Vatertag

Die Väter sind los!

Am Morgen dieses unerhört wichtigen Feiertages möchte ich mich mal an etwas versuchen, was dem Mai in diesem Jahr so bravourös gelang - milde sein. Genau genommen ist ja nur die Hälfte aller Elternteile weiblich, und deshalb sei die Frage erlaubt, wie wir den Tag der Herren, Männer und Väter heute artgerecht feiern könnten?

Auf dem Weg in die postindustrielle Gesellschaft haben die patriarchalischen Hähne viele Federn gelassen: der Haushaltsvorstand, dem die Familie wie eine Herde Gänseküken hinterher trippelt ist genauso perdu wie der Gatte, ohne dessen Zustimmung die Gattin weder ein Konto eröffnen, einen Beruf ausüben noch ihr Erbe verplempern kann. Das bessere Gehalt für dieselbe Arbeit und die Chefsessel der Konzernlenker überdauern noch als problematisches Nischenphänomen, aber der Vorsitz in der Regierung ist schon gefallen. Und seit einigen Jahren wirkt der Platz der Väter in den Familien einigermaßen offen zur persönlichen Gestaltung.

Mütter fühlen sich bedroht

Väter sind heute ihren Kindern so nahe wie kaum eine Generation vor ihnen. Viele wollen engagierte Väter sein oder jedenfalls bessere als ihre eigenen sein konnten. Im Alltag jedoch überlassen sie die Kinder der Mutter, weil sie sich mit der Erziehung überfordert fühlen. Oder? Jeder zehnte Vater erklärt, von seiner besseren Hälfte in Erziehungsfragen nicht akzeptiert zu werden. Das ermittelte die Studie "Neue Väter - andere Kinder?" der Frankfurter Soziologen Andrea Bambey und Hans-Walter Gumbinger. Väter, die sich genauso intensiv engagieren wie Mütter, haben nämlich den kleinen Nachteil, dass sie den Müttern schnell in die Quere kommen. Dass Mütter sich schnell bedroht fühlen, wenn Väter ihnen ihre einzigartige, unersetzliche Position streitig machen, erkennt Herrad Schenk in ihrem Buch "Wieviel Mutter braucht der Mensch?" als historisch neues Phänomen der Konkurrenz zwischen Mütter und Vätern, ganz ähnlich wie zwischen Müttern und Müttern. "Wer geht besser auf das Kind ein, wer erkennt seine Bedürfnisse besser, wer kann besser mit ihm umgehen? Wen lächelt es öfter an? Bei wem weint es mehr? Von wem lässt es sich eher beruhigen? Bei wem sucht es Trost? Mit wem spielt es lieber? Das heißt nichts anderes als: Wer von uns beiden ist die bessere Mutter?" Wo Väter ihre Rolle ernst nehmen und Frauen Mitarbeit einfordern, entzündet sich schnell diese neue Form von Konkurrenz, die das Familiengeschäft nicht belebt, sondern in einen ruinösen Preiskampf verwandelt.

Der männliche Vorsprung schmilzt allenthalben dahin, und das ist ja auch nicht nur traurig. Oft kommt es einfach so, dass Väter sich zum verzichtbaren Beiwerk entwickeln, auch weil sie zum Geldverdienen nicht mehr unbedingt gebraucht werden und der andere Vater, der Staat, einspringt, damit die Mutter sich ausschließlich ums Kind kümmern kann. Sein ursprünglicher Beitrag zur Familiengründung, die Zeugung von Nachwuchs, hat an Prestige verloren.

Nun ja, Männer kann man verlieren, Kinder hingegen sind einem - erst einmal - sicher, sie sind abhängig von unserer Liebe und können nicht einfach weggehen, um mit einer anderen Mutter ihr Glück zu finden. Mutter und Kind, das ist mehr als eine starke Achse im Familiengerüst, das wird immer mehr zur Familie überhaupt. Doch der routinierte Vorwurf allenthalben, Väter entzögen sich der gemeinsamen Verantwortung, hat eine dunkle Kehrseite. Der Vater hat in dieser neuen Konstellation der exklusiven Mutter-Kind-Bindung keinen selbstverständlichen Platz mehr. Er kann sich der Verantwortung stellen, der Aufgabe hinterher hecheln, sie ungenügend erfüllen, oder es ganz bleiben lassen. Den Rest erledigen dann die Anwälte.

Wir wünschen uns neue Väter

Die Frauen, deren Kinder jetzt erwachsen werden, sind die ersten, für die der natürliche Vorsprung auch echten Machtgewinn bereithält. Ökonomische Unabhängigkeit, aber auch das gemeinsame Sorgerecht bei nahezu allen Scheidungen führen in den meisten Fällen dazu, dass die Kinder bei der Mutter leben. Mit den Kindern allein kann man viele Frauen heute zu nichts mehr zwingen. Aber umgekehrt geht was: Frauen haben mit den Kindern ein starkes Druckmittel auf ihre ignoranten, uneinsichtigen und sich der postamourösen Umerziehung verweigernden Männer in der Hand. Nach den Gesetzen und der tatsächlichen Rechtsprechung sitzen Mütter im Konfliktfall am längeren Hebel - es gibt unzählige Väter, die nicht nur Überweisungsträger sondern auch ihre Aufgabe ausfüllen wollen und das nicht können, weil willkürliche Entscheidungen der Mütter den Kontakt zum Kind erschweren oder ganz vereiteln. Immer mehr Kinder und Väter leiden darunter.

Das Ding mit den Vätern könnte sich auch als Lebenslüge der allseits befreiten Frau erweisen. Seit wir unser Geld selbst verdienen und gemerkt haben, dass eine Honorarüberweisung dieselbe Befriedigung auslösen kann wie ein multipler Orgasmus, seit wir den verstopften Abfluss allein wieder gängig kriegen und die Kinder sowieso allein erziehen, wünschen wir uns neue Väter. Aber wollen wir sie wirklich haben? Oder stellen wir uns eher den von der Windel verwehten Wickelvolontär und weisungsgebundenen Kinderassistenten vor, der bestenfalls eine Art Ersatzmutter abgibt, wenn das eigentliche Idealmodell gerade mal keine Zeit hat und der bitte, also wirklich, nicht mit uns in den Ring steigt um uns den Pokal der Gutmutterschaft streitig zu machen?

Selbst in den Familien, in denen die Arbeit wirklich geteilt wird, weil beide arbeiten gehen, findet man die leise Vorherrschaft der Mütter. Fast immer übernimmt die Mutter die kindnahen Aufgaben (schlichten, trösten, Tränen trocknen) und der Vater die logistischen Pflichten (Getränke holen, Müll runtertragen, Überweisungen tätigen). Böse Zungen behaupten gerne, die Mitarbeit der Väter beschränke sich auf das, was Spaß macht - Zeugung, Ballspielen, Kino.

Eine Vater Morgana

Weil man eben nicht mehr selbstverständlich davon ausgehen kann, dass die Eltern zusammenbleiben, bis die Kinder groß sind, liegt es nahe, den Vater als episodische Erscheinung zu konfigurieren - als Vater Morgana. Die dominante Mutterrolle erwächst aus einer Mischung von Macht und Unsicherheit: Wenn wir uns trennen, muss klar sein, wohin die Kinder gehören. Gegen Mütter, die das Umgangsrecht aushebeln wollen, haben Väter keine Chance. Doch das Nest ist halb leer, in dem der Vater fehlt. Verarbeitet wird das Dilemma unter Müttern in der stillschweigend geteilten Erfahrung, dass der Vater halt nicht so wichtig ist. Doch das ist nicht mehr als ein Notbehelf, um sich den Mangel schönzureden. Zwei Elternteile, die sich zusammen oder getrennt um ihre Kinder kümmern, sind immer noch der beste Schutz für das Aufwachsen der Kinder. Dass Frauen den öffentlichen Raum erobert haben, die Männer aber den familiären bisher nicht besetzen konnten, bezahlen Frauen mit latenter Überforderung, Männer mit familiärer Randständigkeit und tendenzieller Entbehrlichkeit. Und was wird mit den Kindern?

Ich werde heute tapfer sein und einfach gute Miene zum blöden Spiel machen, wenn mir überall betrunkene Männer mit Bollerwagen im Weg stehen und dem männlichen Elementarteilchen im Familienuniversum einen freundlichen Blick zuwerfen. Ich trau mich mal: Väter sind was Wunderbares und oft viel besser als ihr Ruf. Man muss sie nur einfach mal machen lassen.