Ratgeber

Soll ich meiner Tochter zuliebe auf den Sport verzichten?

Ich bin eine alleinerziehende berufstätige Mutter mit einer inzwischen 8-jährigen Tochter. Lisa ist ein sehr aufgewecktes Kind und ich bekomme häufig sehr positive Rückmeldungen über sie. Trotzdem habe ich oft das Gefühl, nicht ausreichend Zeit für sie zu haben. Sollte ich Lisa zuliebe auf meinen Sport einmal pro Woche verzichten, um mehr Zeit für sie zu haben? Tanja F. aus Schöneberg

Sie sollten auf keinen Fall auf Ihren Sport und auch nicht auf Ihre kurze Ruhepause nach der Arbeit verzichten! So, wie Sie die Lebenssituation mit Ihrer Tochter geschildert haben, müssen Sie sich keine Sorgen um Lisa machen. Wenn Lisaganz gut mit der Situation, dass Sie wegen Ihrer Berufstätigkeit nur eingeschränkt Zeit für sie haben, zurecht kommt, dann spricht das nämlich dafür, dass sie beide ihre gemeinsame Zeit so nutzen, dass es Lisa einerseits gut gefällt und es andererseits auch zu ihrer positiven Entwicklung entscheidend beiträgt! Ihr zeitweise schlechtes Gewissen ist verständlich und nachvollziehbar, aber es ist ein weitverbreiteter Irrtum, dass in der Erziehung mehr Zeit für die Kinder quasi automatisch zu einer besseren Erziehung führen würde. Der Zeitfaktor ist selbstverständlich nicht unbedeutend, aber in der Erziehung kommt es in allererster Linie auf deren Qualität an! Wenn es Eltern gelingt, die ihnen zur Verfügung stehende Zeit mit ihren Kindern sinnvoll zu nutzen, indem sie aufmerksam die Gefühle, Freuden und Wünsche ihrer Kinder, deren Gesprächsbedarf, ihre möglicherweise aufgetretenen Unsicherheiten in der Schule oder im Zusammensein mit den Freundinnen und Freunden sowie ihre kleineren oder größeren Sorgen wahrnehmen und verständnisvoll und einfühlsam darauf reagieren, dann haben diese Kinder das sichere Gefühl, bei ihren Eltern an erster Stelle zu stehen!

Vielleicht können Sie mit Lisa ja eine feste Verabredung für ein- oder zwei sogenannte "Zeitinseln" pro Woche verabreden: Mit "Zeitinseln" sind Zeiträume gemeint, die völlig frei von Hektik, Aufgaben und Erledigungsdruck sind. Also fest vereinbarte Zeiten zum gemeinsamen Genießen des Zusammenseins, zum Schmusen, Blödeln, Phantasieren, Spielen oder Spazierengehen.

Abschließend noch einmal kurz zurück zu Ihrer konkreten Frage: Ihr regelmäßiger Sport und auch notwendige Ruhephasen nach dem Nach-Hause-Kommen tragen zu Ihrem persönlichen Wohlbefinden und Ihrer eigenen Zufriedenheit bei. Aus diesem Grund wäre es geradezu fatal, wenn Sie darauf verzichten würden! Es ist nämlich erwiesen, dass zufriedene, ausgeglichene und glückliche Mütter und Väter in der Regel die besseren Eltern sind!

Dr. Heidemarie Arnhold ist Pädagogin und Vorsitzende des Arbeitskreises neue Erziehung