaben am Ende die Frage an die Zuschauer zurück. Wer wüsste, warum das nicht geklappt hat, solle sie bitte nicht dumm sterben lassen. Am Ende war es die Uni in Uppsala, Schweden, deren Rektor Linné einst war, die zugab: Wir haben das auch schon versucht. Bei uns hat es auch nicht geklappt.

Und noch eine Sache fällt Maiwald ein: Zum Papst kam er nicht hinein. Er hat dann einen lustigen Beitrag darüber gedreht, wo im Vatikan er überall nicht hin durfte.

Armin Maiwald klingt amüsiert, wenn er diese Geschichten erzählt, aber auch ungerührt. Kameramann, Assistentin und Tontechniker packen ihre Sachen in den Minibus. Der Job ist getan. Maiwald wirkt müde. Oder routiniert? Gewiss, er mache seinen Job immer noch gerne, sagt er. Aber die Zeiten hätten sich verändert. Vor allem störe ihn die Political Correctness im Fernsehbetrieb. "Früher haben wir in einer Folge auch mal gezeigt, was man alles aus einer Kuh machen kann. Und das fing dann eben beim Bolzenschuss an." Als er in einer Folge einmal sagte: "Mama macht in der Küche schon mal das Essen", da hagelte es Beschwerden von (erwachsenen) Zuschauern, die behaupteten, er zementiere ein überkommenes Rollenmodell. Den Mausklassiker mit der singenden Feuerwehrtruppe von 1976 ("Wer muss her, wer muss her, die Feu-er-wehr") zeigt der WDR mittlerweile in gekürzter Form. Die Szene, wo Kinder auf dem Sofa Zigarre rauchen, ist rausgeschnitten. Eigentlich sollte sie nur humorvoll zeigen, was passieren kann, wenn heiße Asche auf das Sitzmöbel fällt.

Natürlich hatte Maiwald sie gedreht. Das alles stammt von dem Mann, der nach einem Talkshowauftritt schon mal für seine Äußerungen gegen das Rauchverbot kritisiert wurde und der zugleich äußerte, Deutschland sei kinderfeindlich, und die Politiker sollten sich mal lieber um die verrottenden Spielplätze kümmern statt um ihre Aufsichtsratpöstchen.

Maiwald arbeitet engagiert an seinem Image, etwas aus der Zeit gefallen zu sein. Aber vielleicht ist er es tatsächlich: Allein schon als Produzent, Regisseur, Schauspieler und Sprecher in einem. Nach wie vor ist er vom Anfang bis zum Ende an den Sendungen beteiligt. Vergleichbare Figuren gibt es im deutschen Fernsehen nicht. Einen Dinosaurier nennt er selbst seine "Maus". Ähnliche Dauerbrenner seien nur noch die Tagesschau oder der Tatort, "aber der ist ja erst dreißig Jahre alt", sagt Armin Maiwald und lacht. Ans Aufhören denkt er auch mit 71 noch lange nicht. "Wieso denn?"

Wenn er über die vergangenen vierzig Jahre nachdenkt, kann er heute noch ins Schwärmen geraten - jedenfalls soweit seine gelassene Art so etwas wie Schwärmen zulässt. Der aufwendigste Beitrag habe gezeigt, wie Vitamin C den Makrophagen hilft, Bakterien zu verschlingen - drei Jahre Arbeit. Der kürzeste zeigte die Herstellung einer Büroklammer - drei Wochen Arbeit. In Erinnerung sind Maiwald Beiträge über das Internet oder das Handy. Er erklärte sie typisch süffisant ("das meiste, was geredet wird, ist nicht unbedingt notwendig") und zeigte dann, mit Menschen nachgespielt, wie das Handynetz funktioniert. Kein Aufwand scheint zu groß. Die Varusschlacht stellte sein Team vor sechs Jahren mit 16 500 Playmobil-Figuren nach. "Die haben wir alle gekauft, da war nix mit Sponsoring oder so." Ideengeber waren auch Maiwalds Kinder, heute 30 und 44. "Wie kommt der Sand ans Meer?" habe seine Tochter ihn einst gefragt. Er drehte einen Beitrag darüber. Dass seine Wohnung und das Studio seiner Produktionsfirma - bis heute im selben Haus - die gleiche Telefonnummer hatten, änderte er schnell. "Da rief dann nachts schon mal jemand an von unterwegs, weil die Filmrollen aus waren." So weit musste das dann doch nicht gehen.

Habe der Sender in den Anfangsjahren noch dringend darauf gewartet, dass ein neuer Beitrag fertig wird, mangele es heute nicht an Themen. Die meisten Ideen bekommt die Mausredaktion heute von den Zuschauern selbst. Jede Woche trudeln mindestens 1000 Briefe von Kindern ein. Viele Fragen wiederholen sich, aber es kommt auch immer wieder Neues, zum Beispiel: Woher weiß die Kopfschmerztablette, dass sie in den Kopf gehen soll, auch wenn sie zuerst im Magen ist? "So kann nur ein Kind fragen", sagt Armin Maiwald. Einmal im Jahr trifft er sich mit seinen Kollegen Christoph Biemann und Ralph Caspers, um Themenschwerpunkte zu besprechen. Die Fragen werden dann unter den drei Männern aufgeteilt. Biemann macht eher die Naturthemen. Maiwald als Teamältester bekomme die meisten. Über Biemann und Caspers spricht Maiwald wenig. Er macht seine Sache - und Punkt. Die drei Männer scheint jedenfalls keine innige Freundschaft zu verbinden, auch wenn das im Fernsehen so wirken könnte.

Maiwald wirkt nicht unbedingt begeistert, wenn er von den vielen Kinderbriefen erzählt. Womöglich hat er einfach alles schon erlebt. Stefan Raab hatte einen Hit mit einer wenig inspirierten Rapversion der Titelmusik. In der NDR-Satiresendung "Extra drei" erklärt regelmäßig eine "Ach- und Krachgeschichte mit Klaus" ein politisches Thema sarkastisch. Die Maus ist längst ein Imperium. Es gibt jetzt eine Sendung mit dem Elefanten für ganz Kleine, eine aufwendige Internetseite, ein Blog, eine Quizsendung "Frag doch mal die Maus". Es gibt DVDs, Plüschtiere, Kleidung, eine Wanderausstellung, Bücher, Show-Auftritte. Das meiste davon betrifft Maiwald nicht, sondern nur seinen Auftraggeber, den WDR. Maiwald macht einfach seine Beiträge. "Sach- und Lachgeschichten" sind sein Leben. "Solange der Kopp mitmacht und die Gesundheit" mache er weiter, sagt er. "Mit jeder Geschichte lernt man wieder etwas." Damit meint er sich selbst, nicht nur Kinder.