Ratgeber

Unsere Tochter schlafwandelt - was sollen wir tun?

Unsere vierjährige Tochter Lina hatte schon immer einen unruhigen Schlaf, auch als Baby. Seit einigen Wochen kommt hinzu, dass sie nachts durch die Wohnung streift, nicht ansprechbar ist und sich am anderen Tag an nichts erinnern kann. Wir haben Sorge, dass sie sich dabei verletzen könnte oder aus der Wohnung läuft. Natürlich halten wir die Türen immer verschlossen, aber man weiß ja nie. Stefan P., per Email

Schlafstörungen im Säuglings- und Kleinkindalter sind ein großes Thema in der Beratung. Die erste Anlaufstelle ist meistens der Kinderarzt. Tatsächlich ist die Abklärung körperliche Ursachen der wichtigste erste Schritt. Es sollte zum Beispiel bei hartnäckigen Fällen mit Schlafwandeln, so wie bei Lina, eine Untersuchung der Hirnströme gemacht werden. Das EEG ist ein wenig aufwendig, aber im Prinzip eine harmlose Untersuchung. Aus meiner Erfahrung kommt dabei selten etwas heraus, die Beratung durch den Kinderarzt zur sogenannten "Schlafhygiene" dagegen hilft in den allermeisten Fällen. Wenn dann doch der Rat des Kindertherapeuten gefragt ist, gibt es für kleine Kinder mit Schlafstörungen inzwischen ausreichend Anhaltspunkte für die Klärung, was nicht mehr normal ist, und gute Therapieprogramme. Ich selber stehe allerdings der diagnostischen Unterteilung und der isolierten Behandlung der Schlafprobleme skeptisch gegenüber. Meistens ist doch "die Nacht ein Spiegel des Tages". Insbesondere unbestimmte Ängste spielen eine Rolle dabei, dass die normale Verarbeitung im Traum, also in der Fantasie, nicht ausreicht und zusätzliche Handlungen wie "ins Bett der Eltern gehen" oder eben Schlafwandeln notwendig sind. In erster Linie rate ich dazu, die notwendige Wachsamkeit der Eltern aufzuteilen. Wenn die Väter trotz ihrer Berufstätigkeit eine Zeit lang jede zweite Nachtwache übernehmen führt das dazu, dass die Mütter wesentlich ausgeruhter und entspannter den Tag des Kindes begleiten können. Wenn sie die gewonnene Energie dafür nutzen, sich mit den eigenen Ängste und Sorgen zu beschäftigen und damit indirekt die Toleranz des Kindes gegenüber solchen Gefühlen zu erhöhen wird die Nacht wieder ruhiger.

Dr. Andreas Wiefel, ehemals Oberarzt an der Kinder- und Jugendpsychiatrie-Klinik der Charité, ist Kinder- und Jugendpsychiater mit eigener Praxis in Kreuzberg

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