Verkehrssicherheit

Ein Stück Freiheit und Selbstbestimmung

"Ein guter Sitz ist, wenn's unter dem Hintern brummt", es klingt fast verschwörerisch wenn Horst Knape ausspricht, was für ihn seit 60 Jahren gilt. Zunächst fürs Motorrad, dann für sein Gogomobil, bis heute fürs Auto.

Sein Wagen ist gepflegt, ein rosa Kunstblumensträußchen schmückt das Armaturenbrett, zwei kleine Plüschhunde sitzen in den Eckfenstern. Das Nummerschild trägt seine Initialen und sein Geburtsdatum. Dass der alte Herr sein Auto liebt, sieht man seinem silbernen Opel an, und daran, dass er besonnen mit ihm umgeht, lässt der 88-Jährige keinen Zweifel. Trotzdem würde manch jüngerer Kraftfahrer Knapes Generation am liebsten von der Straße fegen. Schon wegen ihrer bedächtigen Fahrweise wird immer wieder der Ruf nach Fahrtüchtigkeitstests für Senioren laut.

Zurzeit ist es wieder soweit. 2013 soll EU-weit ein Führerschein mit auf 15 Jahre begrenzter Laufzeit eingeführt werden. Ob eine Verlängerung dann für ältere Autofahrer mit Auflagen verknüpft wird, entscheidet jedes Land selbst. Einige europäische Länder haben schon seit Längerem Tests für ältere Autofahrer eingeführt. Finnische Autofahrer etwa müssen sich mit 45 und 65 Jahren einer ärztlichen Untersuchung unterziehen, danach im Fünf-Jahres-Turnus, in Schweden ist ab 70 alle drei Jahre ein Seh- und Hörtest Pflicht. Frankreich hat Autofahrern ab 60 alle zwei Jahre einen Fahrtüchtigkeitstest auferlegt, ab 76 sogar einmal pro Jahr. Dass es deshalb in diesen Ländern weniger Unfälle gibt, ist bisher jedoch nicht erwiesen, sagt Klaus-Ulrich Hähle, Verkehrssexperte beim ADAC Berlin.

Horst Knape kann über diese Diskussion nur den Kopf schütteln: "Fahrtüchtigkeit ist keine Altersfrage sondern von Fall zu Fall verschieden. Wer will das entscheiden?", fragt der ehemalige orthopädische Schuhmachermeister. "Für mich ist das Auto eine Notwendigkeit und auch ein Stück Freiheit, dass ich mir erhalten will, solange es geht." Seit seine Frau an den Rollstuhl gefesselt ist und nicht mehr das Haus verlassen kann, ist er allein für ihre Pflege, den Haushalt und die Einkäufe zuständig: "Ich versorge uns so gut ich kann, aber wenn ich mir das alles erlaufen müsste, wäre ich schon tot." Knape ist froh, noch fahren zu können. Viel fährt er ohnehin nicht. "Aber ich will teilhaben am Leben", sagt er. "Sollte ich irgendwann spüren, dass es nicht mehr geht, würde ich sofort aufhören." So viel Verantwortungsgefühl und Ehrlichkeit sich selbst gegenüber müsse man schon haben.

Diese Selbsteinschätzung will man dem wachen alten Herrn gern glauben, vielen Senioren wird sie aber abgesprochen. Alterserscheinungen wie nachlassende Sehkraft, Beweglichkeit und Reaktionsfähigkeit kommen schleichend und werden von den Betroffenen nicht gleich bemerkt. Der deutsche Gesetzgeber will dennoch keine Fahrtüchtigkeitsprüfung im Alter einführen. Denn Unfallstatistiken zeigen, dass alte Menschen keine größere Gefahr im Verkehr sind als jüngere (siehe Kasten).

Prävention statt Verbot

Der ADAC spricht sich deshalb gegen verpflichtende Tests für Senioren aus. "Der bürokratische Aufwand steht in keinem Verhältnis zum Nutzen", sagt Klaus-Ulrich Hähle. "Senioren fahren generell vorsichtig, defensiv und wenn es geht zu verkehrsarmen Zeiten. Bei Dunkelheit oder widrigem Wetter lassen sie den Wagen stehen." Sie kompensierten altersbedingte Defizite mit Erfahrung und besonnenem Fahrverhalten. Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt auch die Berliner Polizei. "Wenn man die Ein- und Ausparkunfälle abzieht, verursachen die Senioren nur neun Prozent der Verkehrsunfälle in Berlin", sagt Thomas Drechsler, Leiter Verkehrssicherheit beim Polizeipräsidenten. Die meisten Ursachen seien ähnlich wie bei anderen Verkehrsteilnehmern. Nur in Situationen, bei denen das Zusammenspiel von sensitiven und motorischen Fähigkeiten einer starken Belastung ausgesetzt wird, käme es mit zunehmendem Alter zu Fehlverhalten.

Dass die Zahl der Seniorenunfälle in den vergangenen Jahren dennoch spürbar zunahm, hatte auch demografische Gründe, sagt Drechsler. Der Bevölkerungsanteil der über 65-Jährigen wuchs deutlich, die Senioren seien zunehmend und länger mobil als je zuvor. 2010 ging die Zahl erstmals wieder um drei Prozent zurück. "Daraus wollen wir einen dauerhaften Trend machen", sagt der Verkehrsexperte. Die Polizei will Präventionsangebote und Verkehrssicherheitsberatungen ausbauen und dabei besonders die Eigeninitiative und Selbstverantwortung stärken. Darüber dass dies der beste Weg ist, Unfälle zu vermeiden, bestehe Einigkeit mit ADAC, Tüv, Dekra, Seniorenbeirat und dem Gesamtverband deutscher Versicherer. Ein Problem sei nur, die Senioren auch zu erreichen: "Ab wann fühlt man sich alt?" fragt Drechsler. Meist sind es die Kinder, die Senioren auf nachlassende Fähigkeiten aufmerksam machen.

Der ADAC wirbt für einen freiwilligen Check. "Wer Zweifel hat, ob er noch angemessen reagiert, kann bei uns seit 2009 den Fahr-Fitness-Check machen", sagt Hähle. Der ADAC hat in Berlin sechs Fahrlehrer speziell für Senioren geschult. Sie fahren nach einer Vorbesprechung 45 Minuten lang auf deren üblichen Strecken mit. Im Anschluss wird die Fahrt analysiert. Wenn nötig können die Fahrlehrer dann einen Einparkkurs, ein Sicherheitstraining, einen Sehtest oder eine Auffrischung der Verkehrsregeln empfehlen. Auch eine Konsultation beim Hausarzt, um Nebenwirkungen von Medikamenten einzuschätzen, sei in vielen Fällen sinnvoll. "Die Teilnehmer sind meist zwischen 75 und 85 Jahre alt", sagt Hähle, "die meisten konnten beruhigt werden". "Von etwa 120 haben wir bisher nur ein bis zwei Senioren geraten, das Auto stehen zu lassen."

Dass dennoch viele Autofahrer heftig auf Senioren am Steuer schimpfen, sieht sein Polizeikollege Drechsler sportlich: "Jeder Autofahrer hat bei Stress sein eigenes Feindbild. Bei den einen sind es die Frauen, die Jungen mit den tiefergelegten Autos oder die Radfahrer, bei den anderen die Senioren, die den Verkehr aufhalten."