Sprechstunde

Mein Kind ist ein Frühchen - kann es regulär geimpft werden?

Petra K. aus Friedrichshain fragt: Kann mein Kind, das als Frühgeborenes auf die Welt kam, auch regulär geimpft werden? Ich habe eine erste Impfung des Kindes in der Klinik miterlebt, diese sogenannte 7-fach-Impfung ist ohne Probleme verlaufen. Unsicher bin ich jedoch, ob sogenannte Atemaussetzer/Apnoen wieder entstehen können. Ebensolche hatten eine Entlassung meines Kindes aus der Klinik hinausgezögert.

Nun ist prinzipiell zu sagen, dass das Immunsystem eines Frühgeborenen bereits erstaunlich gut entwickelt ist, allerdings ist eine Reifungsverzögerung des Immunsystems anzunehmen, je jünger die Schwangerschaftswoche bei Geburt war. Dies zeigt sich an der eingeschränkten Produktion von eigenen Abwehrkörpern und auch an der Ansprechbarkeit des Immunsystems im Hinblick auf mögliche Infektionen.

Generell sind Säuglinge und Neugeborene etwa vier bis sechs Monate lang gut durch die von der Mutter noch im Mutterleib auf das Kind übertragenen Antikörper geschützt, allerdings nimmt diese Wirkung im Verlauf ab.

Um eine schützende Immunität aufzubauen, ist es daher notwendig, auch Frühgeborene leitliniengerecht zu impfen. Dies schließt in der Regel eine dreimalige 7-fach-Impfung innerhalb der ersten fünf Lebensmonate ein. Erfreulicherweise gibt es heutzutage Impfstoffe, die mehrere einzelne zu verimpfende Erkrankungen zusammenfassen, so dass die Kinder nicht durch mehrfache Injektionen zusätzlich belastet werden. Es gibt mittlerweile sehr gute wissenschaftliche Analysen, die zeigen, dass Frühgeborene eine solide Abwehrkraft nach der Impfung entwickeln können, allerdings ist auf die Vollständigkeit des Impfzyklus zu achten. Die sogenannten Auffrischimpfungen sind dafür besonders wichtig. Erfreulicherweise zeigen Umfragen, dass Frühgeborene sehr gut durchgeimpft sind, z. T. noch deutlich besser als nicht frühgeborene Säuglinge. Anders sieht es aus bei Kindern mit chronischen Erkrankungen zum Beispiel der Niere, der Gelenke oder des Darmes. Diese Kinder sind oft aus Furcht vor einem Aufflammen der Erkrankung nach den Impfungen nur unzureichend geimpft. Hier haben neuere Studien gezeigt, dass diese Furcht in der Regel unberechtigt ist und dass solche Schübe der Erkrankung zumindest im sogenannten statistischen Mittel nicht auftreten. Der Vorteil einer Impfung wird immer noch als höheres Gut angesehen, indem Infektionserkrankungen vermieden werden. Letztere können sogar die Grunderkrankung verschlechtern, zum Beispiel die entzündliche Aktivität verstärken.

Sollten Medikamente eingesetzt werden, welche die Abwehrkraft unterdrücken, etwa Cortison oder sogenannte Basistherapeutika, dann sollte mit dem betreuenden Arzt das Impfkonzept besprochen werden. In der Regel wird es auch dann möglich sein, Impfungen durchzuführen, auch sogenannte Lebendimpfungen (Masern, Mumps, Röteln, Windpocken). Allerdings sollten diese Impfungen mit dem jeweilig betreuenden Zentrum nochmals im Detail abgesprochen werden. Eine generelle Impfempfehlung besteht jedoch, so dass auch hier eine gewisse Zuversicht bestehen sollte.

Insgesamt kann festgestellt werden, dass immer noch ein signifikanter Prozentsatz von Kindern nicht ausreichend beispielsweise gegen Pneumokokken geimpft ist. Dies sind Infektionserreger, die sehr häufig Lungenentzündungen hervorrufen. Hier ist es die Aufgabe aller Beteiligten (Eltern, Kinderärzte, Schulärzte), auf eine Impflücke hinzuweisen und diese entsprechend aufzufüllen. Somit können schwere Infektionserkrankungen vermieden und ein kindgerechtes Aufwachsen ermöglicht werden.

Hermann Girschick ist Chefarzt für Kinder- und Jugendmedizin