Familienangebote

Nachts durch die Märchenwelt

Lena ist das Vorbild. Beim letzten Eurovision Song Contest wurden der jungen deutschen Sängerin erst nur Außenseiterchancen eingeräumt - am Ende gewann sie den Wettbewerb. Mit ihrem Charme, ihrer Unbekümmertheit verzauberte sie die Zuschauer. Genau das will die "1. Lange Nacht der Familie" auch: Begeistern und Mitreißen.

Doch während Lena am Sonnabend um die Stimmen der europäischen Schlagerfans ringt, hat die Berliner Veranstaltung Mütter, Väter und Kinder im Visier.

"Wir haben einen Stein ins Wasser geworfen. Jetzt müssen wir schauen, wie hoch die Wellen schlagen", sagt Herbert Scherer vom Verband für sozial-kulturelle Arbeit. Er gehört dem Berliner Bündnis für Familie an, unter dessen Dach sich verschiedene Akteure aus Wirtschaft, Verwaltung, Politik zusammengefunden haben, um die Situation für Familien in Berlin zu verbessern. 77 Partner gehören dem Bündnis aktuell an. Das Motto: "Soziale Institutionen sollen nicht nur problembeladene Familien ansprechen, sondern deutlich machen, dass hier ein vielfältiges Netzwerk für alle Familien bereit steht", sagt Scherer.

"Wir sind ein Risiko eingegangen"

Beim letzten Jahrestreffen des Berliner Bündnisses fiel die Entscheidung, einen Aktionstag zum Thema Familie und Beruf auszurichten; seit September laufen die Vorbereitung für die lange Familiennacht an diesem Sonnabend. Sie ist bundesweit die erste Veranstaltung dieser Art und provozierte im Vorfeld Diskussionen: Eine Veranstaltung für Familien mit Kindern - mitten in der Nacht? Diese Vorstellung war vielen nicht ganz geheuer, Skeptiker meldeten sich zu Wort. "Wir sind ein gewisses Risiko eingegangen", räumt Herbert Scherer ein.

Auch finanziell mussten Hürden überwunden werden. Das Budget ist niedrig, 16 000 Euro stehen den Organisatoren insgesamt zur Verfügung. Und so setzten die Veranstalter vor allem auf die "kreative Begeisterung" der Mitstreiter.

Die ist reichlich vorhanden. Bei dem Aktionstag "Mama, Papa, was macht ihr eigentlich?" konnten Kinder im September 2007 in den Berufsalltag ihrer Eltern hinein schnuppern. Die Resonanz war groß, auch der Familienpass, ein weiteres Projekt, wird nachgefragt. Das Problem: In Berlin ist immer was los, vor allem an den Wochenenden gibt es vielfältige Angebote für Familien - nur wissen die meisten davon nichts.

Das soll durch die "1. Lange Nacht der Familie" jetzt befördert werden: "Wir wollen ein Signal setzen. Berlin bietet einiges, aber nicht immer bekommen Familien davor etwas mit", sagt Gunnar Güldner vom JugendKulturService. 101 Angebote erwarten die Familien am Sonnabend. Väter Mütter und Kinder sollen sich in ihrem Kiez umschauen, nach Möglichkeit aber auch darüber hinaus. Die Verantwortlichen haben einen Stadtplan erstellt, auf dem jeder Veranstaltungsort eingetragen ist - mit Programminformation, Anreisemöglichkeiten und Eintrittspreisen. 20 000 Exemplare wurden gedruckt und liegen in Bibliotheken, Bürgerämtern und in den 134 Grundschulen aus. Die Nachfrage ist groß, fast alle Stadtpläne sind weg, so dass Lichterfelde sogar überhaupt nicht mehr beliefert werden konnte. "Mit einer solchen Resonanz haben wir nicht gerechnet", sagt Gritt Ockert, die die Gesamtkoordination der "1. Langen Nacht der Familie" übernommen hat. Alle, die bisher leer ausgegangen sind, haben aber die Möglichkeit, den Veranstaltungsplan im Internet abzurufen. Alle 101 Aktionen gibt es auf www.familiennacht.de .

Trollige Komödien für Kinder

Am Sonnabend mit dabei sind dann auch Gottfried Wiedenmann vom Naturpark Schöneberger Südgelände und Catherina Wörndel vom Zuckertraumtheater. Wiedenmann ist promovierter Biologe und seit 15 Jahren in der Umweltbildung aktiv. In Führungen und selbst geschriebenen Geschichten versucht er, Kindern die Natur zu erklären. In einfachen Worten, mit viel Spaß - und einem Trick: Zuerst lässt er die Kleinen mit verbundenen Augen die Rinde verschiedener Bäume ertasten, um ihnen anschließend zu erklären, warum sich die Eiche so ganz anders anfühlt. Um 19 Uhr beginnt seine "Märchenführung"; voraussichtliches Ende ist um 21.30 Uhr. Treffpunkt ist an der alten Dampflok. Der Eintritt in den Naturpark für Besucher ab 14 Jahren beträgt einen Euro.

Um Märchen dreht es sich auch bei Catherina Wörndl. In ihrem Zuckertraumtheater führt die ausgebildete Schauspielerin Märchen für Kinder zwischen zwei und acht Jahren auf. Am Sonnabend gibt es von 18 bis 20 Uhr jeweils zur vollen Stunde den "Wi-Wa Waldtraum". Diese trollige Komödie für Kinder hat Wörndel selbst geschrieben; in dem Zwei-Personen-Stück spielt sie die Fee Fiofina, die Trolli Tolpatsch bei seinen Prüfungen durch den Zauberwald begleitet. Aufführungsort ist das Café Boheme in Prenzlauer Berg (Windstraße 12).

Es reicht also nicht, wenn die Mitwirkenden einfach nur die Tür für die Familien öffnen: Neu, überraschend und pädagogisch wertvoll müssen die Aktion ebenfalls sein. Eine Jury begutachtete die eingereichten Vorschläge. Dabei handelt es sich aber nicht um die "üblichen Verdächtigen" der sozialpädagogischen Einrichtungen, sondern auch Wirtschaftsunternehmen haben sich an der Familiennacht beteiligt. Das war Katrin Fleischer vom Berliner Bündnis für Familie wichtig:

Die meisten Angebote sind kostenlos, an einigen Veranstaltungsorten wird ein Unkostenbeitrag von ein bis zwei Euro erhoben. Mit den Eintrittspreisen fallen auch die Tickets weg.

Fangemeinde auf Facebook

Der Countdown läuft. 101 Tage vor dem Beginn der 1. Familiennacht wurde die Netzgemeinde auf die Veranstaltungsnacht aufmerksam gemacht, auf Twitter und Facebook pro Tag jeweils eine Aktion vorgestellt. Fans klickten fleißig den "Gefällt mir"-Button. Noch ist die Schar der Anhänger klein, aber sie wächst täglich. Lena lässt grüßen.

Auch bei der Familiennacht ist eine Fortsetzung nicht ausgeschlossen: "Wenn diese Nacht richtig gut läuft, dann werden wir unsere Kräfte bündeln und eine zweite Runde ins Auge fassen", sagt Katrin Fleischer . Und so gilt nicht nur für Lena am Sonnabend: Nach dem Contest ist vor dem Contest.