Gesundheit

Heuschnupfen - Millionen Menschen hoffen auf Heilung

Als Sebastian bei seinen Großeltern im bayerischen Velburg ankommt, ist sein Gesicht puterrot und verquollen. Besorgt beugt sich die Oma über den dreijährigen Enkel und hat Mühe, ihn zu beruhigen. Bald steht die Diagnose fest: Sebastian hat Heuschnupfen.

Er reagiert allergisch auf Gräser, Birken und Katzenhaare. Jedes Jahr um seinen Geburtstag im Mai herum nimmt das Leid seinen Lauf: Die Nase trieft, die Augen jucken. Sobald er sie reibt, wird alles nur noch schlimmer. An manchen Tagen schwellen seine Lider so sehr an, dass er ein, zwei Stunden mit einem nassen Waschlappen über den Augen auf dem Sofa ausharren muss. Wenige Jahre später kommt Asthma hinzu. Zum Schulsport im Freien und bei Wanderungen wird er krankgeschrieben.

In Deutschland reagieren knapp eine Million Kinder auf Pollen allergisch. "In Berlin sind es inzwischen ein Viertel aller Teenager", weiß Ulrich Wahn. Jeden Tag kommen viele Familien zu dem Kinderallergologen in die Charité. Üblicherweise bricht die Erkrankung, wie auch bei Sebastian, im Alter von drei Jahren aus. Zu wissen, dass man mit dem Leid nicht alleine ist, ist für viele ein schwacher Trost.

Gefahr von Asthma

Immerhin haben sich aber auch die Behandlungsmöglichkeiten weiterentwickelt, sodass die Beschwerden heutzutage oft gelindert werden können. Zunächst stellt der Arzt fest, welche Pollen die Allergie auslösen. Üblicherweise wird Blut abgenommen und auf Antikörper untersucht. Sie bilden sich, wenn das Immunsystem Parasiten bekämpft, aber auch wenn es irrtümlich auf Pollen mit Abwehr reagiert. Wenn die verdächtigen Antikörper im Blut des Kindes gefunden werden, schließt sich ein Hauttest an. Davon gibt es verschiedene Varianten. Am geläufigsten ist der Pricktest. Verschiedene Flüssigkeiten werden auf die Innenseite des Unterarmes getropft und mit einer feinen Nadel in die Haut gestochen. In den Substanzen befinden sich jeweils unterschiedliche Allergieauslöser, etwa Bestandteile von Hausstaubmilben, von Hasel-, Erlen- und Beifußpollen. Wenn sich binnen einer Viertelstunde rote Quaddeln an der Einstichstelle bilden, ist das ein Hinweis auf eine Allergie.

Nach einer solchen Diagnose ist es möglich, den Heuschnupfen ursächlich medizinisch zu behandeln. "Die Desensibilisierung, auch Immuntherapie genannt, ist die Behandlung der Wahl", sagt Wahn. Sie wird im Herbst, also außerhalb der Allergiesaison, begonnen, und dauert insgesamt drei Jahre. Dabei werden natürliche Bestandteile des Allergieauslösers, etwa Eiweiße von Graspollen, in steigenden Dosen gespritzt oder als Tablette gelutscht. Das fehlgeleitete Immunsystem soll so allmählich lernen, die Pollen als normal zu erkennen und zu tolerieren. "Die Erfolgschancen der Therapie sind umso größer, je früher damit begonnen wird", hebt Wahn hervor. "Wir behandeln Kinder ab sechs Jahren."

Frühestens ein Jahr nach Beginn der Therapie lässt das Triefen der Nase und das Brennen in den Augen meist allmählich nach. Dennoch warnt Wahn vor übertriebenen Erwartungen. Dass die Allergie ganz verschwindet, ist die Ausnahme. Trotzdem raten Ärzte zur Therapie, da sie auch davor schützt, dass sich Heuschnupfen zum Asthma ausweitet. Unbehandelt passiert das bei 40 Prozent der Allergiker.

Neben der ursächlichen Behandlung eines Heuschnupfens wird eine Reihe von Medikamenten angeboten, die die Beschwerden im erträglichen Rahmen halten sollen. Dies sind vor allem Antihistaminika, die den Botenstoff Histamin abfangen, der das Jucken und Zuschwellen von Augen und Nase auslöst. Es gibt allerdings verschiedene Typen von Antihistaminika, die mit unterschiedlich starken Nebenwirkungen behaftet sind. "Ältere Präparate wie Fenistil sollte man bei Heuschnupfen nicht mehr einsetzen. Die machen müde", erklärt Uwe Schauer von der Kinderklinik der Universität Bochum.

Wenig Nebenwirkungen

Am verträglichsten sind laut Schauer die neuen verschreibungspflichtigen Antihistaminika. Als Nasenspray oder Augentropfen wirken sie lokal an den Schleimhäuten. Nebenwirkungen treten nur selten auf, da die Arzneistoffe kaum ins Blut gelangen. "Nur bei sehr schweren Allergien setzen wir ein Kortison-Nasenspray bei Kindern ein", berichtet Schauer. "In der Regel brauchen wir das aber nicht." Zu Unrecht herrsche unter Eltern eine verbreitete Kortisonangst, klagt der Deutsche Allergie- und Asthmabund. Die Furcht kommt jedoch nicht ganz von ungefähr. Kortison kann in hohen Dosen und nach längerer Einnahme den Blutdruck anheben und eine Zuckerkrankheit begünstigen. Unter Umständen lagert der Körper mehr Wasser ein.

Neben den Medikamenten kursieren viele alltagstaugliche Tipps gegen Heuschnupfen. Der Deutsche Allergie- und Asthmabund rät, Pollenschutzgitter an den Fenstern des Kinderzimmers anzubringen. Die Kleidung sollte außerhalb des Schlafraumes ausgezogen werden, und vor dem Zu-Bett-Gehen sollten die Haare gewaschen werden, da sich darin die meisten Pollen verfangen. Hilfreich ist auch, die Nase mit Wasser auszuspülen. "Man soll die Kinder aber nicht in einen Glaskasten setzen, sondern am Leben draußen teilhaben lassen", sagt Sonja Lämmel vom Deutschen Allergie- und Asthmabund. Auch der inzwischen 35-jährige Sebastian wäscht sich heute jeden Abend die Haare, weil er dann besser schläft. Homöopathie, Medikamente und eine Wünschelrutenbehandlung sind dagegen fehlgeschlagen, meint er. Im Laufe der Jahre ist sein Asthma aber von selbst verschwunden und der Heuschnupfen leicht abgeklungen. Doch am besten geht es ihm, wenn er zur Allergiesaison ans Meer reist und so vor den Pollen flieht.