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Die Brillenträger unter den Bären

Brillenbären sehen auch nicht besser als Menschen. Egal, wie alt sie sind. Und egal, wie gut gelungen die helle Fellfärbung im Gesicht ist - die sogenannte "Maske", die die Tiere aussehen lässt, als wären sie Brillenträger. Was aber bei ihnen tausendmal besser entwickelt ist als bei unsereinem, ist der Geruchssinn.

"Sie haben eine großflächige Riechschleimhaut", sagt Tierpark-Kurator Florian Sicks. Er ist für inzwischen fünf Brillenbären zuständig. Am 30. Dezember 2010 hatte die 13 Jahre alte Julia zwei Jungtiere zur Welt gebracht. Vater Juan lebt nicht mehr. Und selbst wenn - an der Aufzucht hätte er sich nicht beteiligt. In der Bärenwelt ist das reine Frauensache. Etwa ein Jahr leben die Kinder mit Mutti zusammen - dann zieht jeder seines Weges. Bären sind Einzelgänger, und Brillenbären ganz besondere. Sie sind die einzige Bärenart, die in Südamerika noch vorkommt.

Auch in einer zweiten Sache sind Brillenbären einmalig. Sie sind Kurzschnauzenbären. Der Vorteil: "Ihre Augen stehen eng beieinander. Sie können damit besser dreidimensional sehen", sagt Sicks. Für Tiere, die viel klettern, ist das sehr wichtig.

Kurzschnauzenbären waren einst die größten aller Bären: "Mehr als 800 Kilo haben sie gewogen", sagt Sicks. Das ist schon eine Weile her: der Riesen-Kurzschnauzen- oder Bulldogenbär hat bis zur letzten Eiszeit, vor etwa 11 000 Jahren in Nordamerika gelebt. In Europa hat damals der Höhlenbär gehaust: auch so riesig, auch ausgestorben, wie in dem Band "Eiszeiten" in der Reihe "Was ist was?" nachzulesen ist.

Brillenbären wiegen jetzt im Schnitt nur 150 Kilo und erreichen eine Schulterhöhe von 90 Zentimetern. Wer wachsen will, muss fressen. Doch noch zapft der Nachwuchs Milch bei Mutter Julia ab. Auch Wasser ist interessant. Im Gehege - für den Umbau haben die "Freunde Hauptstadtzoos" 105 000 Euro bezahlt - fällt Wasser malerisch von Steinfelsen in ein Becken. Die Jungtiere laufen mit Vorliebe zu der Stelle - doch Julia treibt sie mit Tatzenhieben zurück. "Sie kennt das nicht", erklärt Reviertierpfleger Michael Horn. "Aber ich bin davon überzeugt, dass ihre Kinder begeisterte Schwimmer werden." Pfiffig sind sie jetzt schon. Vergangenen Freitag sind sie im Innenkäfig ausgebüchst. Bis zum Pflegergang haben sie sich getraut. Dann verließ sie der Mut, sie hockten sich auf ihren schwarzen Bärenpo und brüllten nach ihrer Mutter. Horn hört auf solche Schreie - er brachte die Jungtiere sofort zurück. Seine Betreuung währt das ganze Jahr. Denn wie in Südamerika halten Brillenbären keine Winterruhe. Sie finden genug zu fressen. "Sie leben bis in 4000 Meter Höhe und können zur Nahrungssuche jederzeit in tiefer gelegene Regionen wandern", sagt Sicks.

Etwa 65 Brillenbären leben in 23 Europäischen Zoos. Ein Erhaltungszuchtprogramm im Zoo Köln regelt ihren Verbleib. In freier Wildbahn, also in den Anden, solle es noch 25 000 Exemplare geben. Der 3-Sat-Filmemacher Hans Giffhorn hat Aufnahmen von ihnen im Nebelwald gemacht, ebenso das preisgekrönte BBC-Team um Sir David Attenborough.

Ihr Bestand ist gefährdet, weil der Regenwald Anbauflächen für Mais weichen muss. Den fressen Brillenbären auch. Das mögen die Farmer nicht und legen die Flinte an. Offensichtlich ist keiner Kurzsichtig.

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