Krebskranke Kinder in der Charité

"Hier haben wir doch alle Glatze"

Klar habe sie zuerst geheult, sagt Julia (13). Sie hält aber nicht so viel vom Jammern. Jetzt sitzt sie mit den anderen kranken Kindern am Tisch und schneidet Paprika klein. Essen wird sie von dem Salat nichts.

Trotzdem, kurz nach ihrer Operation, bei der ein bösartiger Tumor aus ihrem Gehirn entfernt wurde, hat sie noch nicht einmal den Geruch von Nahrungsmitteln ertragen können. Dass sie jetzt Gemüse anfasst, ist wieder ein Fortschritt. Der Tropf, den sie hinter sich herzieht und über den sie ernährt wird, piept gerade - "weiß ich jetzt auch nicht, was das bedeutet", sagt sie schulterzuckend.

Die Kinderonkologie der Charité ist ein fröhlicher Ort. An der Eingangstür hängt ein buntes Plakat für die nächste Party, und wenn es einem nicht gerade ganz schlecht geht, dann spielt man eben. Daiki (2) hat heute auch einen guten Tag. Klinikdirektor Professor Günter Henze (65) streicht über ihren kahlen Kopf, Daiki lacht. Als sie vor acht Monaten die Diagnose bekam, konnte Daikis Mutter das Wort "Blutkrebs" hören: Aber erst als Toshie Kitagawa (37) abends im Japanisch-Wörterbuch nachschlug, "habe ich es wirklich verstanden, und dann war es schlimm".

Die älteren Kinder leiden oft sehr, wenn ihnen durch die Chemotherapie die Haare ausfallen. Dann geht der Professor zu ihnen und zeigt auf seinen eigenen Kopf: "Ich habe es da leicht. Ich muss nur auf meinen eigenen kahlen Kopf zeigen und sagen: Hier haben wir doch alle Glatze! Aber eure Haare kommen wieder - was soll ich denn sagen!"

Seit mehr als 30 Jahren arbeitet er in der Kinderonkologie. Als er anfing, durfte man Kindern nicht die Wahrheit sagen, war es üblich, dass die Eltern die Krankheit verschwiegen. Unsinnig, denn die Kinder merkten es doch, dass man ihnen etwas verschweigt. Seitdem sind jedes Jahr rund 100 neue Patienten aufgenommen worden. Die häufigste Form der Krebserkrankungen bei Kindern ist die lymphatische Leukämie, mehr als 80 Prozent der Patienten sind nach der ersten Behandlung geheilt. Leider immer noch nicht alle, sagt der Professor, denn 15 bis 20 Kinder von 100 erleiden einen Rückfall. Von ihnen kann nur etwa die Hälfte gerettet werden. Man müsse lernen, mit der Tatsache zu leben, dass man nicht alle heilen kann, sagt er, sonst könne man nicht auf einer solchen Station arbeiten.

Vierjährige ohne Angst vorm Sterben

Er hat Familien erlebt, die in ihrem Zorn und in ihrer Trauer über den Tod Ärzten und Krankenschwestern Vorwürfe machten. Und Vierjährige, die keine Furcht vorm Sterben hatten: "Der Gedanke an den Tod ist für kleine Kinder oft nicht mit Angst besetzt. Sie denken zum Beispiel, sie werden dann ein Engel, und sie sind vielleicht sogar neugierig darauf. Nur um eines haben die Kleinen oft Sorge - um ihre Eltern. Sie haben das Gefühl, Vater und Mutter nicht allein lassen zu dürfen."

Zwei oder fünf oder manchmal zehn Jahre werden die kranken Kinder auf der Station betreut. Es ist eine Familie. Man ist füreinander verantwortlich, sogar in den seltenen Fällen, in denen eine Heilung nicht mehr möglich ist. Julia erzählt von ihrer Krankheit ganz unsentimental: Sie hatte Kopfschmerzen, ihr war schlecht und immer schwindelig. Nach vielen Arztbesuchen kam heraus, dass sie einen Hirntumor hatte - "der war faustgroß! Noch 14 Tage, und ich wäre tot gewesen." Inzwischen ist das eine Gruselgeschichte, die sie erzählt, als hätte sie gar nichts damit zu tun. Aber irgendwann, kurz vor der Operation, hatte sie fast aufgegeben: "Da habe ich mir auch keine Gedanken mehr gemacht. Es war egal, ich wollte nur noch, dass alles vorbei war."

Vor ihrer Krankheit trug sie das Haar schulterlang, inzwischen ist es wieder ein bisschen flaumig nachgewachsen. Anfangs trug sie ein Kopftuch. Sie ist auf 42 Kilo abgemagert bei einer Größe von 1,67: "Nach der Operation, da wollte ich eigentlich vom Arzt gar nichts wissen. Mein Vater hat gefragt, ob alles gut gelaufen ist. Ich wollte nur wissen, ob ich aufstehen kann." Ihr wurde aber nur übel und schwindelig. Und jetzt sagt sie, sehr sarkastisch: "Mach ich wirklich nie wieder, so etwas, aufstehen nach einer Tumor-Operation." Sie hält eben von Jammern nichts.