Technik

Generationentreff im Internet

Als Linus vor gut elf Jahren auf die Welt kommt, schickt Oma Ursula eine bunte Glückwunschkarte mit der Post. Die jungen Eltern setzen schon auf das neue Medium Internet. Per E-Mail verbreiten sie die frohe Nachricht - bis hin zu fernen Freunden in die USA.

Linus gehört zu den "digital Natives", jenen Eingeborenen des virtuellen Dorfes, die keine Zeit ohne Internet und Handy kennen. Seine Großmutter Ursula Leifert verbringt noch heute bewusst keine Minute mit solchem Gerät. Aber wie funktioniert ein Leben ohne Internet und Mobiltelefon überhaupt?

Die Generationen treffen sich ganz real zum Erfahrungsaustausch. "Gäbe es kein Internet, müsste es einer erfinden ", sagt Fünfklässler Linus. "Ich kann mir eine Welt ohne Internet nicht vorstellen." Sein letztes Referat über die Pyramiden recherchierte er mit dem eigenen Laptop. "Da gehe ich erst mal auf Google, dann auf Wikipedia. Das reicht meist schon. Und dann drucke ich über Google-Bilder noch die Fotos für das Plakat aus." Auf die Frage, wo er nachschauen würde, wenn es das Internet nicht gäbe, wischt Linus den Pony aus den Augen, legt den Kopf schief und sagt: "Puuhh, mal überlegen!... Ich würde vielleicht ins Reisebüro gehen, die kennen sich ja aus mit Ägypten... Moment mal, da gibt es auch noch die Bücherei." Man hört ihm an, wie umständlich er das findet. Der ganze Nachmittag wäre hin.

"Das ist mir zu unpersönlich"

Seine 60 Jahre ältere Großmutter nimmt sich die Zeit. Die Bahnfahrkarten für die regelmäßigen Enkeltreffen lädt sie nicht unter www.bahn.de herunter, sondern sie radelt zum Bahnhof. Da kann sie auch gleich die hübsche Postkarte für die zweite Enkelin aussuchen, um sich für deren Urlaubsgrüße zu bedanken. Eine E-Mail wäre ihr viel zu unpersönlich: "Manche senden sogar Beileidsbekundungen per SMS übers Handy. Das geht doch nicht." Wie respekt- und distanzlos Technik machen kann, erlebte sie neulich im Zug. "Links saß einer neben mir, der erzählte am Telefon in allen Einzelheiten, wie er mit seiner Freundin Schluss gemacht hat. Rechts schilderte einer die blutigen Details seiner Oberschenkelhals-OP. Eine Reihe hinter mir hört der Nächste laut Videos im Internet. Die Leute haben doch kein Gefühl mehr dafür, was sie anderen zumuten."

Das Internet bringt nicht nur Tempo und die Welt in unsere Stube, sondern auch Anmaßungen. Rechnungen für Strom und Telefon oder Kontoauszüge erreichen Ursula Leifert neuerdings online über den Rechner von Ehemann Herbert. Wenn die Leiferts sie weiter per Post haben möchten, müssen sie draufzahlen. Kinokarten übers Telefon zu reservieren, endet in kafkaesken Endlosschleifen. Eine Stelle über die Zeitung zu finden, ohne vorher die Homepage des Wunschunternehmens zu checken, wirkt weltfremd. Die Technik erzwingt Teilhabe in Echtzeit - beruflich wie privat. Eine Umfrage von Light-Speed-Research unter 1600 Facebook-Nutzerinnen zwischen 18 und 24 Jahren ergab, dass ein Drittel von ihnen täglich als erstes die Facebook-Seite besucht, noch vor Bad und Morgenkaffee. Sie bezeichnen sich selbst als süchtig und verkehren mit mehr Menschen im Netz als von Angesicht zu Angesicht.

Linus findet das eher unpraktisch. Fußball kann er nur draußen und gemeinsam spielen. Einige Mitschüler sind allerdings in sozialen Netzwerken wie SchülerVZ unterwegs: "Da unterhält man sich, indem man schreibt", fasst Linus für Oma Ursula zusammen, was er lieber persönlich erledigt. Über den Datenklau auf Schülerseiten weiß Linus ebenso Bescheid wie über das Thema Cybermobbing, die üble und anonyme Nachrede in sozialen Netzwerken. Medienerziehung in Zeiten des Internet heißt mehr denn je Kinder anzuleiten, auf ihre Daten und ihr Online-Zeitbudget aufzupassen - und zu wissen, dass Abschreiben von Seiten wie www.klassenarbeiten.de fürs Referat ebenso wenig lohnt wie für die Doktorarbeit. Das Netz vergisst nie, und einer merkt es immer.

Trotz der Risiken findet Linus das Internet gut. Denn der Laptop ist nicht nur ein Werkzeug, sondern auch ein prima Spielzeug. Für iPhone und iPad gibt es Spiel- und Lern-Apps schon für Zweijährige. In Hortgruppen ist die Ecke mit dem PC, auf dem die Gratis-Games von www.spieleaffe.de laufen, stark belagert. Geschätzte 20 Millionen Online-Spieler soll es hierzulande geben.

Auch Lars und Jason gehören dazu. Die Neuntklässler haben das Telefon auf laut gestellt. Sie spielen gerade World of Warcraft (WOW). Auf dem Bildschirm fighten sie Rücken an Rücken. Unplugged drücken sie zwei Schreibtischstühle in Steglitz und Lichtenrade. Pausieren oder mit den Eltern Abendbrot essen? Geht nicht. Die Monster können nur gemeinsam geschlagen werden. Den anderen allein zu lassen wäre grob unsozial. Beim Fußball geht ja auch keiner bei 0:0 in der achtzigsten Minute vom Platz. Der Gruppendruck einer Fußballmannschaft und einer "Gilde" bei WOW ist der gleiche.

Feste Spiel- und Ruhezeiten durchzusetzen ist eine der Herausforderungen, die das Netz an die Eltern stellt. Für alle, die selbst beruflich Tag und Nacht via Handy und Mail erreichbar sind, ist das leichter gesagt als selbst vorgelebt. Der Journalist Christoph Koch kehrte zum Test in die mediale Steinzeit zurück. "Ich bin dann mal offline" heißt sein Buch zu 40 Tagen Webabstinenz. In den ersten Tagen kämpfte er mit Kopfweh, Unruhe, Gereiztheit. Am Ende seines Experiments rät er zum Internet-Sabbat. Einfach mal 24 Stunden abschalten, unerreichbar sein. Vielleicht einen Brief schreiben. Mit Stift und Papier. Da muss man überlegen, was man sagen will, denn löschen geht nicht.

Einfach mal abschalten

Ursula Leifert braucht für solche Einsichten keinen Entzug. Ihr Zug hat Berlin erreicht. Per Festnetz hatte sie vorab mit ihrer Tochter Ort und Zeit zum Abholen ausgemacht. Die Generation Handy hätte erst mal locker ein Date zusammen gesimst, es zeitlich verschoben, um es dann in Echtzeit an einen anderen Ort zu verlegen: "Trink doch einen Latte M. + simse das Café. Komme etwas später, LG." Ursula Leiferts Unplugged-Methode fordert preußische Pünktlichkeit. Oder schafft Verbindlichkeit. Je nach Lesart.

An Linus' Schreibtisch zeigen sich Oma und Enkel dann gegenseitig, wie sie ein Referat zum Taj Mahal recherchieren - mit Hilfe des Lexikons oder per Internet. Sie schauen, staunen und lachen viel zusammen. Wer indes glaubt, dass die Arbeit digital immer schneller geht, dem gibt der Soziologe Hartmut Rosa etwas zum Nachdenken. Der Jenaer Professor habilitierte zu dem Thema "Soziale Beschleunigung. Die Veränderung der Temporalstrukturen." Er hat dem Internet den Puls gefühlt. Seine Diagnose für digitale Antreiber und Nachläufer: "Ihr schafft es eh' nicht, also lasst euch Zeit."

Ursula Leifert und Linus haben sie. Nach dem Ausflug ins World Wide Web wollen die beiden nach Werder - zum Erdbeeren pflücken. "Oma weiß nämlich noch, wie man Marmelade kocht", sagt Linus.