Frauen erobern den Baumarkt

Das muss kacheln, meine Damen!

Der Unterricht hat gerade erst begonnen. Aber das Wichtigste über das Heimwerken wissen die Frauen schon. Eine Bodenfliese mit Sprung in seinem Markt - das ist Tobias Hankel, Vizechef des Bauhaus in Spandau, etwas unangenehm. "Och", meint Gabriele Falk (42), "stellen wir eben den Arbeitstisch drüber. Da sieht man nix!"

18 Frauen sind in den Heimwerkermarkt gekommen, um von Dozent Andreas Lehmann Fliesenlegen zu lernen. Seit 2010 hat der Mitarbeiter von Sopro Bauchemie (die natürlich Produkte zum Fliesenlegen anbietet) rund zwanzig Frauen-Workshops geleitet. Unterschied zu den Workshops für Männer? "Na, die gibt es doch überhaupt nicht." Der 42-Jährige muss über den Gedanken lachen: "Da sind die viel zu eitel. Stellen Sie sich vor, da steht ein Mann hier und lässt sich von mir etwas erklären und ein Kumpel kommt vorbei. Ist doch peinlich." Noch mal Kopfschütteln: "Außerdem - Männer, die wissen doch eh schon alles, vor allem besser."

Die Frauen dagegen hören lernwillig zu. Fünf Minuten zumindest. Dann stellt eine die Frage nach dem Estrich. Das ist nur gründlich, denn der muss unter den Fliesen ja zuerst da sein. Andreas Lehmann erzählt von Zement, der bis zu 28 Tage austrocknen soll, erklärt den Schwindprozess beim Trocknen, der schon einmal zwei Millimeter auf vier Metern ausmachen kann ("Ohhh!" aus dem Publikum). Er erzählt auch von Holz - und von Gips: "Der zweitschlechteste Untergrund, gleich nach Holz. Mein alter Meister hat immer gesagt: Fliesenlegen auf Holz - das lässt man den Kollegen machen, den man nicht leiden kann." Er hat auch noch einige schlimme Geschichten von Gips, in den Wasser gesickert war, und der ganz boshafte Beulen ausgebildet hatte: "Gleich hinter der Mischbatterie. Das kriegen Sie nie wieder trocken." ("Oh Gott!"). "Früher hat man Rohbauten doch den ganzen Winter über austrocknen lassen", ergänzt Martina Böhner (44). Und plötzlich reden alle. Estrich, das ist wirklich ein Thema.

Martina Böhner ist Altenpflegerin. Beim Workshop ist sie aus einem guten Grund: "Wenn ich warte, bis mein Mann Zeit hat für solche Arbeiten, passiert nie was. Also will ich selber wissen, wie das geht." Gabriele Falk, Verwaltungsangestellte, ist nur aus Spaß hier: "Ich habe davon in der Zeitung gelesen und dachte: Das ist doch lustig, kann man immer brauchen." Sie hat ihre Mutter Christl Falk (72) mitgebracht, die Älteste hier und heute. Christl hat schon einmal einen Schrank zusammengebaut, aber Fliesenlegen findet sie auch interessant: "Ich war einfach nur neugierig, vielleicht brauche ich das Gelernte ja sogar mal."

Arbeiten mit Zuschauern

Die Jüngste ist Juliette Krueggel mit ihren zwanzig Jahren. Sie arbeitet noch an ihrem Abitur und ist in ihren Handwerkerhosen hier, Jeans mit bunten Farbspritzern. Sie will Fliesen in ihrer ersten eigenen Wohnung verlegen: "Ich habe alles zum Fliesen zuhause. Aber keiner meiner Freunde hat Zeit. Und das Bad in der Wohnung sieht so grauslig aus. Da mache ich es eben selber." Sie hat schon Laminat verlegt und Wände verputzt und gestrichen. Alles vom Vater gelernt? "Nö, von meiner Mutter. Die ist gelernte Tischlerin."

Ein Mann geht vorbei, Teppichleiste über der Schulter. Ob es sich um eine Winkelleiste oder einen Viertelstab handelt, ist für Laien aus der Entfernung nicht zu erkennen. Über die Baumarkt-Lautsprecher läuft "Walk of Life" von den Dire Straits, passt zu all den unverzagten Heimwerkern, zu fehlgeschlagenen Versuchen und stetem Bemühen. Der Mann sieht die Frauen und tritt näher. Sie streichen gerade mit Rollen Arbeitsplatten, Vorbereitung für das Fliesen. "Vorsicht, die spritzen ganz doll", ruft eine den anderen zu. Der Mann ist zufrieden. Frauen sind keine Männer. Die denken eben nur an Klamotten - beim Handwerkeln!

Monika hat ihren eigenen Blaumann mitgebracht und klettert jetzt hinein. Für die anderen hat das Bauhaus weiße Overalls zur Verfügung gestellt. "Jetzt aber keine Fotos mehr", ruft Carola Gerstenberg (29): "Wir sehen ja aus wie die Michelin-Männchen."

Die Frauen haben sich schon verändert in den vergangenen zehn Jahren, findet Christl Falk: "Früher hätte man doch einen Mann angerufen, um einen Nagel für ein Bild in die Wand zu schlagen." Hannelore Seeling (65) widerspricht: "Das hat doch schon gleich nach dem Krieg angefangen. Da gingen viele Ehen auseinander, weil die Frauen auf einmal besser Bescheid wussten als die Männer. Aber klar, damals hat man darüber nicht geredet." Und dann geht das Lästern los. "Viele Frauen haben sich ja auch extra blöd angestellt. Meine Schwäääägerin!", fängt Hannelore an: "Wenn die mal Fenster putzen sollte, hat sie zu ihrem Mann gesagt: 'Dicker, ich hab' so Angst auf der Leiter.'" Hannelore selbst kann Tapezieren, Gardinen nähen und hat schon mal "mitgefliest". Um nicht unfair den Frauen gegenüber zu sein, erzählt sie die Geschichte von ihrem damaligen Lebensgefährten auch noch: "Da sagt der doch tatsächlich: 'Du, wenn ich immer auf all diese Kreuze da zwischen den Fliesen sehe, wird mir ganz schlecht.'" Er hat sich dann erst einmal hinlegen müssen, sie hat gefliest. Jetzt ist sie Single.

Sabina Katzy (43) ist Filialleiterin in einem Pfandhaus. Sie hat gerade ihr "kleines Bad auseinander genommen", weil sie eine ebenerdige Dusche haben möchte. Die Fliesen sind auch schon geliefert und stehen in der Küche herum. Ihr Mann kann Handwerken, sie will es aber auch selber können und selber machen: "Das Schwierige, wie das Zuschneiden der Fliesen, kann ich dann ja immer noch ihm überlassen."

Dozent Andreas Lehmann hat jetzt Sorge, dass die Zeit für die Grundierung knapp wird. Zweimal sollen die Frauen alle Stellen überstreichen und abdichten, an die Spritzwasser kommen könnte, 0,5 Millimeter stark und besser großzügig nach links, rechts und oben. "Eine Dichtung ist immer nur so gut, wie sie an der schwächsten Stelle ist", rät Andreas Lehmann. Zwei tuscheln: "Eine Wahrheit auch", und kichern. Aber die anderen schauen böse, und es herrscht wieder Ruhe.

Der große Mixer

Die Frauen sollen jetzt Kleister mixen, aus 20 verschiedenen Komponenten, mit einer sehr großen lauten Maschine. Wie die heißt, kann jetzt auch keine sagen: "Ich nenne es einfach großen Mixer", meint eine: "Hat man doch für Tapetenkleister auch."

Ein kleiner Junge von vielleicht sechs Jahren sieht neidisch zu und will nicht mit seinen Eltern weitergehen. Ein Ehepaar in den Vierzigern zieht vorbei. Sie schaut, stößt ihn an: "Schau mal. Frauenpower!" Er muss jetzt erst einmal die Natursteine im Ausstellungsregal nebenan prüfen und abtasten und seiner Frau erklären, welche ihren Preis wert sind - um mal wieder klarzustellen, wer hier der Heimwerker ist.

Theresa Klare ist 21 Jahre alt, Physik-Studentin, und hat als Heimwerkerin noch keine großen Erfolge erzielt. Sie ist beim Workshop, weil man an der Universität gern sieht, dass die Studenten auch praktisch mit verschiedenen Stoffen umgehen können, sagt sie. Ihr Freund, ein Informatiker, der kann sicher Fliesenlegen, vermutet sie: "Aber ich kann es lieber auch selber und wir arbeiten dann zusammen."

Hannelore Seeling will nach dem Workshop vielleicht den Balkon zuhause neu fliesen. Und außerdem unbedingt noch den Kurs zu den Elektrogeräten mitmachen. Die beiden Falk-Frauen schauen auch noch im Veranstaltungsverzeichnis, weil ihnen Fliesenlegen so viel Spaß gemacht hat. Tobias Hankel, der Vizechef des Bauhaus, plant schon eine "Women's Night", weil so viele zu den Heimwerker-Kursen kommen.

Nur der Dozent, Andreas Lehmann, der sieht jetzt ein wenig müde aus. Sie haben immer und immer wieder nach dem besten Estrich gefragt.