Alex Freier

Männlich, mutig - und schwul

Man hätte gerne sein Gesicht gesehen, als er sein Foto zum ersten Mal auf dem Plakat der Deutschen Aids-Hilfe erblickte. Alex Freier sagt, er habe sich kaum wiedererkannt. Sein rechtes Auge war hinter einem fußballgroßen Veilchen verschwunden, quer über die schiefe Nase zog sich ein Riss. Der Maskenbildner hatte Kunstblut aufgetragen.

Der Junge auf dem Plakat war verprügelt worden. Über der Brust klaffte ein handtellergroßes Loch. Herzförmig. Doch was am meisten irritierte, war der Blick. Er passte nicht zu den Verletzungen. Breitbeinig saß er da, die Ellenbogen auf die Oberschenkel gestützt. Trotzig, beinahe herausfordernd blickte er in die Kamera. Die Botschaft war eindeutig und stand in Druckbuchstaben über dem Bild: "Mir reicht's - meine Würde ist unantastbar."

Es war kein Zufall, dass die Deutsche Aids-Hilfe ausgerechnet ihn dafür gefragt hatte. Alex Freier, 24, Lehramtsstudent für Geschichte und Arbeitslehre, weiß, wie es sich anfühlt, wenn man in den Spiegel schaut und sich nicht wiedererkennt. Es ist jetzt neun Jahre her, dass er Opfer eines Überfalls wurde. Er sagt, sie seien zu fünft gewesen. Er sitzt entspannt vor einer Flasche Kombucha in einem Café am Alexanderplatz, ein sportlicher Junge mit sorgfältig verstrubbeltem Haar und Grübchen im offenen Gesicht. Er erzählt diese Geschichte so beiläufig, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt.

Eine Wärmflasche in Herzform

Er war elf, als er mit seiner Mutter aus Köpenick zu ihrem neuen Freund zog, ins westfälische Lippstadt. Eine Stadt, von der er sagt, er habe sich dort auch schon vor seinem Coming-Out ziemlich allein gefühlt, als "Ossi" und "Arbeiterkind". Danach muss es die Hölle gewesen sein. Ein Schwuler, der mit vierzehn verliebt mit seinem Freund auf dem Schulhof turtelte, so etwas hatte es in diesem Ort offenbar noch nicht gegeben. Nur den Abschiedsbrief eines gleichaltrigen Jungen, der sich das Leben genommen hatte, weil er sich nicht traute, sich als schwul zu outen. Alex Freier konnte ihn verstehen. Sein eigenes Coming-Out war plötzlich und ungeplant. Am Geburtstag hatte er ein Geschenk ausgepackt, dem Stiefvater fielen beinahe die Augen aus dem Kopf. Der Schenkende hieß Oli, er hatte Alex Freier zum 14. Geburtstag eine Wärmflasche in Herzform geschickt. Freier sagt, er hätte seinen Eltern gern selbst erzählt, dass er sich schon immer zu Jungen hingezogen fühlte, irgendwann. Doch jetzt stand es wie ein Ausrufezeichen im Raum. "Gib zu, dass Du schwul bist", sagte der Stiefvater, nahm sein Portemonnaie und drückte ihm hundert Mark in die Hand. "Hier, mach Dir einen schönen Tag." Das Coming-Out. Irgendwie vermurkst.

Alex Freier sagt, er wäre vor Scham am liebsten im Boden versunken, als der Stiefvater es seiner Mutter erzählte. "Ich dachte, ich verliere an Ansehen." Dabei, glaubt er, habe es seine Mutter schon die ganze Zeit geahnt. Da war das Poster von der Band "Caught in the Act", das über seinem Bett hing. Boys, so süß wie ein Nutellabrot. Und wenn Oli zu Besuch aus Berlin kam und sie sich in die Arme fielen, hätte seine Mutter blind sein müssen, um nicht zu bemerken, wie die Hormone Lambada tanzten. Aber auch seine Mutter reagierte erschrocken. Doch sie arrangierte sich schneller mit der Situation, als er gedacht hatte. "Heute können wir über Jungs und Männer sprechen. Sie gibt mir sogar Beziehungstipps."

Überfall jahrelang verdrängt

Seine Mitschüler reagierten weniger verständnisvoll. Alex Freier sagt: "Eine Scheiß-Schwuchtel haben sie mich genannt." Er verzieht das Gesicht, als hätte er Zahnschmerzen. Die Geschichte des Überfalls, sie war bislang ein blinder Fleck in seiner Biografie. Er hatte sie verdrängt. Erst als ihn die Deutsche Aids-Hilfe neulich zum Fotoshooting einlud und ihm der Visagist Kunstblut ins Gesicht tupfte, da lief dieser Film wieder vor seinem Auge ab. Fünf Jungs gegen einen. Sie stürzen sich von hinten auf ihn. Sie packen ihn am Kragen seiner Jacke. Sie schlagen seinen Kopf einige Male mit Wucht gegen die Haustür. Er sagt, er sei wie betäubt gewesen. Nicht vor Schmerz, mehr vor Wut. Die Täter hören erst wieder auf, als die Haut über seinem Auge platzt. "Plötzlich war alles voller Blut."

Warum ihn die Jungs überfielen, ob sie ihm schon vor der Tür aufgelauert hatten, er hat es nie herausgefunden. Er sagt, einen der Angreifer habe er wiedererkannt. Ein entfernter Bekannter. Da könne man wohl eins und eins zusammenzählen.

Der Riss über seinem rechten Auge wurde mit drei, vier Stichen genäht "Ohne Betäubung", darauf legt er Wert. Das hätte er auch jedem in seiner Schule erzählt. Er sagt: "Es hat keiner danach gefragt."

Andere Opfer von Gewalt wären an dem Überfall innerlich zerbrochen. Eine Straftat, die nicht bestraft wird, so etwas geht nicht spurlos an einem vorbei. Man braucht ein dickes Fell, um trotzdem offen zu seiner Homosexualität zu stehen. Darum hat die Deutsche Aids-Hilfe die Plakate zum Internationalen Tag gegen Homophobie aufgelegt, ein Tag, der jedes Jahr am 17. Mai begangen wird. Sie will die Zielgruppe ermutigen, in die Offensive zu gehen. Wer selbstbewusst auftritt, kann besser mit Anfeindungen umgehen, sagt Dirk Sander, Referent für homosexuelle Männer bei der Deutschen Aids-Hilfe. In Berlin wähnt sich die Organisation in ihrem Kampf gegen Schwulenfeindlichkeit in bester Gesellschaft, seit der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit 2001 öffentlich bekannte: "Ich bin schwul - und das ist auch gut so." Die Berliner Polizei war 2009 bundesweit die erste Behörde, die Zahlen von Übergriffen auf Homosexuelle veröffentlichte. Im vergangenen Jahr wurden 80 Fälle von Gewalt und Beleidigung angezeigt. Der schlimmste Übergriff passierte in Treptow, wo ein schwules Pärchen mit Messerstichen lebensgefährlich verletzt wurde.

Alex Freier hat Schulklassen besucht, um seine Geschichte zu erzählen. "Vorurteile können ja nur dann entstehen, wenn man keinen Schwulen kennt", sagt er.

Er war fünfzehn, als er allein zurück nach Berlin zog, um an der Salvador-Allende-Oberschule in Treptow-Köpenick neu durchzustarten. Die Unesco-Schule hatte sich auch den Kampf gegen Rassismus auf die Fahnen geschrieben. Als Schülersprecher weitete Alex Freier das Engagement auf Behinderte und Homosexuelle aus. Er sagt, es komme noch immer vor, dass er als Schwuler angepöbelt werde. Angst habe er keine mehr.

Alles im Lot, soweit. Er träume von einer Zukunft mit Mann und Kindern. Und doch muss er einen Moment lang überlegen, wenn man ihn fragt, was er dachte, als er sich zum ersten Mal so entstellt auf diesem Plakat sah. Er sagt, er könne nicht beurteilen, ob er nach dem Überfall genauso schlimm ausgesehen habe. Er habe ja nichts sehen können vor lauter Blut. Er gibt sich dann doch einen Ruck. Er sagt: "Verletzt geschminkt finde ich mich natürlich besser als in echt verprügelt."