Erziehung

Plötzlich ein neuer Mensch: Leben in der WG

| Lesedauer: 2 Minuten
Chantal

"Wenn du dein Zimmer nicht gleich aufräumst, kriegst du mein Auto nicht!" So ähnlich war der tägliche Dialog mit meiner Mutter. Zu meiner Scham muss ich gestehen, dass ich, als ich noch bei meinen Eltern gewohnt habe, super unordentlich war.

Anstatt meine gewaschene und gebügelte Wäsche in den Schrank zu räumen, stapelte ich sie haufenweise auf der Couch, mein Schreibtisch war unter Kosmetika vergraben, sodass ich daran nicht arbeiten konnte. Und wer macht eigentlich sein Bett? Leute, die ihre Zeit verschwenden wollen! Man legt sich doch abends sowieso wieder rein.

Im September 2009 habe ich angefangen, Medienwirtschaft zu studieren. Da meine Eltern fast außerhalb Berlins wohnen und meine Fachhochschule am Hausvogteiplatz ist, habe ich mich Anfang letzten Jahres entschieden, auszuziehen. Und wie über Nacht bin ich, wenn es um Ordnung geht, ein anderer Mensch geworden. Ich bin nach Tiergarten mit zwei Mädels in eine WG gezogen. Es gibt einen Putzplan, den jeder freiwillig befolgt und der zum Wochenende erfüllt werden muss. Es gibt drei Kategorien: Küchenzeile, Müll-Rausbringen und unter der Woche Staubsaugen; Wischen und Saugen am Wochenende und Bäder. Die Aufgaben rotieren wöchentlich und sind im Küchenkalender eingetragen. Wenn ich meiner wöchentlichen Putzaufgabe nachgehe, räume ich auch gleich mein Zimmer auf. Saugen, Wischen, Oberflächen-Abstauben, Spiegel-Putzen usw. Und auch sonst fällt mir Dreck und Unordnung viel mehr auf als früher. So springen mir Make-up-Spuren an der Badezimmertür sofort ins Auge. Falls ich morgens keine Zeit habe, mein Bett zu machen, warne ich meine Mitbewohnerinnen davor, wie unordentlich mein Zimmer sei und habe fast ein schlechtes Gewissen.

Merkwürdig, oder? Jedoch beobachte ich dieses Phänomen bei vielen Freundinnen, die zu Hause ausgezogen sind. Es ist wirklich komisch, weil man ja dadurch, dass man allein lebt, nicht über mehr Zeit zum Aufräumen verfügt. Ich gehe jeden Tag zur Uni und arbeite nebenbei. Dann fallen abends noch Sachen wie Freunde treffen, Wäsche-Waschen und Einkaufen an. Die eigene Wohnung scheint eine Art Neuanfang zu sein und man will sich selbst und seinen Eltern beweisen, dass man auch ordentlich sein kann. Zu Hause hat man doch immer das Gefühl, man würde es nur für die Eltern tun.