Fußball

Das kickende Klassenzimmer

Auf einem Eliteinternat in Potsdam werden Mädchen neben dem Lernen sportlich gefördert. Mit Erfolg: Ihre Mannschaft gewann die Schul-Weltmeisterschaft im Frauenfußball in Brasilien

Foto: © JÖRG KRAUTHÖFER

Es ist heiß, die Sonne brennt, die Mädchen haben schon eineinhalb Stunden Unterricht hinter und einen langen Tag vor sich. Aber das ist der Gruppe von Fußballerinnen auf dem Sportplatz nicht anzumerken. "Geh durch, geh durch", brüllen sie und "hierher" oder "schieß zu mir". Ehrgeizig sind sie alle, sonst wären die elf Mädchen nicht hier auf dem Trainingsplatz des Olympiastützpunktes Potsdam. Sie alle sind Schülerinnen der Sportschule gleich nebenan, die als eine der deutschen "Eliteschulen des Mädchenfußballs" den weiblichen Kicker-Nachwuchs ausbildet. Gerade einmal zehn Mädchen werden jährlich neu in die Sportschule aufgenommen, zwei Plätze pro Jahrgang werden für später dazu kommende Schülerinnen freigehalten.

Maike ist in der achten Klasse nach Potsdam gekommen. Fußball gespielt hat sie schon immer, das liegt in der Familie: Ihr Vater ist Trainer, der ältere Bruder spielt auch, "aber nicht so gut wie ich", sagt die 16-Jährige und grinst. Eine Freundin, mit der sie zu Hause in Niedersachsen in der Mannschaft gespielt hatte, war schon in Potsdam und erzählte Maike davon, "dann wollte ich auch hierher". Sie bestand die Aufnahmeprüfung und zog in das Internat, in dem 380 der insgesamt 600 Schüler leben.

Immerhin war ihre Freundin schon da, die übrigen Freunde blieben zu Hause in Niedersachsen, mehr als 300 Kilometer entfernt, "aber die sehe ich jedes Mal, wenn ich zu Hause bin", sagt Maike. Die Eltern mussten sich auch erst dran gewöhnen, dass ihre Tochter plötzlich nicht mehr bei ihnen wohnt. "Damit müssen sie sich abfinden", sagt Maike ganz pragmatisch, und außerdem seien sie natürlich sehr stolz auf ihre sportliche Tochter.

Neben dem Sport fürs Abitur lernen

Die hat immerhin in diesem Jahr schon einen Weltmeister-Titel geholt: Die Mannschaft der Potsdamer Sportschule siegte in Brasilien im Finale der Weltmeisterschaft im Frauenfußball der Schulen und Maike war dabei. Ihre Eltern verfolgten aus der Ferne, wie die Potsdamerinnen nur ganz knapp die Vorrunde überstanden - und sich dann zum Titel schossen. Mit der U 17 von Turbine Potsdam wurde sie gerade Deutscher Meister der B-Juniorinnen, in der nächsten Saison wird sie voraussichtlich in der 2. Frauenbundesliga spielen.

Auf eine Karriere als Fußballerin will sich Maike trotzdem nicht verlassen, und genau deshalb ist sie auch so froh, in Potsdam zur Schule gehen zu können: weil sie hier Training und Lernen miteinander kombinieren kann. Sie will unbedingt das Abitur machen und dafür haben die Schüler der Sportschule länger Zeit als andere. Sie dürfen die Prüfungen auf mehrere Jahre verteilen, damit neben dem Lernen Zeit für den Sport bleibt. Danach will Maike studieren - und weiter Fußball spielen.

Aber einfach so im nächsten Sportverein am Wochenende mal ein bisschen kicken, das ist auch nicht das Ziel. "Es soll schon was Höheres sein", sagt Maike. Erste oder vielleicht zweite Bundesliga? Dazu sagt Maike lieber nichts. Aber ein bisschen träumen die Mädchen auf dem Trainingsplatz wohl alle von einem Platz in der Frauen-Nationalmannschaft. So wie Babett Peter und Bianca Schmidt, die beide in Potsdam zur Schule gingen und von Sonntag an für Deutschland antreten werden.

Ohne Ehrgeiz und festen Willen wäre der straffe Zeitplan an der Sportschule kaum zu bewältigen. Zwei Trainingseinheiten von je eineinhalb Stunden haben die Mädchen täglich, dazu kommen Mathe, Deutsch, Geschichte, der ganz normale Schulalltag. Denn auch wenn hier Weltmeisterinnen zur Schule gehen: Sport ist nicht alles. "Wir haben hier Sportarten, mit denen man in der Regel nicht seinen Lebensunterhalt verdienen kann", sagt Schulleiter Rüdiger Ziemer. "Deshalb ist eine gute Schulbildung so wichtig. Alles andere wäre fahrlässig." Schon bei der Aufnahme legt die Schule großen Wert darauf, dass die Schüler "leistungsfähig genug sind, um die Doppelbelastung auszuhalten", sagt Ziemer. Ziel ist das Abitur. "Besonderen Talenten" im Sport, die in den übrigen Fächern nicht so erfolgreich sind, bietet die Schule Extra-Förderung an. In diesem Jahr legten 56 Schüler an der Gesamtschule das Abitur ab, 20 bis 30 gehen jährlich mit dem mittleren Schulabschluss ab.

Neben den zehn Fußballerinnen jährlich werden noch 22 Leichtathleten, 16 Ruderer, 14 Schwimmer, bis zu fünf Triathleten, sechs moderne Fünfkämpfer, 14 Kanuten, zehn Judokas, zehn Handball-Jungen und sechs Volleyball-Mädchen aufgenommen. Längst nicht jeder von ihnen schafft es bis an die Spitze. Wenn dann den Schülern und ihren Familien klar wird, dass die Sportkarriere zu Ende geht, "das löst eine ganz tiefe Krise aus", sagt Schulleiter Ziemer. "Aber die meisten kriegen den Fuß dann wieder in die Tür und orientieren sich anderweitig: zum Beispiel im Medienbereich, in unserem Afrikaprojekt oder sie leiten schon als Schüler Trainingsgruppen." Und vergeudete Zeit ist der Aufenthalt trotz allem nicht: "Viele ehemalige Schüler sagen, sie hätten hier gelernt, sich zu organisieren, die Zeit einzuteilen, Ziele zu verfolgen - und das nehmen sie dann ins Studium oder in eine Ausbildung mit", berichtet der Schulleiter.

Erzieher statt Eltern

Und viele Schüler nehmen eben auch noch mehr mit: Deutsche Meister-Titel, Weltmeister-Titel und immerhin schon 64 olympische Goldmedaillen, die meisten im Rudern und Kanu.

Olympiatraining und Mathe-Hausaufgaben - das passt nur deshalb in den Zeitplan, weil Trainingsgelände und Klassenraum direkt nebeneinander liegen. Die Ruderer können direkt hinter dem Haus starten - die Schule liegt am Templiner See. Für die übrigen Sportarten gibt es den Olympiastützpunkt nebenan. Und auch der Schulweg ist für die meisten Schüler ganz kurz: Gut die Hälfte von ihnen wohnt im Internat direkt auf dem Gelände. Immer zwei Schüler teilen sich dort ein 13 Quadratmeter großes Zimmer, vier bis sechs Schüler ein Bad.

Zwei Erzieher pro Stockwerk sollen die Aufgaben übernehmen, die zu Hause die Eltern hätten: an die Hausaufgaben erinnern, darauf achten, dass die Schüler genug Schlaf bekommen, aber auch trösten, wenn mal ein Wettkampf daneben geht. Als die Fußballerinnen von der Schul-WM in Brasilien zurückkehrten, standen die Erzieher mit einem Plakat am Flughafen, um sie zu begrüßen, erzählt Internatsleiterin Barbara Kuhl.

Die Eltern ersetzen aber können die Erzieher nicht. Maike ruft täglich zu Hause an, "schon seit drei Jahren", erzählt ihr Vater. Wenn es Tränen gibt, sind die Eltern zuständig, wenn es etwas zu feiern gibt auch. Und den Alltag organisiert Maike längst allein: "Das zeichnet sie einfach aus", sagt Michael Lotze, "Maike ist sehr diszipliniert, wenn es darum geht, Schule und Fußball zu koordinieren. Sonst könnte sie das alles gar nicht schaffen."

Dass sie so weit weg ist von zu Hause, von den Eltern, den alten Freundinnen, das nervt Maike gelegentlich. Aber "die Atmosphäre mit den Mädels" macht das wett, sagt sie. Zu den "Mädels" zählt zum Beispiel ihre Zimmergenossin Jennifer, die für Maike längst eine Art Familienersatz ist. Und auch Jennifer vermisst die alten Freundinnen zu Hause in Eberswalde nur manchmal. Schließlich sieht man sich an den spielfreien Wochenenden, wenn die Schülerinnen nach Hause fahren. Und außerdem hat sie in Potsdam Maike und die anderen Mädchen aus der Mannschaft. Dass sie alle Konkurrentinnen sind, belaste die Freundschaften nicht, versichert die 17-Jährige: "Wir trennen Fußball und Privates."