Reisen

Familienabenteuer auf der Autobahn

Die Zeugnisse sind verteilt, die Sommerferien sind da - jetzt heißt es ab in den Urlaub. Wer eins, zwei, drei Kinder hat, schaut in der Hauptsaison bei den Flugpreisen besser weg. Die Bahn ist für viele keine Alternative, weil entweder der halbe Hausstand mit muss oder Familien am Ferienort flexibel sein möchten.

Und so bildet sich auf den Autobahnen jährlich die zähflüssige Blechlawine, die die Reise mit Kind zur Qual machen kann: "Mama, wann sind wir da?"

Eine Frage, die Sabrina Mahrfurt gut kennt. Mit Mann Felix und drei Kindern macht sie sich von Rudow in Richtung Neapel auf: "Wir sind die Strecke schon gefahren. Vor ein paar Jahren, als die Kinder noch kleiner waren. Da ging es in die Nacht hinein los und nach 17 Stunden waren wir da." Im Nachhinein gehört der Marathon nicht zu den schönsten Urlaubserinnerungen der Geschwister. Trotz Büchern, Hörspielen und abwechselnden Sitzvarianten, bei denen sich die 37-jährige Grundschulpädagogin auch mal zwischen die zwei und vier Jahren alten Töchtern in ihren großen Kindersitzen quetscht, während der große Bruder vorne Papa-Pilot Felix assistiert, wird die Fahrt sehr lang: "Da fallen einem irgendwann keine Spiele mehr ein", gesteht die routinierte Familienstewardess.

Den Weg schon als Ziel betrachten

Nur wer gut plant und schon den Weg selbst als Ziel versteht, hat reelle Chancen einen gelungenen Urlaubsstart hinzulegen. Richtig planen heißt zunächst geschickt packen und die richtige Route zur rechten Zeit wählen. Wenn es der Biorhythmus des Fahrers zulässt, raten Verkehrsexperten morgens zwischen drei und vier aufs Gas zu treten. Die Koffer sind schon am Vortag gepackt und müssen zuerst verstaut werden. Dann trägt man die Kinder in den Fond und los geht es in der Stille der Nacht über leere Straßen. So kann man Kilometer fressen, bevor die hellen Stimmen sich von hinten melden.

Auch die Monns sind routinierte Italienfahrer. Jedes Jahr lockt ein Ferienhaus an der Riviera. Mit drei, manchmal vier Kindern im Siebensitzer wird Beinfreiheit klein, und Planung groß geschrieben. Die große Pause nahe Stuttgart ist genauso eingeplant wie die Übernachtung in der Schweiz. "Sicher ist sicher", sagt Thomas Monn. Das Quartier ist vorgebucht. Kindersitzgurte, Dachgepäckträger und die Kofferverstauung prüft er vor der Fahrt doppelt. Während der Tour setzt der Schauspieler auf Entertainment und hat Car-DVD-Player nachgerüstet. Die e-Nanny gibt es für 100 bis 150 Euro mit Doppelmonitor und Kopfhörer für beide hinteren Plätze. Direkt an den Kopfstützen montiert, sorgen sie für eine entspannte Kopfhaltung beim Nachwuchs. Elijah (7) und Amala (6) müssen sich nur auf den Film einigen, sonst bleibt der Schirm dunkel. Vater Thomas achtet aufs Konsensprogramm, und darauf, dass auch Linus (11) nicht zu kurz kommt. Dennoch bleibt der Reisetag für Kinder lang. In die Nacht hinein zu fahren rät Regina Ammel vom ADAC Berlin nur dann, wenn der Fahrer ausgeruht loslegt. Nach den Erfahrungen des Clubs ist das zu selten der Fall. Geht die Reise nicht vor der Rushhour los, ist es besser, die Hauptreisetage ganz auszulassen und einen Tag Urlaub zu Hause zu verbringen. Die vermutlich stärksten Reisetage und größten Nadelöhre hat der ADAC unter www.adac.de veröffentlicht.

Für Kinder gelten während der Fahrt klare Regeln. Ihre Sicherheit hat Vorrang. Jüngere gehören in den passenden Kindersitz. Wegen der Airbags, die auf Größe und Gewicht von Erwachsenen ausgelegt sind, vorzugsweise nach hinten und auf die Beifahrerseite. Müssen Säugling oder Kleinkinder wegen der Bauart des Pkw vorne mitfahren, sitzen sie gegen die Fahrtrichtung. Der Airbag sollte ausgeschaltet werden. Größeren Kindern reicht irgendwann die Beinfreiheit nicht mehr. Und es wäre doch schön, den Leuten im Wagen hinter einem zuzuwinken. Trotzdem gilt in allen Fällen. Anschnallen ist für Kinder Pflicht. Immer.

Einerlei, wann es losgeht, irgendwann rollt die Lawine. Die Mahrfurts haben aufgestockt und reisen heuer mit dem Van gen Süditalien. Mehr Platz entspannt die Fahrt für alle. Familie Jung düst im Polo mit zwei Kindern von Steglitz nach Südfrankreich. Nicht zum ersten Mal. Damit die 1500-Kilometer-Reise im Kompaktwagen nicht zu anstrengend wird, hat sie die Familie nach festen Ritualen getaktet. Pia darf als Jüngste beim Losfahren hupen. Alle kennen wichtige Landmarken. "Links die Elbe, rechts das selbe", heißt es bei Dessau. Und sie freuen sich auf feste Pausenpunkte. Der ADAC bietet mit seinem Raststättentest Wegmarken für familienfreundliche Rastplätze. Viele sind es nicht. Oft ist es besser, abseits der Piste nach einem ruhigen Flecken zu suchen. Wer die Reiseroute ausdruckt, schafft auch für den Nachwuchs die Möglichkeit, sich einen Überblick zu verschaffen und die Reise etappenweise abzuhaken.

Möglichkeiten Kinder während der Fahrt zu beschäftigen, gibt es viele. Die Klassiker wie Karten spielen funktionieren ohne Strom. Beim Autokennzeichen raten gibt es Punkte für die richtige Stadt und für die originellste Übersetzung des Buchstabensalats. MOL muss ja nicht immer "Märkisches Oderland" heißen. "Martin ohne Lutscher" geht auch. Selbst alte Bildungsspiele wie "Stadt, Land, Fluss" haben für Kinder einen Reiz, wenn sie neue Kategorien raten können. Wenn der Wagen rollt und alle hocken, wachsen der Fantasie Flügel. Eine schöner Zeitvertreib für Schulkinder sind Reihum-Geschichten. Ein Elternteil beginnt mit: "Ich freue mich auf", und der/die Jüngste setzt den Anfangssatz der Geschichte fort. Dem aufsteigenden Alter nach fügen alle je einen weiteren hinzu. So entstehen Familienabenteuer zwischen Lenkrad und Kofferraum, die alle daran erinnern, warum sie die lange Fahrt auf sich nehmen.

Leichte Kost und Mama hinten

Gummibärchen als Belohnungen versüßen die Spielsiege. Isabelle Keller von der deutschen Gesellschaft für Ernährung rät bei langen Fahrten zwar zu Vollkorn, Obst und Gemüse, um den Magen nicht zu belasten. Aber auch die Expertin weiß, dass es in kleinen Dosen auch mal nur süß sein darf. Leichte Kost und viel Wasser sind auch sinnvoll, um Übelkeit vorzubeugen. Trinken hält fit. Faktor zwei der Übelkeit ist neben den richtigen Snacks die Blickrichtung. Vor allem Heranwachsende, die auf das Magnetspiel oder die Spielkonsole fixiert sind, können durch die parallel vorbeirasende Landschaft irritiert werden. Übelkeit ist die Folge. Hier hilft Anhalten und frische Luft schnappen oder in die Ferne über den Horizont sehen. Für Kinder ab sechs Jahren gibt es Kaugummi-Dragees gegen Reiseübelkeit. Und auch die gute alte Spucktüte sollte griffbereit sein. Beides kann sich auszahlen, wenn elektronische Unterhalter ins Spiel kommen. Doch wie die neunjährige Pia haben viele Kinder einen schlichten Unterhaltungs-Wunsch: "Mama soll hinten sitzen."