Gesundheit

Alkohol in der Schwangerschaft ist Gift für das Kind

Wenn Christian eine einfache Rechenaufgabe wie 15 plus sechs lösen soll, dann sagt er erst einmal irgendeine Zahl. Nur mit Mühe kommt er schließlich auf das Ergebnis. Dabei ist Christian kein Schulanfänger. In weniger als drei Jahren wird er volljährig.

Er ist anders als andere Kinder: Klein wie ein Achtjähriger und mit den typischen Gesichtszügen alkoholgeschädigter Kinder: verengte Lidspalten und eine schmale Oberlippe mit abgeflachter Rinne zwischen Nase und Mund. Christian leidet an Fetalem Alkoholsyndrom (FAS), der schwersten Form der vorgeburtlichen Alkoholschädigung.

Als Fetale Alkoholspektrum-Störungen bezeichnen Experten eine ganze Bandbreite von Beeinträchtigungen, unter denen die Kinder ihr Leben lang leiden: Wachstumsstörungen, Missbildungen, Schäden des Zentralnervensystems, Verhaltensstörungen und intellektuelle Beeinträchtigungen, bis hin zur geistigen Behinderung. Nach neuesten Schätzungen des Bundesgesundheitsministeriums kommen in Deutschland jährlich 10 000 alkoholgeschädigte Kinder zur Welt, davon haben 4000 das Vollbild FAS. Eine vermeidbare Behinderung, solange werdende Mütter in der Schwangerschaft ganz auf Alkohol verzichten. Denn Alkohol ist eine fruchtschädigende Substanz, die Missbildungen beim Kind hervorrufen kann. "Vor allem in der zweiten Schwangerschaftshälfte ist Alkohol für das Ungeborene gefährlich. Dann wächst das Gehirn besonders schnell", warnt Christoph Bührer, Leiter der Klinik für Neonatologie der Berliner Charité. Hat ein Neugeborenes einen kleinen Kopf und die typischen Gesichtszüge wird er stutzig. Eine hundertprozentige Diagnose kann er aber nicht sofort stellen.

Derzeit werden im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums neue, deutschlandweit gültige Diagnose-Leitlinien ausgearbeitet. Dafür werden dann modernste Bildgebende Verfahren eingesetzt, die die Hirnorganischen Veränderungen sichtbar machen können: zuviel graue und zu wenig weiße Hirnsubstanz. Bereiche des Großhirns und des Kleinhirns sind verkleinert. Ein kleinerer IQ ist nur ein Teil des Problems - der liegt bei vielen Kindern zwar noch im Normbereich, doch aufgrund ihrer Verhaltensstörungen gibt es in vielen Bereichen Probleme. Die Kinder sind häufig unruhig und brauchen ständig Aufmerksamkeit. Manche sind aggressiv, andere übertrieben zutraulich. Spätestens wenn sie in die Schule kommen, fällt auf, dass sie "anders" sind. Sie lernen keine Regeln und können sich nicht konzentrieren.

Auch wenn die Schäden irreversibel sind, ist es wichtig, das Leiden der Betroffenen früh zu erkennen. Zum einen können sie dann angemessen betreut und gefördert werden, zum anderen sind sie deutlich Selbstmordgefährdeter als der Bevölkerungsdurchschnitt. Ihr Leidensdruck ist groß, besonders, wenn man ihnen ihre Behinderung nicht ansieht.

So geht es Patrick, Christians älterem Bruder. "Er wird häufig überschätzt, weil er ein 1,93 Meter großer, gutaussehender junger Mann ist", berichtet seine Pflegemutter Marion Gerth, die die Jungen großgezogen hat. Zwar ist der 20-Jährige seit kurzem in eine eigene Wohnung gezogen und macht eine Ausbildung. Doch weil sein Kurzzeitgedächtnis geschädigt ist und er mit vielem überfordert ist, wurde seine Pflegemutter vom Vormundschaftsgericht als Betreuerin eingesetzt. Sie kümmert sich um Finanzen, Arzttermine und um den Papierkram. Zuviel Ehrgeiz ist fehl am Platz. Vieles muss die Stahnsdorferin den beiden hundert Mal sagen. Und auch dann vergessen sie es doch wieder.

Für die 52-Jährige steht deshalb der Erwerb sozialer Kompetenzen im Vordergrund. Diese sollen es den Jungen ermöglichen gesellschaftsfähig zu werden. Dafür hat sie einen Kreis aus lieben Menschen geschaffen, die die alkoholgeschädigten Jungen trotz ihrer Handicaps zu schätzen wissen. Sie hat viel erreicht. Nur eines konnte sie nicht ändern: Dass die jungen Männer trotz aller Förderung immer auf Hilfe angewiesen sein werden.

So geht es 90 Prozent ihrer Leidensgenossen. Sie können als Erwachsene kein selbstständiges Leben führen. Viele geraten mit dem Gesetz in Konflikt. 30 Prozent der Betroffenen werden selbst alkohol- oder drogenabhängig. An ein selbstständiges Leben denkt Christian noch lange nicht. Wenn der 15-Jährige mit den Jungen aus der Nachbarschaft Baustelle oder Busfahrer spielt, ist er einfach nur ein glückliches Kind. Nur manchmal wird er wütend und fragt sich: "Warum hat Mama nicht wenigstens mit dem Trinken aufgehört, als ich in ihrem Bauch war?"

Zentrum für Menschen mit angeborenen Alkoholschäden (Charité) Tel: (030) 450 564 107 (Mittwoch, Donnerstag, 10-14 Uhr)

www.fasd-zentrum.blogspot.com

"Vor allem in der zweiten Hälfte der Schwangerschaft ist Alkohol gefährlich"

Christoph Bührer, Klinikleiter Neonatologie der Charité