Zooreporter

Vom Kullerauge zum Morgenstern

Man darf ihn auf keinen Fall erschrecken - sonst wird er zum Morgenstern aus Fleisch, Knochen und Horn. Der Igelfisch. Mancher Restaurantbesucher hat ihn in der Dekoration entdeckt: rund - stachelig - tot. Wer "Findet Nemo" kennt: Es ist der Kugelfisch aus dem Aquarium des Zahnarztes in Sydney.

Das Tier schluckt in Sekundenschnelle ganz viel Wasser, bläht sich kugelrund und spannt so seine Stacheln auf. Zur Verschlankung spuckt es das Wasser wieder aus. Ein Beobachter sieht nur das Würgen. "Ein ungewöhnlicher Anblick", findet Reviertierpfleger Christian Heller aus dem Aquarium Berlin. Er hat seit März zwei Igelfische im Bestand. Die Kugelfischart Diodon hystrix - das heißt Zweizahn - wurden von einem Händler aus der Karibik geliefert. Normalerweise sind Igelfische bis zu einen Meter große Einzelgänger, die ihr Revier verteidigen. Doch die Neuberliner in Landschaftsbecken Nummer 5 sind anders, sie sind sogar lieb zueinander.

Die Zweizähner sind nun die härteste Platte Berlins - am Maul gemessen. Statt Zähnen tragen sie zwei Kauplatten: Ihre Schnute steht beim Schwimmen ein wenig offen. Die großen, dunklen, runden Augen wirken auf manche menschlichen Betrachter wie die Kulleraugen von Kleinkindern. Doch spätestens zur Fütterung denkt man an Figuren von Stephen King. Dann zerteilen die Igelfische die Krabben und Garnelen, Schnecken und Seeigel mit einem Biss. Brutal? Effektiv! In den tropischen Weltmeeren leben erwachsene Igelfische in Bodennähe. Das ist ihr Jagdrevier. Sie legen mit ihrem Wasserstrahl Krebse im Sand frei und fressen sie auf.

Im 25 Grad warmen Aquariumswasser gehen sie auf Tuchfühlung. Einer hat bereits an Hellers Taucheranzug genuckelt, an der Stelle, wo Heller seine Schlüssel einhängt, wenn er auf Putz-Tauchgang geht. Der Igelfisch mochte das Glitzern und Glänzen - wie eine Elster. Wenn Heller im Aquarium unterwegs ist, achtet er besonders auf seine Finger - falls die Igelfische mal ausprobieren wollen, wie die weißen, wurmartigen Teile schmecken. Wichtig ist, dass die Neuzugänge sich nicht erschrecken und als fischiger Morgenstern in ihm stecken. Sie sind mit Schleim ummantelt, der die menschliche Haut rötet. "Brennt wie Brennnesseln", sagt Heller. Er muss es wissen: beim Umsetzen hat er einen Fisch berührt.

An den Korallen des Riffs hängen bleiben kann der Fisch übrigens nicht, seine Stacheln liegen im Friedenszustand glatt und geschmeidig an. Wie viele es sind, weiß Heller nicht. Aber Platz für Schuppen ist keiner mehr.

Der Schutz ist ein Rundumpaket: vom schlammfarbigen, dunkel gepunkteten Rücken bis zum weißen Bauch ziehen sich die kalkweißen Waffen. Die Farben sind Tarnung - um von oben wie Meeresboden, von unten wie der Himmel auszusehen.

Das Fleisch des (giftigen) Fisches ist Abenteuerlustigen eine Delikatesse.

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