Gesundheit

Gefährliches Spielzeug

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Julia Heilmann

Geschenke zurückzugeben ist nicht die feine Art. Ich weiß das. Und dennoch habe ich kürzlich ein Spielzeug abgelehnt. Freunde hatten es meinem Sohn als Gastgeschenk mitgebracht, eine Art Plastikmatte im Unterwasserdesign mit beweglichen Fischen. Als wir das Ding auspackten, stank das ganze Zimmer. Uns wurde richtig schlecht. Die Matte musste weg.

Der Besuch war kurz etwas pikiert, aber mir war unser aller Wohlbefinden, ehrlich gesagt, wichtiger. Experten bestätigen, dass man von extrem riechendem Spielzeug lieber die Hände lassen sollte. Denn übler Geruch kann ein Indikator dafür sein, dass etwas mit den Inhaltsstoffen nicht in Ordnung ist. Und das ist leider sehr häufig der Fall.

Es gibt ja immer mal wieder Namen, die erst niemand kennt und dann plötzlich praktisch alle: Für Eltern ist "Bisphenol A" solch ein Begriff. Die Industriechemikalie wird zur Herstellung von Kunststoffen verwendet. Inzwischen gilt der Stoff unter anderem als erbgutschädigend, ist aber immer noch in vielen Babyfläschchen und Trinkbechern enthalten. Immerhin - nur noch bis Ende Mai dürfen diese in den Handel. Das Verbraucherministerium hat ein relativ sanftes Verbot erlassen, dass den Firmen erlaubt, alle produzierten Flaschen noch zu verkaufen - ab Juni sollen sie dann wirklich raus aus den Regalen. Diesen potenziell gefährlichen Stoff sind Babys und Kleinkinder dann also los - aber das "BPA" war nur eine von vielen Chemikalien, mit denen unsere Kleinen oft in Berührung geraten und die teils umstritten, teils tatsächlich schädlich sind.

Gerade präsentierte der Bund für Umwelt und Naturschutz eine Studie, die zeigt, dass in Deutschland Kitas dreimal so stark mit Weichmachern belastet sind wie Haushalte. Weichmacher werden Kunststoffen beigefügt, um sie elastisch zu machen. Oft lösen sie das Plastik aber langsam auf und werden dabei frei. Kein Briefmarkensammler würde seine Preziosen in herkömmlichen Folien aufheben, er nimmt dafür weichmacherfreie. Kinder aber kommen über Spielzeug, Regenkleidung oder Schlafmatten damit in Kontakt. Diese Schadstoffe, darunter DEHP, ein gefährlicher Weichmacher, der seit 2005 in der EU nicht mehr bei der Herstellung von Spielzeug verwendet werden darf, gelangen zudem in die Luft und setzen sich im Staub ab. DEHP wird jetzt verboten, allerdings erst nach einer Übergangsfrist von vier Jahren, also 2015.

Die Europäische Kommission sammelt aus allen Mitgliedstaaten Meldungen über gefährliche Konsumgüter - damit Verbraucherschützer rasch gewarnt sind, hat Brüssel das "Frühwarnsystem Rapex" eingerichtet und gibt jede Woche eine Liste mit gefährlichen Konsumgütern heraus. Darauf stehen dann Elektrogeräte, die in Flammen aufgehen können, Klappstühle, die zusammenbrechen oder Motorräder, die sich während der Fahrt plötzlich abschalten. Aber: Auf der Liste steht auch erschreckend viel Spielzeug. Von 232 gemeldeten Produkten im Jahr 2009 immerhin 53, also fast jedes vierte. Vergangene Woche warnte die EU vor 20 Gegenständen - die Hälfte davon Spielzeug. Der Grund bei vieren davon: Erstickungsgefahr. Demnach besteht zum Beispiel ein Spider-Man-Schwimmring zu unglaublichen 32 Prozent aus DINP, einem Phtalat, das in Babyspielzeug strikt verboten ist.

Weichmacher in Schnullern

Die Meldungen bei Ökotest oder dem Berliner Bundesinstitut für Riskiobewertung sind alarmierend: Da findet sich PVC (der weit verbreitete chlorierte Kunststoff, dem oft Weichmacher beigegeben werden) in Kinderregenhosen, Schwermetalle stecken im Kinderschmuck, Duftstoffe in Plüschtieren, Weichmacher in Schnullern und Tellerchen. Die gesundheitlichen Folgen, die sich durch den Kontakt mit solchen Stoffen ergeben, reichen von lebenslangen Allergien bis zu erhöhtem Krebsrisiko, von Unfruchtbarkeit bis hin zu Hirnschäden. Dabei muss man bedenken: Kinder sind wesentlich empfindlicher gegenüber chemischen Stoffen als Erwachsene. Und sie sind ihnen besonders stark ausgesetzt, weil sie mitunter stundenlang damit spielen. Kinder unter sechs Jahren verbringen mindestes ein Drittel ihrer Lebenszeit mit Spielen. Sie nehmen Plüschtiere mit ins Bett, drücken sie im Schlaf an Mund und Nase. Das ist schön - aber auch gefährlich, wenn im Kuscheltier synthetisch hergestellte Duftstoffe sind, die nirgends deklariert werden.

Die gesetzlichen Richtlinien für Kinderspielzeug sind in Deutschland trotzdem relativ lasch. Und sie werden sogar oft noch unterlaufen. "Selbst die in Europa geltenden rechtlichen Mindestvorgaben werden nicht konsequent eingehalten", verkündete kürzlich der TÜV Rheinland. Es gibt Grenzwerte für Polyzyklische Aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), die bei der Herstellung von Weichmachern entstehen und krebserregend, erbgutverändernd und fortpflanzungsgefährdend sind. Allerdings gelten die bisher nur für Autoreifen. In Spielzeug befinden sie sich in bis zu tausendfach höherer Konzentration. Grenzwerte sind auch für Nickel vorgeschrieben, das Allergien auslösen kann. Jedoch nur für Schmuck, nicht für Spielzeug. Fachleute fordern, den großzügigen Umgang mit Duft- und Konservierungsstoffen in Kinderprodukten wie Knetmasse den bestehenden Richtlinien von Kosmetika anzugleichen.

Billigspielzeug aus Asien

Wie kommt es, dass es für Autoreifen, Ohrstecker und Anti-Aging-Cremes strenge Auflagen gibt, aber ausgerechnet für Kinderspielzeug nicht? Da ist einerseits der Preisfaktor. Etwa drei von vier Spielsachen kommen als Billigware aus Asien. Die sind nicht per se schlecht, allerdings fallen sie besonders häufig negativ auf. In der erwähnten Liste der EU stammten letzte Woche alle zehn Spielzeuge, vor denen gewarnt wurde, aus China.

Bärbel Vieth, Chemikerin am Bundesinstitut für Riskikobewertung (BfR), verweist auf die EU-Spielzeugrichtlinie, die regelt, wie viel wovon wo drin sein darf. Seit der letzten Anpassung 2009 sind einige Stoffe hinzugekommen. So gibt es nun Grenzwerte für 18 statt vorher acht Schwermetalle. Außerdem wurden Duft- und bestimmte aromatische Kohlenwasserstoffe aufgenommen. Das scheint ein Fortschritt. Sieht man jedoch einmal näher hin, ist es manchmal verwirrend: Der Bleigehalt darf jetzt höher sein als zuvor. Das BfR protestiert und fordert, zumindest zu den alten Grenzwerten zurückzukehren (siehe Interview).

Während es in Ländern wie Japan und den USA eine unabhängige Prüfstelle für Spielzeug gibt, hat die EU das untersagt, obwohl Deutschland es sich anders gewünscht hätte. Das heißt, solch eine Begutachtung bleibt in Deutschland freiwillig und kostenpflichtig. Nur einige wenige Firmen können und wollen sich das leisten und werben mit einem entsprechenden Gütesiegel. Die Firma Steiff im schwäbischen Giengen etwa, oder Geobra Bandstätter, die Playmobil herstellen. Ansonsten gilt: Die Verantwortung liegt beim Hersteller. Er drückt seinen Produkten eine CE-Kennzeichnung auf. Aber, die Kennzeichnung mit den beiden stilisierten Buchstaben, die wohl jeder schon einmal gesehen hat, bedeutet so gut wie nichts. Sie leitet sich her vom alten Begriff "Communauté Européenne", europäische Gemeinschaft, und sagt nur: Dieses Produkt entspricht den EU-Richtlinien. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Meinen Freunden, denen ich leicht verschämt erklärt habe, warum ich ihr Geschenk ablehnen muss, haben keine Kinder. Das hat mich daran erinnert, dass ich mir über solche Themen früher auch keine Gedanken gemacht habe. Man wird sensibler als Mutter.

Die Autorin schrieb den Bestseller "Kinderkacke" und arbeitet an ihrem zweiten Buch über Produkte für Kinder