Ratgeber

Wie viel Freiraum brauchen Pubertierende?

Ich bin alleinerziehende Mutter einer inzwischen zwölfjährigen Tochter. Melanie hat eigentlich von Geburt an einen ziemlichen Dickkopf gehabt - ganz wie ich auch. Deshalb gab es schon immer viele Auseinandersetzungen zwischen uns, die wir aber zumeist ganz gut gemeistert haben. In letzter Zeit eskalieren die Konflikte jedoch: Bei jedem noch so nichtigen Anlass macht Melanie ein Riesengeschrei, und was immer ich dann mache, es ist falsch.

Ist Melanie jedoch bei Freunden oder Bekannten zu Besuch, ist sie wie verwandelt: freundlich, hilfsbereit und fröhlich! Was läuft zu Hause falsch?

Annika P. aus Steglitz

Ihre Schilderung legt die Vermutung nahe, dass bei Ihnen nichts falsch läuft, sondern dass Melanie in die Pubertät gekommen ist! Der Arbeitskreis Neue Erziehung e.V. hat zum Thema Pubertät zwei sehr hilfreiche Extrabriefe (Nr.1 zur Vorpubertät 10-13 Jahre, Nr.2 zur Pubertät 13-17 Jahre) herausgegeben. Daraus einige Zitate, die sich auf Ihre Frage beziehen: Wie viel Freiraum brauchen Heranwachsende, wie viel Grenzen sind nötig? Rezepte gibt es nicht. Die Balance zwischen "Loslassen" und "Dranbleiben" (beides ist wichtig!) müssen Eltern in ihrem Alltag mit ihrem ganz besonderen Kind selber finden bzw. aushandeln. Hilfreich dazu ist, ab und zu (innerlich) einen Schritt zurückzutreten und die Dinge auch mal aus Sicht der Jugendlichen zu betrachten. Das schafft Abstand und vergrößert den Handlungsspielraum. Zum Glück haben viele Eltern Ähnliches überstanden und können weitergeben, was dabei geholfen hat, zum Beispiel: Im Alltag möglichst vieles regeln, bevor es zum Konflikt gekommen ist und wenn alle noch guter Stimmung sind. "Konfliktfreie Zonen" schaffen, in denen nicht über Probleme geredet wird, etwa beim Abendessen. Den Sohn oder die Tochter nicht auf das Störende reduzieren. Sich ab und zu mal klar machen, dass Sohn oder Tochter es nicht darauf anlegen, den Eltern das Leben schwer zu machen - sie haben es selbst nicht ganz leicht jetzt. Sich nicht scheuen, Rat und Hilfe zu suchen. Sich ab und zu an die eigene Pubertät erinnern. Eltern können es noch so gut meinen und machen: Pubertierende Söhne und Töchter legen es manchmal auf Konflikte an. Manchmal sind Eltern der Kraft und Energie ihrer Jugendlichen einfach nicht gewachsen! Dann brauchen sie eine Auszeit und müssen auch mal was für sich tun. Zum Beispiel träumen, wie es sein wird, wenn die Pubertät vorbei ist - es gibt es nämlich wirklich, das Leben danach!

Dr. Heidemarie Arnhold ist Pädagogin und Vorsitzende des Arbeitskreises Neue Erziehung (Ane)

Morgen berät Sie Dr. Max Braeuer in Rechtsfragen. Wenn Sie auch eine Frage haben, schreiben Sie an familie@morgenpost.de