In der Eckkneipe ist niemand allein

Das zweite Wohnzimmer

Es war eine Zeitenwende, damals, 1978. Der neue Tresen war da. Das ist ein geschichtliches Ereignis. Die Alteingesessenen datieren wichtige Ereignisse auf "vor dem neuen Tresen" und "nach dem neuen Tresen".

An einer kleinen Seitenstraße der Karl-Marx-Straße, der Anzengruber, liegt die Kneipe "Zum Anzengruber" - einige Schritte entfernt vom Bioladen, an der Ecke, da, wo früher der Aldi war, ist jetzt ein russischer Supermarkt mit Unmengen von Wodkasorten und einer guten Gemüseabteilung, und warum mitten in Neukölln Straßen nach Alpendichtern aus Österreich benannt wurden, das weiß hier auch keiner. Gibt Wichtigeres.

Den Stammplatz, natürlich. Am runden Tisch links sitzt immer Fritz: "Wenn jemand anders meinen Platz hat, dann werde ich richtig sauer. Und warte darauf, dass der endlich geht." Am 1. April werden es 40 Jahre sein, die er hier seine Stammkneipe, "sein Wohnzimmer", hat. Seine Ehe damals hielt zwei Jahre. Drei Wirte sind nicht mehr da, die Tapeten, die einmal hellgrau waren und dann immer brauner durch den Zigarettenrauch auch nicht mehr. Aber er schon, fast täglich. 14 Tage einmal hatte er Hausverbot, weil er sich schlecht benommen hatte - was er gemacht hat, weiß er noch immer nicht. Dann war er wieder da. Er trinkt Schwarzbier und denkt und schaut und schreibt.

Die beiden, die da vorne an der Tür gerade "Mensch ärger dich nicht" spielen, die kennt man auch. Nur nicht die Namen, aber die kommen auch häufiger. Nebenan löst einer Kreuzworträtsel. "Wolfgang", ruft Fritz, dann flötet er "Wölfchen", um den zu ärgern. Aber Wolfgang heißt Wolle und reagiert auch nur auf Wolle. Vor 20 Jahren hat er schon einmal im "Anzengruber" vorbeigeschaut, Stammgast ist er jedoch erst seit neun. Man ist hier sehr genau mit den Kategorien. "Manchmal", sagt Wolfgang, "da trinkt man mittags nach dem Einkaufen hier seine zwei, drei Bier, und abends ist man wieder hier." Man muss sich nicht mit Namen kennen, aber man gehört dazu. Man muss nicht reden, aber man ist nie allein.

Wirtin Angie, zierlich und blond, bringt eine neue Runde. Die hat's auch nicht leicht, sagt einer. Aber Haare auf den Zähnen, sagt der nächste. Manchmal ist sie Tochter, auf die alle stolz sind, für die Männer wie Wolle, 63, und Fritz, 74. Manchmal Respektperson - sie hat auch schon Dauerhockern am Tresen ihre zwei Euro wieder zurückgegeben und dafür das Bier konfisziert, damit sie gehen. Und zwischendurch flirten sie mit ihr. Ihr Mann hatte die Kneipe vor vier Jahren übernommen, dann war er krank geworden: "Wirte leben nicht lang", sagt sie sachlich. Manchmal bringt sie für Stammgäste freitags selbstgebratene Buletten mit.

Klaus, der erste Wirt von Fritz, starb, da war er gerade Anfang 50. Herzinfarkt. Getrauert haben die Stammgäste bei Kaffee und Kuchen in der Kneipe. Frank, der zweite, hatte Krebs im Bauchraum und starb. Fast sechs Jahre hatte er die Gastwirtschaft zusammen mit seiner Beate, 43 - mit der telefoniert Fritz noch heute manchmal, sie bleibt ja seine Wirtin, auch wenn sie die Kneipe 2005 aufgab. Gerade macht der freundliche Rosenverkäufer seine Runde. Siggi der Silberhaarige mit Hut und dunklem Mantel kauft eine für Angie. Und der Rosenverkäufer verspricht ihr, beim nächsten Mal wieder mehr gelbe Rosen mitzubringen.

Fritz ordert ein neues Bier und krault Paulchen, der neben ihm schlummert. Paulchen ist ein Lhasa Apso, mit seiner Knopfnase einer der niedlichsten Hunde der Welt, und das ist ein Problem. Weil jeder streicheln will und Paulchen fast blind ist und Menschen hasst, außer Fritz und Angie - dass man Wirtinnen niemals beißen darf, das hat er verstanden. Er wurde von Menschen geschlagen, verlassen, und dann dem Fritz aufgedrängt - von Bekannten, die sahen, wie sehr Fritz unter dem Tod seines eigenen Hundes litt und wie er nie wieder einen haben wollte. "Der Purzel, so einen tollen Hund gibt es nicht wieder", sagt Fritz gerade. Und Paulchen seufzt und lässt den Kopf wieder auf die Vorderpfoten sinken.

Ein Mann kommt herein, der lustige blinkende Brillen verkauft. Er dreht seine Runde, keiner will. Setzt er sich eben an die Bar und trinkt auch ein Bier. Neuankömmlinge, die sind willkommen. "Setzt euch hin, wir beißen nicht", ruft Angie ihnen zu. Auf Bewährung sind sie trotzdem, und manchmal bestehen sie nicht. Da gibt es die neue Kleptomanin, erzählen sie, die zum Beispiel Teelichter klaut oder Klopapier. Mögen sie nicht. Und aus dem Richard-Eck an der Berthelsdorfer, das vor einigen Wochen dicht machte, jetzt ist dort ein Spielautomaten-Laden, sind auch einige herübergeschwemmt worden. Muss man erst mal sehen.

Fritz sieht sich das an und denkt nach. Er war früher unter anderem Wartungsmonteur auf der Bowlingbahn in der Hasenheide. Er hat einen Betriebsrat gegründet in seinem Berufsleben, und konnte bei der ersten Rede vor Aufregung nicht sprechen, und er hat einen Sparverein gegründet im "Anzensgruber". Er hat vor vielen Jahren auch die Elektroleitungen in der Kneipe verlegt, kostenlos, weil man das eben tut, unter Freunden. Und er erinnert sich an die Zeit vor 1978, dem neuen Tresen. Damals stand beim Wirt nur ein Hungerturm - eine Vitrine mit hartgekochten Eiern und Buletten.

Meist aber sitzt er am runden Tisch und liest und lernt und denkt. Und dichtet. Neuen Worten wie "kujonieren" jagt er bis in die oberste Etage der Neukölln-Arkaden nach, dort ist die Stadtteilbibliothek, und die mittelhochdeutschen Wurzeln des Wortes "schurigeln" will er auch kennen. Und außerdem ein neues Bier. Aber da ist Angie auch schon da.

Anzengruber, das ist seine Familie. Die Erinnerungen, die Erzählungen, die Legenden - wie damals, als zur Silvesterparty der Heizstrahler im Billardraum alle Leitungen sprengte (noch nicht von Fritz verlegt). Dann feierten sie fröhlich weiter, bei Kerzenschein und Feuerzeug. Man muss die nicht alle mögen in der Familie. Aber ohne sie wäre es eben auch nicht schön.

Siggi der Silberhaarige rückt den Hut zurecht und geht. Wolles Kreuzworträtsel ist lang schon fertig. Wirtin Angie trägt inzwischen eine der bunten Blinkebrillen und winkt fröhlich vom Tresen rüber.

Und ein frisches Bier ist da.

"Wenn jemand anders meinen Platz hat, dann werde ich sauer"

Friedrich Seedorf, Stammgast