Training

"Man muss sich einfach trauen"

Margot Helwig schiebt ihren Rollator als erste in den noch leeren Vortragsraum und sucht sich einen Platz weit vorne in den leeren Stuhlreihen. Sie ist sehr gespannt auf das Training, das die BVG heute in ihrem Seniorenheim am Kurfürstendamm anbietet.

"Abhilfe für mobilitätseingeschränkte Menschen" verspricht der kostenlose Termin, bei dem Christine Albrecht, "die Beauftragte für Senioren und Fahrgäste mit Behinderungen" der BVG, erklärt, wie man mit Bus und Bahn heil von A nach B kommt.

Früher war Margot Helwig viel mit der BVG unterwegs. Ihr Mann hat 37 Jahre im Unternehmen gearbeitet: "Da bin ich immer mit dem Bus vom Ernst-Reuter-Platz direkt zur Pfaueninsel gefahren - herrlich!" schwärmt sie von Tagen, als sie noch nicht auf den Rollator und eine Begleitperson angewiesen war. Die Sehnsucht selbstständig zum Arzt oder ins Grüne zu fahren, bleibt bei ihren körperlichen Möglichkeiten unerfüllt. Wie bei all den anderen Senioren oder Behinderten, die langsam die Stuhlreihen füllen.

Große Scham, sich Hilfe zu holen

Das Handling der sieben bis zehn Kilo schweren Rollatoren beim Ein- und Aussteigen ist nur ein Handicap. Viele der zumeist weiblichen Teilnehmer fühlen sich von den Menschentrauben an Bussen und Bahnsteigen bedrängt. U-Bahn fährt hier keiner mehr. Zu groß die Angst über die Bahnsteigkante gedrängt zu werden. Zu breit der Spalt zwischen Bahnsteig und Waggon. Mit schwindender Sehkraft wirken schummrige Gänge und unübersichtliche Beschilderungen noch dunkler und unleserlicher: "Da wird mir einfach die Luft knapp", beschreibt eine Teilnehmerin ihr Bahngefühl. Von der aktuellen Gewaltdebatte um die Verkehrsbetriebe wird heute keiner reden. Alte und Behinderte sind Tagfahrer und die Gewaltprävention wird zur Aufgabe der Polizei erklärt.

"Nach Hilfe zu fragen, beim Fahrer oder bei Fahrgästen, würde ja vieles einfacher machen - wenn man sich nur Hilfe holen würde", sagt Frau Helwig. Sie legt die Hände in den Schoß und zuckt mit den Schultern. Die 30 Trainingswilligen im Raum wollen nicht bitten müssen. Stolz oder Scham halten sie ab. Sie wollen allein zurechtkommen, empfinden die Mühsal mit dem eigenen Körper als Makel. Für sie bietet die BVG seit 2004 Mut- und Seniorentrainings. Wer sicher mit der Straßenbahn unterwegs sein will, kann das in den Betriebshöfen der Verkehrsbetriebe üben. "Eine Übungs-Bahn im Stadtverkehr anzubieten geht leider nicht, weil wir dann ja die Gleise der Strecke blockieren würden", sagt Christine Albrecht. Das Training ist auch längst nicht für alle Strecken sinnvoll. In der Hälfte der Straßenbahnen lauert derzeit beim Einstieg noch eine 90 Zentimeter hohe Hürde über drei Stufen. Nichts für Rolli und Rollator.

Das Busfahren ist da einfacher. Christine Albrecht setzt auf Wohnortnähe und funktioniert den großen Gelben zum wohnungsnahen Übungsgerät um. Während Albrecht im ersten Stock der Pro-Seniore-Residenz noch über Barrierefreiheit, freundlich helfende Busfahrer und Fehlermeldungen bei Aufzügen referiert, fährt unten der Übungsbus vor. "Grau ist alle Theorie", weiß eine weißhaarige Zuhörerin und rüstet sich zum Praxistest. Der Bus steht exakt am Bürgersteig. Das Niederflorgefährt neigt sich zum Gehweg. Drinnen gähnende Leere, vor dem Bus Rollatorstau. Frau Helwig übt. Rein geht es gut. Da geht es vorwärts. Erst hievt sie ihre rollende Gehhilfe in den Bus, dann sich selbst. Dass die 35 Zentimeter oder zwei Treppenstufen eine Herausforderung sein können, kann als jüngerer Mensch nur nachvollziehen, wer den Nahverkehr testhalber in einem Alterssimulationsanzug bewältigt hat. Die BVG-Vorstände haben das ausprobiert und auch der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar: "An der Fahrplantafel konnte ich ohne Lesebrille nichts erkennen. Das Kleingeld aus der Börse zu fischen und den Automaten zu bedienen: Das war das Schwierigste für mich. Die erste U-Bahn, die einfuhr, habe ich nicht erwischt: Sie fuhr mir vor der Nase weg. Schnell merkte ich, wie sehr ältere Menschen einen Sitzplatz benötigen: Das Stehen strengte mich nämlich ganz schön an."

Frau Helwig verschnauft auf einem der beiden "Bügelbrett"-Klappsitze im Bus. Draußen warten die nächsten und wollen auch rein: Busfahren live. Aussteigen sollte Frau Helwig jetzt eigentlich rückwärts. Doch sie sieht nichts, und die anderen drängeln. Also macht sie sich vorwärts auf den Weg nach draußen. Die Vorderräder des Rollators zittern kurz in der Luft, verdrehen sich und klemmen quer im Spalt zwischen Bus und Bordstein fest. Das schwere Gefährt kippt nach vorn. Ein Klassiker. Der helfende Busfahrer stützt die Seniorin, die nach vorne zu stürzen droht: "Sehen Sie, es geht nur rückwärts", mahnt er. Vielleicht würde es auch vorwärts gehen, wenn auch für Rollatoren die Ausstiegsrampe ausgefahren würde. Aber da wehrt die BVG ab. Zu umständlich, zu zeitaufwendig.

Überfordert am Kartenautomaten

Barrierefreiheit ist durch Technik allein auch nicht zu erreichen. Die S-Bahn richtet derzeit sprechende Kartenautomaten ein. Die BVG bietet Infosäulen auf den Bahnsteigen, eine Hotline für Aufzugspannen, Hublifte an den U-Bahnen, Leitsysteme für Blinde. Das alles kann aber ein pfleglicheres Miteinander nicht ersetzen. Schon am Kartenautomaten sind viele ältere Menschen überfordert. Der Auswahlbildschirm ist vielen zu kleinteilig, die Schaltflächenlogik erschließt sich vielen nicht gleich. Und nicht immer stoßen sie dann auf Hilfsbereitschaft. Oft genug erleben sie auch Unhöflichkeit oder zumindest Ungeduld hinter sich.

Wichtig ist, dass die älteren Fahrgäste genug Sicherheit entwickeln, allein in den öffentlichen Verkehrsmitteln zurechtzukommen. Daher geht es im Mobilitätstraining vor allem darum, die immer gleichen Griffe so lange zu üben, bis Routinen entstehen. Das beginnt schon mit der Frage, wie sich der Rollator feststellen lässt, damit er beim Bremsen und Anfahren des Busses nicht losrollt. Senioren greifen in der Praxis allerdings eher zu eigenwilligen Lösungen. "Wenn der Bus mal wieder zu weit weg vom Gehweg parkt, schmeiße ich den Rollator einfach raus und klettere an der Stange hinterher", erklärt eine resolute Mitbewohnerin, "rückwärts gehe ich da nicht raus". Margot Helwig hat sich von ihrem missglückten Ausstieg inzwischen erholt und übt lieber wieder vorwärts ein- und rückwärts auszusteigen: "Man muss sich einfach trauen!", sagt sie.