Kommunikation

Die neue Lust am Spiel

Irritiert bleibt eine Gruppe italienischer Touristen vor dem Laden auf der Kopernikusstraße in Friedrichshain stehen: Drinnen sitzen rund zwanzig gut gelaunte Menschen jeglichen Alters an Tischen, auf denen Spielbretter, Karten, bunte Figuren oder Würfel herumliegen.

Die Szenerie wirkt einladend, die Stimmung so prächtig, dass die jungen Berlin-Besucher kurz überlegen, hineinzugehen. Als sie dann doch weiterziehen, haben sie die Gelegenheit verpasst, einen neuen Trend zu erleben: Immer mehr Berliner treffen sich außerhalb ihrer vier Wände, um gemeinsam zu spielen.

Familien, Studenten, Senioren - sie alle versammeln sich um Spieltische und geben dort alles. Sie lachen, kämpfen, kreischen, kauen konzentriert auf der Unterlippe. Aber vor allem haben sie Spaß. Michael Schmitt hatte es geahnt. Im Oktober 2006 verwirklichte der 41-Jährige nach Soziologiestudium, einigen Jahren Berufsleben und Elternzeit seinen Traum: Ausschließlich mit Eigenkapital - keine Bank wollte ihm einen Kredit geben - eröffnete er das Café Spielwiese, in dem man Brettspiele kaufen, leihen und gegen eine geringe Gebühr auch spielen kann. Dazu bietet Schmitt Getränke, Sandwiches und heiße Waffeln an. Anfangs stand er sieben Tage pro Woche im Laden, nach einem Jahr ging das Konzept auf. Heute, viereinhalb Jahre später, sind die Sitzplätze des Ladens meist voll besetzt, für die Wochenenden ist Schmitt Tage im Voraus ausgebucht. Großeltern mit ihren Enkeln kommen genauso wie die Party-Clique zum Einstimmen auf die Nacht, Gelegenheits-Zocker ebenso wie Vielspieler und Familien.

Familientreffen am Spielbrett

So wie die Wolfrums, die gerade im Stress sind: Bevor die Sanduhr durchgelaufen ist, müssen Großmutter Monika, Mutter Katrin, Tochter Julia und deren Freundin Katharina jeweils eine Handvoll Puzzleteile richtig anordnen. Das bekommt die Jugend besser hin, Julia und Katharina triumphieren. Die beiden Studentinnen waren es auch, die die Idee zum Familientreffen der besonderen Art hatten. "Ich war hier ein paar Mal mit Freunden", erzählt Julia. "Die Stimmung ist einfach nett, das Essen lecker und die Auswahl an Spielen riesig." Rund 1400 Spiele stapeln sich in den Regalen an den Wänden, jedes Jahr kommen 100 bis 150 neue dazu. Laut Internetseite ist die Spielwiese das zweitgrößte Spielecafé der Welt.

Mit ganz so vielen Optionen kann die Buchhandlung Morgenwelt in der Steglitzer Markelstraße nicht aufwarten, doch für Fantasy-Fans ist das Geschäft trotzdem ein Paradies. Denn neben diversen Motto-Spielenachmittagen und Abenden bieten die Besitzer mindestens einmal im Monat einen Open-Box-Day an. Dann kann jeder im Keller des Ladens Neuheiten kennenlernen oder Altbewährtes spielen. Drei bis 15 Leute kommen zu diesen Treffen, heute lassen sich Verpackungstechniker Peter Scheuermann und Berufsschullehrer Sven Taylor, die beide Anfang 30 sind, von Geschäftsinhaber Oliver Wolf das Spiel "Bushido" erklären. "Ich denke, dass es den meisten unserer Gäste vor allem um die Kommunikation geht", versucht Mitinhaberin Britta Wolf den Zulauf zu erklären. Gerade bei Jugendlichen stelle sie eine Sehnsucht fest, vom einsamen Zocken am Computer wegzukommen. Kürzlich habe sie mit ihren 15 und 17 Jahre alten Söhnen und einem ihrer Freunde einen Abend mit "Descent" verbracht, in dem sich verschiedene Helden auf Schatzsuche begeben und dabei abwechselnd gegen und miteinander kämpfen müssen: "Und nach einer Stunde meinte dieser Freund begeistert, er verstehe nun, warum meine Söhne nicht Computerspielen würden - das mache ja viel mehr Spaß." Ältere würden außerdem entdecken, dass es auch noch etwas anderes gebe als Monopoly. Doch wenn jemand reinkomme und Mensch-ärgere-Dich-nicht spielen wolle, sei das auch vollkommen in Ordnung.

"Tabletop" zieht junge Männer an

Das Funtainment in der Revaler Straße in Friedrichshain ist mit 250 Quadratmetern bespielbarer Fläche der größte Laden seiner Art in Berlin. Der Platz ist auch nötig, denn hier reichen den Gästen keine Spielbretter, es müssen schon ganze Tische sein. Auf diesen stehen Modelle von Hausruinen, kleine Gebirgsketten, Bäume und Büsche - wie bei einer Modelleisenbahn. "Tabletop" heißen die Strategiespielsysteme, für die an jedem Wochenende im Funtainment Dutzende junger Männer fantastische Landschaften aufbauen. Zwischen den Kulissen sind kleine Figuren postiert, die sich gegenseitig bekämpfen - je nach Stärke und Fähigkeiten, die auf einer dazugehörigen Karte definiert sind. Einige Figuren können weiter schießen, andere schneller laufen. Björn Schirdewahn, Jan Albrecht, Nico Klitscher und Christian Gausepohl sind auf Schatzsuche. Gausepohl, der als Datenbankadministrator bei einem Internet-Kaufhaus arbeitet, ist mit seinen 36 Jahren der Senior in der Runde, seine Mitspieler sind alle in den Zwanzigern. Jetzt zückt er ein Maßband. "Treffer am Rumpf", verkündet er trocken, doch sein Gegenspieler kann die Attacke mittels Verteidigungskarten abwehren.

"Wir haben uns über die Mitspielerbörse auf der Internetseite des Ladens kennengelernt", erzählt Nico Klitscher, der Geo-Wissenschaften studiert. So entstehen nicht nur Spielgemeinschaften, sondern auch Freundschaften. "Das ist doch das Schöne", sagt Jens Schilling, 34, der das Geschäft vor drei Jahren gründete. "Bei uns sitzt der Anwalt mit dem Hartz-IV-Empfänger zusammen, hier spielen Ur-Berliner mit Touristen oder Menschen mit Migrationshintergrund." Und früh übt sich, wer ein Tabletop-Profi werden will: Die Jüngsten Spieler sind gerade mal zehn Jahre alt.

Zurück in der Spielwiese, wo es bei Familie Wolfrum mittlerweile hoch her geht: Bei "Tabu", dem alten Klassiker, müssen Begriffe umschrieben und von den Teammitgliedern erraten werden. Da wird es zwangsläufig lauter. Davon lässt sich Jeff D. Allers am Nebentisch nicht aus dem Konzept bringen. Der 41-jährige Spiele-Erfinder testet mit Kollegen sein neues Handel- und Strategiespiel "Neu Amsterdam", das ein Verlag im Oktober veröffentlichen will. Da hat er Glück. Denn von rund 400 Ideen für neue Gesellschaftsspiele, die ein deutscher Verlag im Jahr angeboten bekommt, veröffentlicht er selten mehr als zwei oder drei. Und da von jeder verkauften Schachtel dann gerade einmal 50 Cent an den Erfinder gehen, gibt es in Deutschland nur drei oder vier Spieleautoren, die davon leben können.