Ratgeber

Warum fürchtet unser Sohn sich so vor einem strengen Lehrer?

Unser Sohn Friedrich (9) klagt seit einigen Wochen immer wieder über Bauchschmerzen und will deshalb nicht in die Schule gehen. Am Wochenende hat er keine Beschwerden. Wirkliche Gründe hat er nicht genannt, allerdings hat er uns jetzt von seiner Angst erzählt, den Lehrer im Unterricht zu fragen, ob er zur Toilette gehen dürfe. Er habe dann auch die Sorge, einzunässen. Uns erscheint dies eigentlich nur als neue Variante seiner Ängstlichkeit und Hemmungen, die er schon immer hat. Die Angst, den Lehrer zu fragen, erscheint uns übertrieben. Uwe P., per Email

Das könnte man auf den ersten Blick denken. Dabei wird aber oft vergessen, dass jeder Mensch und jedes Kind auf bestimmte Personen oder Ereignisse unterschiedlich reagiert. So kann beispielsweise ein Lehrer sehr streng sein, aber viele Schüler kommen damit dennoch gut zurecht. Es hängt davon ab, wie sensibel oder empfindlich ein Kind ist. Sie haben ja beschrieben, dass Friedrich schon immer ängstlich war. Nun unterscheiden wir bei Ereignissen, die eine seelische Reaktion hervorrufen, in solche, die das bei beinahe jedem machen würden. Dazu zählen etwa schwere Unfälle oder der Verlust einer Bezugsperson. Wenn ein Kind oder Erwachsener darauf mit Ängsten oder Depression reagiert, nennen wir das eine "Belastungsstörung" nach einem objektiv großen Trauma. Andererseits gibt es Ereignisse wie beispielsweise Trennung der Eltern oder eine schlechte Klassenarbeit, die normalerweise von Kindern gut bewältigt werden. Wenn daraufhin übermäßig ängstliches Verhalten erfolgt (wie bei Friedrich als Reaktion auf den strengen Lehrer) sprechen wir von einer Anpassungsstörung. Die Ursache liegt also in der Empfindlichkeit der Seele begründet, nicht im Ausmaß des Ereignisses. Obwohl die Symptome bei beiden Störungen sehr ähnlich sind, gehört zur Behandlung der Anpassungsstörung auch die allgemeine Stärkung der seelischen Abwehrfähigkeiten wie zum Beispiel ein Training zum Abbau von Ängsten oder auch eine Kinderpsychotherapie zur Verbesserung des Selbstbewusstseins. Bei der Klärung, welche Unterstützung geeignet ist, kann eine Familienberatungsstelle hilfreich sein.

Dr. Andreas Wiefel, ehemals Oberarzt an der Kinder- und Jugendpsychiatrie-Klinik der Charité, ist Kinder- und Jugendpsychiater mit eigener Praxis in Kreuzberg

Morgen berät Sie Dr. Heidemarie Arnhold zu Erziehungsfragen. Wenn Sie auch eine Frage haben, schreiben Sie an: familie@morgenpost.de