Mamas & Papas

Helmlos glücklich durch die Welt

Wir sind eine sicherheitsbewusste Familie. Der Handwerks-Verantwortliche schließt Deckenlampen nur an, wenn er nahezu sicher ist, die richtige Sicherung ausgeknipst zu haben, was leider nicht immer zutrifft.

Tiere würden wir nie in Trockner oder Mikrowelle stecken, weil wir alles drei nicht besitzen. Aufmerksam liest die Chefin alles über Haushaltsunfälle, womöglich mit dem Hintergedanken, dass ein außerplanmäßiges Fälligwerden der Lebensversicherung neue Perspektiven für das letzte Lebensdrittel eröffnet. Nur die Kinder bleiben unbeeindruckt von unserer Philosophie der Vorsicht. Karl hat neulich die Schultasche in den Speichen seines Vorderrades zerhäckselt, um sich synchron dazu mitten auf einer Kreuzung zu überschlagen. Mit etwas weniger Glück würde er jetzt als Matsche im Kühlergrill eines auch mental tiefergelegten Kreuzköllner PS-Prolls kleben. Der Kleine verfügt ebenfalls über die Gene eines Stuntmans: Neulich ist er kopfüber aus dem Hochbett geplumpst. Der dumpfe Aufprall ließ das Haus erbeben. Die Chefin hatte im Herbeieilen schon die Notarztnummer gewählt. Doch Hans schüttelte sich nur, torkelte ein wenig und reckte den Daumen. Als der liebe Gott die Schmerzrezeptoren verteilte, war unser Sohn wahrscheinlich gerade mal draußen, am Kühlschrank.

Ginge es nach den Sorgenprofis aus der Kita, müsste Hans einen Helm tragen, wenn er aufs Hochbett klettert. Leider nicht möglich. Denn das Kind leidet an einer Helmallergie. Ich schwöre: Ich habe den Kleinen nicht aufgehetzt gegen seine Mutter, die ihm die bunte Plastikglocke im zweiten Stock überstülpt, damit das Kind schon im Treppenhaus die Chance hat, sich zu blamieren. In der Rangliste seltsamer Kopfbedeckungen führten stets jene Omis im Café, die den "bad hair day" mit lustigen Wollmützen bekämpften. Inzwischen sind die alten Damen von Männern abgelöst worden, die neongelbe Klammern überm Schuhwerk tragen, dazu die übertaillierte Plastikjacke aus dem Abenteuergeschäft und die knitterfreie Mütze auf dem Resthaar. Sinnierend stehen sie vor dem Tofu-Regal und merken nicht, wie der Rest der Welt einen Bogen um sie schlägt. Ist es verwerflich, wenn ich meinem Sohn ein solches Schicksal ersparen will?

Früher, als wir nichts hatten, zum Glück nicht mal Helme, haben wir es auch geschafft, Rad zu fahren, ohne gleich zu sterben. Ja, natürlich, jedes Jahr werden Menschen ins Unglück gestürzt, weil sie unbehelmt fuhren. Aber wer fragt, wie viel Elend der Helm über uns brachte? Außerdem haben britische Forscher herausgefunden, dass Menschen ohne Helm vorsichtiger radeln. Hans allerdings hat die Konfession wieder gewechselt, seit er den alten Skater-Helm seines Bruders im Keller gefunden hat. "Cool", hat er gesagt. Leider ist der Deckel viel zu groß und rutscht ihm über die Augen, meist vor Ampeln. Wir warten auf den ersten helmbedingten Unfall.

Nächste Woche schreibt an dieser Stelle wieder Susanne Leinemann