Sportlich aktiv im hohen Alter

Das Fahrrad als Glücksmotor

Schon als kleiner Junge träumte Kurt Breuer von einem eigenen Fahrrad - in einer Zeit, als Fahrräder noch längst nicht selbstverständlich ins Straßenbild gehörten. Mit zehn Jahren hatte er dann 50 Mark zusammen, gerade genug für sein Wunschobjekt. Bei E & P Stricker, damals eine bekannte Fahrradfabrik in Bielefeld, bestellte er eines im Versandhandel - "das war am billigsten". Stolz fuhr er fortan mit seinem Rad zur Schule, zu Freunden und einfach so herum.

Bis heute hat sich diese Leidenschaft für Zweiräder bei dem 83-Jährigen gehalten. "Zwischenzeitlich hatte ich mal sieben Räder", erzählt er lachend. Ein Leben ohne Rad - das kann sich Kurt Breuer nicht vorstellen, aber so richtig Zeit für größere Touren hatte er erst, als er vor knapp 20 Jahren in den Ruhestand ging. Ihm geht es schließlich nicht darum, mit dem Rad durch den Tiergarten oder den Grunewald zu fahren. Auch ein Fahrradausflug zum Wannsee ist für ihn nur ein Klacks. Nein, wenn Kurt Breuer radelt, dann richtig: Er ist schon mit dem Rad die Donau entlang von Passau nach Wien gefahren, und vom Bodensee nach Rotterdam. Die Elbe, die Weser, das Altmühltal - alles hat er auf Pedalen erkundet. "Mit dem Fahrrad habe ich die Welt entdeckt."

Rentner betreiben länger Sport

Fahrradfahren mit über 80 Jahren - heute ist das keine Seltenheit. Immer mehr Senioren treiben Sport, noch bis ins hohe Alter. Das hat auch der Landessportbund Berlin beobachtet. Waren 2001 noch 10,5 Prozent aller Berliner der Generation 50-plus in einem Sportverein aktiv, sind es in diesem Jahr bereits 12,5 Prozent. Bei den 50- bis 60-Jährigen sind das 58 157 Personen, bei den Über-60-Jährigen sogar 95 439. Die tatsächliche Zahl sportlich aktiver Senioren dürfte allerdings noch höher liegen, weil bei dieser Aufstellung die meisten privaten Sporteinrichtungen nicht berücksichtigt werden.

Hauptmotivation für das sportliche Engagement sei das gestiegene Gesundheitsbewusstsein, sagt Katja Sotzmann vom Landessportbund Berlin. Doch so exzessiv wie Kurt Breuer betreiben wohl die wenigsten ihren Sport: 100 Kilometer am Tag sind für ihn Standard. Seit 15 Jahren ist der rüstige Rentner Mitglied in der Seniorengruppe des ADFC in Potsdam. Seit etwa zehn Jahren als ältestes Mitglied. "Alterspräsident" nennen die anderen ihn. Und er ist ihr Vorbild: So fit wie Kurt Breuer möchten hier alle bleiben. Breuer selbst ist stolz darauf, dass er keine Medikamente nimmt und auch keine Zipperlein hat. Zumindest kaum: Die Knie, die bereiten ihm schon mal Probleme. Aber auf dem Fahrrad merkt er davon nichts.

Am meisten beeindruckt haben Kurt Breuer wohl die Fahrten nach Polen, die er im Rahmen eines Benefizmarathons der "Gesellschaft für gute Nachbarschaft zu Polen" mitmachte: nach Warschau und Danzig ging es da. Eindrucksvoll auch, weil Breuer mit dieser Fahrt nach fast 60 Jahren wieder in das Land seiner Kindheit kam. Breuer wurde zwar 1927 in Berlin geboren, wuchs dann aber bei seinen Großeltern in Schlesien auf. Als 14-Jähriger ging er nach Gotenhafen, heute Gdingen, in der Nähe von Danzig, um Schweißer zu lernen. Dann erlebte er den typischen Werdegang eines Jugendlichen in den 40er-Jahren: Nach einer kriegsbedingten Notprüfung wurde er eingezogen, wanderte in Gefangenschaft und kam erst 1947 wieder frei - und nach Berlin.

Eines fehlte ihm damals: sein Fahrrad. Zwei Jahre musste Kurt Breuer sparen und warten, bis er sich wieder eines kaufen konnte. Fast jede Strecke hat er seitdem mit dem Fahrrad bewältigt - egal, wie weit, egal, ob es regnete oder stürmte: Kurt Breuer radelte. Irgendwann lernte er Christa kennen - fünf Jahre jünger war sie, eine lebensfrohe Frau. Nur Radfahren konnte sie nicht. Ihr Kurt hat versucht, es ihr beizubringen, aber das klappte nicht. Seine Christa landete im Graben und wollte danach nicht mehr. Viel später kam Breuer auf die Idee, mit ihr Tandem zu fahren. Er vorne, sie hinten, da musste sie nur treten, ums Lenken kümmerte er sich. Das klappte. So gut, dass Christa und Kurt Breuer jahrelang zusammen Touren fuhren. Und er war glücklich, mit ihr sein liebstes Hobby zu teilen.

An ihren ersten Tandem-Ausflug erinnern sich beide noch heute - wenn die Erinnerungen auch unterschiedlich ausfallen: An der S-Bahn Grunewald gab es einen Verleih, von dort ging es nach Steinstücken, eine Berliner Exklave während des Kalten Krieges bei Babelsberg. "Das war ja nicht so weit", sagt Kurt Breuer. "Das war ein ganz schöner Hammer", sagt Christa Breuer. Zurück konnte "Mutter" dann nicht mehr, daran erinnert sich ihr Mann, "naja, da mussten wir eben einen Gang runterschalten". Aber was er heute nicht mehr im Kopf hat, ist ihr immer noch präsent: "Ich hatte überall Krämpfe, und dann erst der Muskelkater!"

Bis vor ein paar Jahren hat das Ehepaar Tandem-Touren gemacht, nun erlaubt es die Gesundheit von Christa Breuer nicht mehr. Aber sie ist froh, dass ihr Mann weiter radelt: "Es tut ihm doch so gut", sagt sie und ergänzt lachend: "Außerdem würde er es ja doch tun, davon kann ich ihn nicht abbringen." Unglücklich ist sie jedenfalls nicht, auch mal allein in der Wohnung in Tiergarten zu sein. "Man kann auch glücklich sein, wenn man nicht alles zusammen macht", glaubt sie und außerdem ist sie es gewohnt, auch mal für sich zu sein. Schon während seines Berufslebens war er viel auf Montage.

Beim Sport Kontakte knüpfen

Dass Kurt Breuer immer seinem Rad treu geblieben ist, das sei typisch für die sportlichen Rentner von heute. Auch wenn manch einer erst im Ruhestand mit einer sportlichen Aktivität beginnt, würden doch viele heute länger als früher "ihren" Sport weiterführen, sagt Katja Sotzmann vom Landessportbund. Besonders, wenn man ihn auch in Gesellschaft betreiben kann. "Die soziale Komponente ist groß", erklärt Katja Sotzmann, "viele Gruppen machen erst zusammen Sport und danach noch gemeinsam kulturelle Aktivitäten." Insbesondere Frauen wollten beim Sport Kontakte knüpfen. "Männer hingegen messen sich auch im Alter gern in ihren Leistungen", sagt Sotzmann.

Für Kurt Breuer spielt beides eine wichtige Rolle. Messen kann er sich allerdings nur noch mit sich selbst - in seiner Altersgruppe kennt er niemanden, der noch so aktiv radelt wie er. Bis vor ein paar Jahren fuhr er immer mit einem Freund, doch der ist inzwischen verstorben. Wenn Breuer mittwochs zu seiner Radlergruppe nach Potsdam fährt, startet er gegen 7.30 Uhr. Sein Fahrrad nimmt er meist bis Wannsee mit in die S-Bahn. Von dort radelt er zum Hauptbahnhof Potsdam, wo sich die Seniorengruppe trifft. Eigentlich geht es dort erst los - zu Fahrten bis zu 100 Kilometer. Manchmal hat Kurt Breuer dann immer noch nicht genug und fährt mit dem Fahrrad auch noch die 27 Kilometer zurück nach Hause, Durchschnittsgeschwindigkeit 18 km/h.

Sorgen macht sich Christa Breuer kaum, wenn ihr Mann unterwegs ist, er habe ja immer ein Handy dabei und trägt bei seinen Touren einen Helm: "Er trinkt nur viel zu wenig", sagt sie und schiebt ihm fürsorglich ein Glas Selters hin. Doch Kurt Breuer hat nicht viel Zeit zum Trinken, er weiß noch so viel zu erzählen: Davon, wie er seinem Sohn ganz Berlin mit dem Fahrrad gezeigt hat, von seinen Touren, die er im Sommer vom Campingplatz aus macht, er zeigt Fotos, die er von seinen Touren gesammelt hat und das dicke Album, das ihm der ADFC zu seinem 80. Geburtstag zusammengestellt hat.

Und dann zieht sich Kurt Breuer um - fürs Foto möchte er schließlich flott aussehen. Spätestens als er ein paar Minuten später in Trikot und Radlerhose zu seinem Fahrrad geht, hat man völlig vergessen, dass dieser Mann tatsächlich 83 Jahre alt ist. "Ein paar Jahre will ich noch fahren", sagt er, "mit 90, da wird dann aber wahrscheinlich Schluss sein." Er lacht, ein schelmisches Lachen fast, denn sein 'wahrscheinlich' klingt eher wie ein 'vielleicht'. Wahrscheinlicher ist wohl, dass Kurt Breuer auch in sieben Jahren noch lässig sein Bein über den Sattel schwingt.