Bildung

"Sprachkompetenz ist schwerer zu erfassen als die Größe"

Mehrsprachige Kinder werden zu oft falsch eingeschätzt, glauben Sprachforscherinnen der Frankfurter Goethe-Universität. Petra Schulz und Angela Grimm forschen in ihrem vom Bundesforschungsministerium geförderten Projekt "cammino" zum Thema Mehrsprachigkeit am Übergang von Kindergarten zur Grundschule.

"Die Sprachkompetenz von mehrsprachigen Kindern wird viel häufiger über- oder unterschätzt als bei einsprachigen Kindern", sagt Petra Schulz. Eine der Gefahren: Fördermaßnahmen erreichen die Falschen.

Kurz vor der Einschulung werden Kinder von verschiedenen Institutionen begutachtet: von Erziehern im Kindergarten, von Lehrern der künftigen Schule, vom Kinderarzt bei den U-Untersuchungen und vom Schularzt. Dabei werde auch der Sprachstand eingeschätzt. "Aber die sprachlichen Fähigkeiten sind viel schwerer einzuschätzen als Gewicht und Größe." Schon bei einsprachigen Kindern reichten dafür ein paar Minuten nicht aus - bei mehrsprachigen sei es noch viel schwerer: "Da weiß man noch viel weniger, was man erwarten kann und was nicht. Und Sprachtests sind fast nie für mehrsprachige Kinder konzipiert."

Es sei egal, ob das Kind zu gut oder zu schlecht eingeschätzt wird, sagt Petra Schulz: "Beides ist fatal." Wird die Sprachkompetenz überschätzt, kommt es vielleicht einfach in die Regelschule ohne die nötige Sprachtherapie zu erhalten. Werden die sprachlichen Fähigkeiten unterschätzt, wird das Kind vielleicht in eine Sprachtherapie gesteckt, die unnötig Geld kostet und Kind und Eltern verunsichert. "Um die Sprachkompetenz besser einzuschätzen, brauchen wir mehr und besser ausgebildete Fachkräfte." Der Streit darüber, ob mehrsprachige Kinder sprachlich fitter oder weniger fit sind als einsprachige, ist nach ihren Angaben unter Wissenschaftlern beigelegt: "Sie können manches besser, manches schlechter und vieles genauso gut", fasst sie die Erkenntnisse zusammen. Beispielsweise könnten mehrsprachige Kinder besser "über Sprache nachdenken" und daher oft leichter weitere Sprachen lernen. Dafür benötigten sie "ein paar Millisekunden länger", um ein Bild zu benennen, "einfach, weil sie zwei Vokabeln zur Auswahl haben."

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