Ratgeber

Meine Tochter denkt überhaupt nicht über ihre Zukunft nach

Meine 16-jährige Tochter Carolin will ausziehen. Sie habe genug von mir und meiner Kritik an ihr und wolle endlich selbst über ihr Leben entscheiden. Dabei weise ich sie nur auf ihre Sprunghaftigkeit hin: Im vergangenen Jahr hat sie die Schule gewechselt, aber der Erfolg war, dass sie jetzt die Versetzung in die Oberstufe nicht schafft. Darüber macht sie sich aber gar keine Gedanken, sie denkt immer nur von heute bis morgen. Mein getrennt lebender Mann hält sich seit Jahren da raus, findet mich schon immer "hysterisch" und meint, ich solle "loslassen". Katja B., per Email

Der Konflikt zwischen Abhängigkeit und Selbstständigkeit ist das große Thema aller Jugendlichen. Dabei wird häufig die innere Autonomie mit äußerer "Freiheit" verwechselt. Es kommt zu sogenannten pseudo-autonomen Vorstellungen und Verhaltensweisen. Gerade bei Versagen dieser Strategie (Misserfolg in der Schule) kommt dann oft ein trotziges "jetzt erst recht". Warum findet Carolin nicht die notwendige Bodenhaftung? Was treibt sie, wie Ikarus, immer weiter und höher? Die Haltung Ihres Mannes erscheint mir recht gleichgültig, so dass es nicht verwundert, dass Carolin auf sich aufmerksam machen muss. Aber warum ist es Ihnen nicht gelungen, Vater und Tochter auf Verbindlichkeit festzulegen? Wo ist die haltende Verbindung zwischen Ihnen Dreien? Es erscheint notwendig, in familientherapeutischen Sitzungen die Verhältnisse zu klären und die grundsätzlichen Fragen des Kontakts und der Kommunikation untereinander zu besprechen.

Keinesfalls sollten Sie Carolins Drängen einfach nachgeben: Es würde eine neue Runde in luftigen Höhen mit Absturzgefahr bedeuten. Allerdings sind therapeutische Wohngruppen für Jugendliche eine gute Alternative, wenn die familiäre Unterstützung an eine Grenze kommt. Dabei wäre auch zu klären, inwieweit Carolin das Muster von Unverbindlichkeit und Kurzsichtigkeit schon verinnerlicht hat. Professionelle Hilfe durch Familienberatung und öffentliche Jugendhilfe könnte eine tragende Säule bei der Neuausrichtung Ihrer eigenen Sicht auf die Familie sein und Carolins berechtigte Wünsche nach Selbstständigkeit in ein weniger gefährliches Fahrwasser geleiten.

Dr. Andreas Wiefel, ehemals Oberarzt an der Kinder- und Jugendpsychiatrie-Klinik der Charité, ist Kinder- und Jugendpsychiater mit eigener Praxis in Kreuzberg

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