Garten

Der Traum vom eigenen Acker

Elisabeth (3) nimmt schon mal eine Bodenprobe. Sie wirft den Ackerboden in den Wind und sieht ihm nach. Der Wind pfeift ihr um die Ohren, und sie zieht die Mütze etwas tiefer in die Stirn. So ist das eben auf dem freien Feld mitten in Wartenberg. Und hier soll bald Gemüse wachsen. Elisabeths Vater Rick Minnich ist überzeugt, dass er hier sein Gärtnerglück finden wird.

Das eigene Gemüse vom eigenen Stück Land zu ernten - das ist für jemanden wie ihn, den Städter, eine schöne Vorstellung. Immerhin haben sie zwei Balkone mit Kräutern und ein paar Blumen. "Das ist sehr schön, und wir mögen unsere Balkone sehr, aber ein Garten mit eigenem, angepflanztem Gemüse ist doch noch was ganz anderes", sagt der 42-Jährige.

Als er vor drei Monaten in der Zeitung las, dass man sich nun einen Gemüsegarten für eine Sommersaison mieten kann, waren er und seine Frau sofort begeistert. Das Unternehmen Meine Ernte hat im vergangenen Sommer bundesweit an 15 Standorten bereits Gemüsegärten vermietet. Unter anderem in Frankfurt, Bonn, Hannover oder Wiesbaden konnten Städter sich den Traum vom eigenen Gemüse erfüllen. In Berlin gibt es zwei Standorte: Rudow und Wartenberg. Und so funktioniert die Idee Meine Ernte: Zwei Bauern vermieten ihr Land an Hobbygärtner. Und zwar mit allem bepflanzt, was sich für den täglichen Gebrauch in einer Berliner Familienküche eignet. Nur zwei Quadratmeter lassen sie frei, dort können die gartenhungrigen Städter dann selbst säen und pflanzen.

Gemüse in Reihen

Der Acker ist unterteilt in Parzellen. Ein kleiner Gemüsegarten für Singles oder Paare ist etwa 45 Quadratmeter groß, ein Familiengemüsegarten 85 Quadratmeter. 90 Gärtner können mitmachen. Die Resonanz war enorm. Schon jetzt stehen viele auf der Warteliste für die Saison 2012. Gerald Vogel (46) gehört der rund 3500 Quadratmeter große Acker in Wartenberg. Mit Holzpfosten, die zwei Meter auseinander stehen, hat der Gartenbauingenieur die Parzellen abgesteckt, die jeweils etwa 23 Meter lang sind - sie sind später die Gärten, die die "Mieter" zweimal wöchentlich bewässern und selbst abernten. Für Gerald Vogel ist es eine sichere Einnahmequelle. Spätestens im Mai hat er alles bepflanzt. Demnächst setzt er die ersten Kartoffeln. "Letztes Jahr wuchs hier noch Raps, in den Jahren davor Getreide", erzählt er. "Dieses Jahr gibt es Gemüse für alle. Ich finde die Idee toll." Er bepflanzt und sät 37 "Gemüsereihen" längs - beispielsweise vier Reihen Kartoffeln, zwei Reihen Möhren -, und die Gärten werden quer eingeteilt. So haben alle Gärtner die gleichen Sorten auf "ihrem Terrain". Zwei Quadratmeter bepflanzen sie mit selbst ausgesuchten Pflanzen. Und wenn für ein Gemüse in den Reihen die Zeit vorbei ist, können sie in einer nahen Gärtnerei andere Sorten kaufen. Von Mai bis November kann angepflanzt werden: Blumenkohl, Radieschen, Zuckermais, Pastinaken, Fenchel, Erbsen, Kürbisse oder Kräuter - bis in den Herbst hinein dauert die Gartensaison.

Astrid Faulstich (42) und Tochter Ayana (7) aus Köpenick freuen sich vor allem auf zwei Gemüsesorten. "Ich esse am liebsten rohe Möhren. Und Gurke", erzählt Ayana. "Wir haben einen Schulgarten, aber da wurde bis jetzt leider noch nichts angepflanzt." Mit ihrer Mama möchte sie nun richtig viel Gemüse ernten. "In unserem eigenen kleinen Garten gedeiht leider nichts, weil er nordseitig ist und überhaupt keine Sonne bekommt", sagt Astrid Faulstich. Nur Feuerbohnen, die hätten sie schon wachsen lassen. "Das reichte schon einmal für eine ganze Mahlzeit."

Die kleinen Parzellen in Wartenberg haben keine Laube wie Schrebergärten normalerweise. Dafür steht aber mittendrin ein Bauwagen, wo mit Gießkannen Wasser geholt werden kann und Gummistiefel und Gartengeräte verstaut werden. Bei der Infoveranstaltung, auf der die Gärtner dieser Saison ihre zukünftigen Schollen kennenlernten, gab es deshalb eine kleine Diskussion. Einige äußerten Bedenken, der Wagen könnte nicht an der richtigen Stelle stehen. Die einen wollten keinen weiten Weg zu ihm haben, die anderen beschwerten sich darüber, dass dann viele an ihrem Garten vorbeigingen, wenn der Bauwagen in der Nähe stünde. Es fiel auf, dass vor allem die Älteren Unmut über den Standort des Bauwagens äußerten. Die meisten jungen Gärtner blieben ruhig. Schließlich einigte man sich: Der Bauwagen kommt in die Mitte des Ackers.

Sehnsucht nach Natur

Bunte Blüten, frisches Gemüse, Bienensummen, Grillenzirpen und der Geruch nach feuchter Erde - viele Menschen teilen die Gartenbegeisterung. Rund eine Million Kleingärten gibt es laut Bundesverband Deutscher Gartenfreunde in Deutschland, davon rund 70 000 allein in Berlin. Dabei verliert der Schrebergarten allmählich sein Image als Gartenzwerglandschaft mit gestutzten Hecken und getrimmtem Rasen. Immer mehr junge Leute interessieren sich für das Gärtnern und nutzen es auch zur Obst- und Gemüseproduktion. Vielen von ihnen ist es ein Bedürfnis geworden, sich durch diese eigenen Erzeugnisse gesund zu ernähren. Ein Trend, den auch die Geschäftsführerin von Meine Ernte, Natalie Kirchbaumer (29), beobachtet. Die Menschen, die sich bei ihnen angemeldet hätten, seien jeden Alters. "Wir haben junge Paare, alte Leute, große Familien - es ist wirklich toll, wen wir alles mit unserer Idee erreichen." Besonders freut sie, dass sich auch viele kennenlernen, die gemeinsame Interessen haben. Wie ein kleines Netzwerk wird die Gartenlandschaft funktionieren. "Sie haben gemeinsame Interessen, sind gerne an der frischen Luft und in der Natur", sagt Natalie Kirchbaumer. "Viele tauschen sich mit ihren Gartennachbarn aus, einige wechseln sich mit dem Gießen ab, sodass sie vielleicht nur einmal in der Woche bewässern müssen."

"Als Kind hatte ich auch einen Garten", sagt Rick Minnich. "Ich habe viele gute Erinnerungen daran." Er wünscht sich, dass seine Kinder auch in den Genuss vom eigenen Gemüse kommen. Was sie auf die zwei Quadratmeter pflanzen wollen, die ihrer Kreativität überlassen sind, weiß er noch nicht so genau. Blumen wären auch eine Möglichkeit. Die ganze Familie will bei ihrem "Gemüseprojekt" mitmachen. Elisabeth hat vier große Brüder. "Ich hoffe, alles klappt so, wie wir es uns vorstellen. Wir werden, je nach Witterung, ungefähr zweimal in der Woche zum Bewässern herkommen." Und wenn es geht, immer ein bisschen was mit nach Hause nehmen. So richtig vorstellen kann Elisabeth sich das jetzt allerdings noch nicht. Etwas ratlos schaut sie sich auf dem hellbraunen Acker um. Aber schon bald sollen hier die ersten grünen Spitzen zu sehen sein. Dann kommen die ersten Blüten. Und dann dauert es gar nicht mehr lange, bis Elisabeth zum ersten Mal ihr Körbchen mit frischem Gemüse vom eigenen Feld füllt.