Ratgeber

"Daran kann ich mich nicht erinnern" - Ist das nur eine Ausrede?

Ich schreibe Ihnen als Erzieherin einer therapeutischen Wohngruppe für Jugendliche, die wegen seelischer Probleme nicht zu Hause leben. Eine Bewohnerin ist neu in die Gruppe gekommen: Janin ist 15 Jahre alt, ich bin ihre Bezugsbetreuerin.

Bisher habe ich immer rasch einen guten Kontakt zu den Jugendlichen bekommen, aber Janin reagiert sehr merkwürdig: Sie vergisst ständig Sachen, sogar wenn wir etwas Schönes erlebt haben. An wichtige Teile unserer Gespräche kann sie sich angeblich nicht erinnern. Obwohl sie sich eigentlich an Absprachen hält, kommt sie manchmal viel zu spät und behauptet, sie wüsste nicht, wo sie gewesen ist. Sind das alles üble Tricks?

Sarah P., per E-Mail

Nun ja - so könnte man es bezeichnen, denn es erinnert ja ans "wegzaubern". Ein schwer verständliches Phänomen, das wir "Dissoziative Amnesie" nennen. Dazu gehört auch, dass die Betroffenen manchmal keine Erinnerung haben, wo sie gewesen sind oder wie sie an einen bestimmten Ort gelangt sind ("Dissoziative Fugue"). In Extremfällen kann man damit das Verschwinden von Personen erklären ("er wollte eigentlich Zigaretten holen und kam nie wieder..."). Um das zu unterscheiden von den echten "Tricks" der Jugendlichen, die dazu dienen, Regeln zu umgehen, braucht es eine kinder- und jugendpsychiatrische Untersuchung mit besonderem Augenmerk auf der Vorgeschichte der Jugendlichen: Oft findet man traumatische Erlebnisse, die im Kindesalter tatsächlich von der Seele "weggezaubert" werden mussten, weil sie sonst kaum erträglich gewesen wären. Dieser Mechanismus kann zur Gewohnheit werden und sich dann auch in eigentlich ungefährlichen, aber emotional bedeutsamen Situationen wiederholen. So könnte die Beziehung zu Ihnen möglicherweise bei Janin Hoffnungen wecken, die sie aus ihrer schlechten Erfahrung heraus wieder "wegmachen" will. Kontinuität und Verlässlichkeit sind gute Mittel dagegen - weshalb milde Konsequenzen für Fehlverhalten angesagt sind. Wichtig ist aber, Janin die Zusammenhänge zu erklären und ihr zu helfen, die Realität besser zu ertragen. Tagebücher und abendliche Erzählungen, wie der Tag gelaufen ist, sind dabei neben einer ursachenorientierten Psychotherapie eine gute Hilfe im Alltag.

Dr. Andreas Wiefel, ehemals Oberarzt an der Kinder- und Jugendpsychiatrie-Klinik der Charité, ist Kinder- und Jugendpsychiater mit eigener Praxis in Kreuzberg

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