Hörspielsprecher

Wie der Vater, so die Tochter

Mit einem Lastenaufzug geht es in das Sprecher-Refugium der Familie Rohrbeck an der Waldemarstraße in Kreuzberg. Hier, im vierten Stock eines Industriebaus, befinden sich Aufnahmestudios für Hörspiele und Synchron. "Lauscherlounge" steht auf dem Klingelschild. "Bitte Ruhe!" blinkt es drinnen in Rot über dem Studio 1. Überall stehen Regale voller CDs. Ein Traum für Hörspiel-begeisterte Kinder und Jugendliche: Klassiker und neue Produktionen stapeln sich nebeneinander.

Oliver Rohrbeck, dessen Stimme eine der bekanntesten Deutschlands ist, sitzt neben seiner Tochter Leyla auf einer weißen Couch. Bekannt ist Oliver Rohrbeck vor allem als Justus Jonas, erster Detektiv in der erfolgreichen Produktion mit dem blauen, weißen, roten Fragezeichen. Seit nun mehr 30 Jahren spricht der 44-Jährige diese Rolle und synchronisiert in Hollywoodfilmen beispielsweise Ben Stiller. Über seinem Schreibtisch hängen goldene Schalplatten - Erfolg in Vinyl gepresst. Wie bei vielen in diesem Berufsfeld vererbte sich in der Familie Rohrbeck das Bedürfnis, hinter dem Mikrofon zu arbeiten.

Mit dem Sprech-Virus infiziert

Rohrbecks 19-jährige Tochter ist mittlerweile seit 14 Jahren im Geschäft. Im zarten Alter von fünf Jahren begann sie mit einigen Sätzen, heute spricht sie große Rollen. Wenn in den Kinderzimmern der Nation ein Hörspiel läuft, ist meistens eine Rohrbeck-Stimme mit von der Partie. Ob "Bibi Blocksberg", "Benjamin Blümchen", "Die fünf Freunde", "Die drei ???" oder neuere Ideen wie "Team X-Tream" - die Familie ist stets präsent. "Dass mehrere Mitglieder einer Familie in dem Beruf landen, ist keine Seltenheit", bestätigt Rohrbeck. Anscheinend ist das professionelle Sprechen genau wie die Schauspielerei ein Virus: Trifft es einen in der Familie, wird auch der Nachwuchs infiziert. Nur, woran liegt es, dass Kinder sich für diese Berufe so oft interessieren, während Bauern oder Unternehmer um die Übernahme durch den Nachwuchs bangen müssen? "Sicher liegt es unter anderem daran, dass Kinder vor allen Dingen positive Attribute mit dem kreativen Beruf der Eltern verbinden", sagt Kinder-Psychologe Raihold Meyer. Erfolg und Spaß an der Arbeit bei den Eltern zu beobachten, seien dennoch kein Garant für die Berufswahl der Kinder.

Leyla entdeckte den Beruf ihres Vaters jedenfalls schnell für sich. "Ich war schon als Kleinkind oft mit im Studio und fand es unglaublich spannend", sagt sie. Und sie erinnert sich noch genau an einen ihrer ersten eigenen Sprechversuche. "Mein Vater kam in mein Zimmer und mich fragte, ob ich eine kleine Rolle in einem Film sprechen wolle. Ich wollte!", so Leyla. Ausgerechnet in dem Horrorklassiker "A Nightmare on Elm Street" synchronisierte sie ein kleines Mädchen. Sicher nichts für schwache Nerven. Papa Rohrbeck kamen keinerlei Bedenken. Er erklärte seiner Tochter ganz genau, mit welchen Mitteln man im Film arbeitet, um Gänsehaut-Effekte zu erzielen. Leyla meisterte die Arbeit trotz der schauerlichen Szenen mit Bravour. "Wir haben viel gelacht, um dem Ganzen das Gespenstische zu nehmen", sagt Rohrbeck. So war eine weitere Rohrbeck-Stimme ins Geschäft eingestiegen. Und das zum richtigen Zeitpunkt. In den vergangenen Jahren erleben Hörspiele eine Renaissance. "In Deutschland gibt es generell eine sehr lange Hörspiel-Tradition. Früher waren die Radiosender dafür verantwortlich, und man saß mit der ganzen Familie davor", sagt Rohrbeck. Heute kauft man natürlich CDs oder Kassetten - und es werden immer mehr. Rohrbeck glaubt, dass Hörspiele eine Alternative zum Fernsehen darstellen und dass es "einfach wahnsinnig innovative Sachen gibt, die die Fantasie der Kids anregen".

Der Vater wird zum Lehrmeister

An dem Siegeszug von "Die drei ???" kam kaum ein Kind vorbei. "Ich bin natürlich auch damit aufgewachsen", sagt Leyla. Damit gehörte sie schon zur zweiten Generation, die den Abenteuern der Detektive lauschte. "Dass mein Vater Justus Jonas spricht, war mir anfangs nicht so richtig bewusst", sagt Leyla. Erst als sie in der Schule immer wieder auf ihren Nachnamen angesprochen wurde, dämmerte ihr, dass die Stimme ihres Vaters allgegenwärtig ist. "Das war schon ein komisches Gefühl, dass so viele Kinder zu Hause meinen Papa hören", so Leyla.

Im Studio, wenn Leyla arbeitet, wird ihr Vater als Hörspiel-Regisseur zum Lehrmeister. "Ja, er gibt mir viele Tipps und arbeitet intensiv mit mir", erzählt Leyla. Dass der eigene Vater bei der Arbeit sowohl instruiert als auch kritisiert, kann zu Spannungen führen. "Da darf sie natürlich nicht zimperlich reagieren. Leyla muss trennen können zwischen Job und Tochtersein, sonst funktioniert es nicht", sagt Oliver Rohrbeck. Und dass ohne Talent gar nichts geht. "Nicht jeder kann genug Emotionen in die Stimme bringen", so Rohrbeck. Aktuell wird Leyla sogar zur Konkurrenz für ihren Vater. "Team X-Tream" ist eine neue Serie mit Kinderdetektiven im James-Bond-Stil, Leyla spricht die Detektivin Kami Sanuk. Hubschrauber, Navigationsgeräte und allerhand moderne Technik gehören zum Inventar der Kinder bei der Aufklärung der mysteriösen Fälle. "Man kann sagen, dass Leyla jetzt in der weiterentwickelten Form von "Die drei ???" eine Rolle übernommen hat", sagt Oliver Rohrbeck stolz.

Ob sie wirklich an den Erfolg ihres Vaters anknüpfen kann, ist jedoch fraglich. Immerhin zählt die Serie mit den drei Fragezeichen zu den erfolgreichsten aller Zeiten. "Pro Folge werden 100 000 Stück verkauft, und man muss bedenken, dass jetzt Folge 130 produziert wird", sagt Rohrbeck. " Ruhe bitte!" blinkt es wieder über Studio 1. Ganz nebenbei erwähnt Oliver Rohrbeck, dass gerade George Clooney dort arbeitet. Hollywood-Beau Clooney? Leyla lächelt und öffnet die Tür. Dort sitzt ein korpulenter Mann mit wenigen Haaren und Brille und synchronisiert den neuesten Clooney-Film.