Studium

Zwischen Kita und Hörsaal

Annemarie Uhlmann hat zwei Leben, die sie täglich meistern muss. Wenn die 26-Jährige morgens in Dahlem ankommt, steht der Wechsel vom einen zum anderen kurz bevor.

Sie legt den Bügel über die Pforte, damit kein Kind das Tor öffnen und auf die Straße rennen kann. Dann hebt sie ihre Tochter Maja aus dem Kinderwagen und öffnet die Tür zur Kita. Wenige Minuten später hält eine Erzieherin die Einjährige auf dem Arm. Und Annemarie Uhlmann hat ein paar Stunden allein für ihr Studium.

Die Studentin der Freien Universität (FU) wollte die Doppelbelastung. Nach ihrem Bachelor arbeitete sie zunächst ein paar Jahre. Irgendwann stellte sie sich die Frage, wie ein Kind in dieses Leben passen würde - und fand: Das wäre schwer zu vereinbaren. Jedenfalls schwieriger als im Studium. Seit Oktober studiert sie nun den Chemie-Master. Täglich ab 9.30 Uhr, wenn sie ihre Tochter in der Kita des Studentenwerks an der FU abgibt. Bis zum Nachmittag, wenn sie den Hörsaal verlässt und um halb vier Maja und ihr Leben als Mutter in die Arme schließt.

Laut der aktuellen Sozialerhebung des Studentenwerks haben etwa neun Prozent der Studenten in Berlin mindestens ein Kind, rund 12 500 der Immatrikulierten. Im Rest der Republik sind es im Schnitt etwa sechs Prozent. Die Sozialerhebung erzählt zudem von der großen Herausforderung, die Kombination aus Uni und Familie zu meistern. Oft ist die finanzielle Lage heikel. Wer dann noch arbeiten muss, kommt mit dem Zeitbudget schnell ins Schleudern. Studierende mit Kindern unterbrechen viermal häufiger ihr Studium als Kommilitonen ohne Nachwuchs. Viele kehren nach der Auszeit nicht an die Hochschulen zurück.

Netz von Beratungsstellen

Und trotzdem sagt Annemarie Uhlmann, das Studium sei wahrscheinlich die beste Zeit, um ein Kind zu bekommen. Sie ist davon überzeugt, selbst als Master-Studentin. Wie die Bachelor-Studiengänge sind die darauf aufbauenden Master-Jahre bekannt für straffe Stundenpläne, Anwesenheitspflichten und immensen Zeitaufwand. Das heutige Studentenleben hat nicht viel vom eher lockeren Studieren früherer Generationen.

Alleingelassen werden Studenten mit Kind aber nicht. Über die Stadt legt sich ein Netz von Beratungsstellen. "Das größte Fragezeichen steht für die meisten Studenten hinter der Finanzierung", sagt Constanze Keiderling von der Sozialberatung des Studentenwerks Berlin. Viele haben Anspruch auf Bafög. "Wir geben auch Tipps zu zusätzlichen Leistungen wie Kindergeld, Elterngeld oder Kinderzuschlag", sagt Keiderling.

Viele Studentinnen kommen im vierten oder fünften Monat der Schwangerschaft zur Sozialberatung. Für Constanze Keiderling zählt dann jede Woche. "Wir raten meist, vor der Geburt so viel wie möglich vom Studium hinter sich zu bringen", sagt sie. Und schnell wieder einzusteigen: Je länger man der Uni fernbleibe, desto schwerer sei es, wieder hineinzufinden. Im Schnitt unterbrechen Studenten mit Kind für vier Semester ihre Unikarriere.

Sabine Hack hat gute Chancen, ihr Studium der Geschichte und Klassischen Archäologie in der Regelstudienzeit abzuschließen. Und dass, obwohl die 32-Jährige nie ein Studium ohne Kind kennengelernt hat. Ein Sohn ist zwölf, der jüngere kam 2009 zur Welt. Dafür nahm Hack Urlaubssemester, nun studiert sie Teilzeit. Gerade schreibt sie ihre Abschlussarbeit an der Humboldt-Universität (HU). Darauf folgen mündliche Prüfungen. Dann ist sie fertig. "Ich habe nie die Leichtigkeit des Studierens erlebt", bilanziert sie. Die meisten ihrer Kommilitonen haben die Wahl, ob sie die Nächte durchtanzen oder in der Bibliothek verbringen. Sabine Hack muss lange im Voraus planen, wann sie sich an den Schreibtisch setzen kann.

Im ersten Studium, das sie mit dem Chemie-Vordiplom in der Tasche abbrach, jobbte sie als studentische Hilfskraft, am Wochenende als Kellnerin. Nun, mit zwei Kindern, arbeitet sie nur noch zehn Stunden pro Woche als Hilfskraft. Wenn die Kinder in der Kita und Schule sind, hat sie ein paar Stunden, um an der Magister-Arbeit zu feilen. Diese Zeit nutzt sie intensiv.

Nicht immer klappt die Organisation des Lebens mit Studium und Kind so reibungslos wie bei Sabine Hack. Dann helfen die Sozialberatungen des Studentenwerks bei der Planung des Lebens neben dem Campus und die Beratungsstellen der Hochschulen bei der Studienorganisation. Die Technische Universität (TU) bietet ein gutes Beispiel, welche Türen Studenten mit Kind auf den Fluren einer Massenuni aufstoßen können. Die Studienberatung versucht etwa, bei abgelaufenen Fristen zwischen Student und Fakultät zu vermitteln. Die Frauenbeauftragte gibt Tipps, wie Hochschulkarriere und Familiengründung zusammengehen. Und im Familienbüro geht es um Ähnliches. Die drei Beratungsstellen arbeiten eng zusammen. Wichtig für Studenten ist, den ersten Schritt zu machen. "Sobald die Probleme bei uns ausgesprochen sind, können wir an einer Lösung arbeiten", sagt die Frauenbeauftragte Susanne Plaumann. An der HU ist das Familienbüro zentrale Anlaufstelle für Studierende mit Kind. Hier finden Studenten sogar Tipps für die Suche nach einem Kita-Platz.

Damit Studenten mit Kindern auch späte Seminare oder Vorlesungen besuchen können, wenn die meisten Kitas längst geschlossen sind, entstand an der HU in den 90ern der Kinderladen "Humbolde". Bis 20.30 Uhr betreuen hier zwei Betreuer bis zu 15 Kinder. "Der Bedarf nach Betreuungsmöglichkeiten ist bei Studierenden stark gestiegen", sagt Alexandra Eßl vom Referentinnenrat, der den Kinderladen betreibt. Außerdem wollten viele Eltern ihre Kinder in einem immer jüngeren Alter abgeben. Betreuerin Eva Wendland vermutet: "Der Druck im verschulteren Studium von Bachelor und Master ist durch die vielen Prüfungen wohl gestiegen."

Der Zeitdruck ist größer geworden

Sabine Hack saß in den vergangenen Semestern immer häufiger mit Master-Studenten in einem Raum. Weil der Magister-Studiengang ausläuft, werden Seminare für alle angeboten - unter den verschärften Bedingungen der neuen Studiengänge. Ob sie heute noch gerne mit Kind studieren würde, weiß Hack nicht. Der Zeitdruck ist größer geworden. Hausarbeiten könne sie nicht mehr nachreichen. Auch deshalb ist sie froh, bald fertig zu sein.

Annemarie Uhlmann steht gerade am Anfang des Masters. Der Platz in der Kita des Studentenwerks ist ein wichtiger Baustein für die Lebensplanung. Sie bekommt Bafög und Wohngeld. Ihr Ehemann studiert auch noch, Medizin an der Charité. Sie wird wohl vier Jahre für den Master brauchen - doppelt so viel wie ihre Kommilitonen. Und dennoch: "Ich genieße die Zeit." In ihrem alten Job wäre ein Kind nicht so leicht möglich gewesen. Nun aber bekommt Annermarie Uhlmann im Frühjahr ihr zweites Kind.