Interview: Mona Michaelsen

"Trauer über die vielen verlorenen Jahre"

Mona Michaelsen ist sechs Jahre alt, als sie all ihren Mut zusammen nimmt und ihrer Mutter erzählt, dass ihr Stiefvater sie seit Jahren sexuell missbraucht. Aber die glaubt ihr nicht, schlägt sie stattdessen. Also schweigt Mona Michaelsen, erduldet die Übergriffe des "Monsters", wie sie ihren Stiefvater später nennt.

Erst als sie 14 Jahre alt ist, lässt er ab von ihr, vergreift sich stattdessen an ihrer kleinen Schwester und seiner leiblichen Tochter Ulla. Mona Michaelsen ist über 30, als sie endlich über den Missbrauch spricht und das ganze Martyrium ihrer Kindheit niederschreibt. Sie schreibt einen Brief an ihre Mutter.

Jahre vergehen, bis er fertig ist. Immer wieder muss sie die Arbeit daran unterbrechen, weil sie es nicht aushält. Doch am Schluss hat sie Hunderte von Seiten gefüllt. Sie fasst den Entschluss, den Brief nicht an die Mutter zu schicken, sondern ihn als Buch zu veröffentlichen.

Vor einem Jahr erschien "Flüsterkind". Seither hat sie wieder Kontakt zu ihrer Schwester Ulla. Die beiden Frauen haben beschlossen, fortan gemeinsam zu kämpfen. Gegen den Missbrauch und gegen das Schweigen. Jetzt erschien die erweiterte Neuauflage des ersten Buches, "Flüsterkinder". Morgenpost-Redakteurin Annette Kuhn sprach mit Mona Michaelsen darüber, wie das Buch ihr Leben veränderte und welche Reaktionen sie erfahren hat - auch von ihrer Familie.

Berliner Morgenpost: Vor rund einem Jahr, kurz bevor Ihr Buch an die Öffentlichkeit gelangte, waren Sie unsicher, wie Sie sich danach fühlen würden. Wie geht es Ihnen heute?

Mona Michaelsen: Mittlerweile geht es mir wunderbar. Von allen Leuten, die ich kenne und auch ganz vielen, die ich vorher gar nicht kannte, habe ich ein sehr positives Feedback bekommen. Alle waren auf meiner Seite. Heute weiß ich, das war die beste Entscheidung, die ich habe treffen können. Ich bin zufrieden, dass alles raus ist.

Berliner Morgenpost: Sie haben das Aufschreiben Ihrer Geschichte als Therapie bezeichnet...

Mona Michaelsen: Die Dinge verlieren ihren Schrecken, wenn man erst einmal darüber gesprochen hat. Und ich habe das nicht nur einem Menschen erzählen können, sondern ganz vielen. Dadurch fühle ich mich stärker und nicht mehr so angreifbar.

Berliner Morgenpost: Was hat sich geändert nach der Veröffentlichung des Buches?

Mona Michaelsen: Das Schönste, was ich erlebt habe, ist, dass sich meine Schwester Ulla gemeldet hat, die ich drei Jahre lang nicht gesehen hatte - und die auch jahrelang von meinem Stiefvater, ihrem Vater, missbraucht wurde. Sie hat angerufen, nur ihren Namen gesagt, dann konnte sie nicht mehr weiter sprechen, weil sie anfing zu weinen. Und ich dann auch. Wir riefen uns an diesem Tag noch oft gegenseitig an, weil wir uns rückversichern wollten, dass die andere da ist. Ulla hat mir damals gesagt: "Ich sehe, wie du gekämpft hast, du hast immer auf mich eingeredet, ich soll mich auch öffnen, aber ich konnte es nicht. Doch jetzt weiß ich, dass es mir nichts bringt, den Kopf weiter in den Sand zu stecken."

Berliner Morgenpost: Wie ging es nach dem ersten Anruf weiter?

Mona Michaelsen: Wir haben uns oft getroffen. Und sie hat gleich nach Erscheinen des Buches den Kontakt zu den Eltern abgebrochen. Bis dahin hatte sie sich eine eigene Welt aufgebaut, in der es den bösen Vater nicht gab. Sie hat den Missbrauch ausgeklammert und sich die Familie so gedacht, wie sie sie nie hatte, sich aber immer gewünscht hat. Nach dem Buch konnte sie das nicht mehr. Und sie wollte auch nicht länger verdrängen.

Berliner Morgenpost: Ihre Schwester konnte bei diesem Gespräch nicht dabei sein, weil sie zurzeit wieder in Therapie ist.

Mona Michaelsen: Sie sagt immer zu mir, ich sei die Stärkere von uns beiden. Das wird wohl so sein. Ulla hat schon viele Therapien gemacht. Sie litt unter Depressionen, hat Suizidversuche hinter sich. Zwischendurch ging es ihr auch mal besser. Aber durch das Buch, durch unseren Kontakt ist wieder so viel in ihr hochgekommen. Das muss sie erst einmal verarbeiten.

Berliner Morgenpost: Gab es weitere Reaktionen von der Familie?

Mona Michaelsen: Von Seiten des Stiefvaters gar nichts. Meine Mutter hat mehrfach angerufen, mich beschimpft und beleidigt. Sie hat auch eine Freundin anrufen und Mails schicken lassen mit Drohungen. Mein Bruder würde uns das Haus anzünden. Und die Freunde meiner Mutter seien Zigeuner, die würden nicht lange fackeln, da sei schnell eine Kehle durchgeschnitten. Die Zeit der Drohungen war kurz, aber heftig. Doch nach relativ kurzer Zeit hat diese Freundin meiner Mutter mich angerufen und sich entschuldigt. Sie hatte sich mit meiner Mutter überworfen, weil sie nicht glauben konnte, dass das, was ich geschrieben hatte, alles nur Märchen sind.

Berliner Morgenpost: Es sind Erwachsene, die Ihr Buch lesen. Der Missbrauch findet aber meist im Kindesalter statt. Wie kann man sie dazu bringen, sich jemandem anzuvertrauen?

Mona Michaelsen: Das Thema sollte schon früh in die Erziehung einfließen. Schon Kindern im Vorschulalter sollte gesagt werden: Dein Körper gehört dir. Und wenn jemand dich berühren will, hast du immer das Recht, nein zu sagen. Egal, wer das ist. Das kann auch jemand sein, der dir ganz nahesteht: dein Papa, dein Onkel. Und du darfst immer zu deiner Lehrerin, zu deiner Erzieherin oder zu einer anderen Vertrauensperson gehen und erzählen, was dir passiert ist. Das müsste den Kindern schon von frühester Kindheit beigebracht werden, damit sie gar nicht erst in eine solche Situation geraten.

Berliner Morgenpost: Meinen Sie, dass der Missbrauch bei Ihnen aufgehört hätte, wenn Sie sich schon als Kind jemandem anvertraut hätten?

Mona Michaelsen: Ich denke, wenn ich damals den Mut gehabt hätte, meiner Lehrerin alles zu erzählen, dann hätte sie mir geholfen. Sie war mir ja sehr zugewandt und hat mich oft gefragt, was los ist. Aber ich habe ihr nichts erzählt, weil ich Angst hatte, sie glaubt mir nicht. Die einzige, der ich mich anvertraut hatte, war ja meine Mutter. Und ich habe damals gedacht: Wenn die mir schon nicht glaubt, sondern mich stattdessen verprügelt, was denken da erst andere Leute?

Berliner Morgenpost: Selbst Erwachsene sprechen oft nicht über den Missbrauch. Wieso?

Mona Michaelsen: Viele Frauen können erst mit über 30, über 40 oder noch später darüber sprechen. Der Täter redet einem ja immer wieder ein: Wenn du das sagst, dann passiert etwas. Oder noch schlimmer: Dann bringe ich dich um. Irgendwann glaubt man das. Da gehört dann ganz viel Mut, Trotz und Überlebenswillen dazu, diese Barriere zu überwinden. Viele Frauen geben vorher auf. Sie versuchen, das Beste aus ihrem Leben zu machen. Und das Beste besteht für sie darin zu schweigen und so zu tun, als wäre der Missbrauch nie passiert. Wenn aber eine Frau doch den Mut findet, darüber zu sprechen, dann ist die Tat meist verjährt. Das darf nicht sein.

Berliner Morgenpost: Würden Sie sich besser fühlen, wenn Ihr Stiefvater heute bestraft werden würde?

Mona Michaelsen: Ja. Ich komme nicht damit zurecht, dass er ein Leben zerstört hat und damit ungeschoren davonkommt. Es würde mir schon reichen, wenn es die ganze Welt weiß und er sich nicht mehr aus dem Haus traut. Ein bisschen ist da ja auch so.

Berliner Morgenpost: Tatsächlich?

Mona Michaelsen: Meine Eltern wohnen in einer Anlage mit mehren Wohnblöcken, in der Mitte ist ein Spielplatz. Dort saßen sie häufig im Sommer. Aber nach der Veröffentlichung des Buches haben Leute vom Balkon aus derbe Dinge heruntergerufen. Das passierte ein paar Mal, dann wurden die Eltern nicht mehr draußen gesehen.

Berliner Morgenpost: Wenn Sie heute nach so vielen Jahren an den Missbrauch denken, welches Gefühl kommt da in Ihnen hoch?

Mona Michaelsen: Es ist immer noch ein schmutziges Gefühl, und das wird wohl auch nie weggehen. Darum will ich auch nicht, dass meine Kinder das Buch lesen. Sie wissen von dem Missbrauch, das reicht. Wenn Sie all das erfahren würden, was damals passiert ist, hätte ich das Gefühl, sie zu beschmutzen. Aber es ist inzwischen alles weit weg für mich. Das letzte Mal, dass ich schreiend aufgewacht bin, weil ich von meinem Stiefvater geträumt habe, ist Jahre her. Und dann ist da auch noch ein Gefühl von Trauer. Über die verlorenen Jahre. Es waren viele verlorenen Jahre.

Mona Michaelsen: "Flüsterkinder", Schwarzkopf & Schwarzkopf, 350 Seiten, 12,95 Euro