Diagnose Krebs

Kinder ertragen die Wahrheit besser als ihre Eltern

Professor Dietrich Niethammer war bis 2005 Leiter der Kinderonkologie in Tübingen. Über seine Erfahrungen hat er ein kluges, rührendes - und schwer zu ertragendes Buch geschrieben: "Wenn ein Kind schwer krank ist. Über den Umgang mit der Wahrheit" (Suhrkamp, 8,90 Euro). In Interview mit Barbara Kollmann plädiert er dafür, Kinder niemals zu belügen.

Berliner Morgenpost: Was war Ihr schwerstes Gespräch?

Dietrich Niethammer: Kaum zu sagen. Vielleicht das, als ich Eltern und Kind schon vor der Behandlung kannte. Das Mädchen war acht, sie hatte einen Lebertumor.

Berliner Morgenpost: Hat sie überlebt?

Dietrich Niethammer: Nein.

Berliner Morgenpost: Hatten Sie je das Gefühl, die Diagnose mitzuteilen sei ein Fehler?

Dietrich Niethammer: Nein, nie. Ich habe oft nach der Behandlung nachgefragt: War das richtig, dass ich dir das gesagt habe? Und sie sagten: Ja. Da wusste ich, wogegen ich kämpfen muss. Eine Leserin schrieb mir, 42 ist sie heute, dass es gut war, dass wir so offen waren.

Berliner Morgenpost: Warum verschweigen dann viele Erwachsene den Kindern, wie krank sie sind?

Dietrich Niethammer: Zuerst einmal macht das keinen Spaß, einem Kind oder einem Jugendlichen so etwas zu sagen. Da spielt wahrscheinlich auch Selbstschutz eine Rolle. Und zweitens hatte schon Siegmund Freud am Anfang des 20. Jahrhunderts postuliert, Kinder hätten keinen Bezug zum Tod und setzten sich mit ihm nicht auseinander. Bis zu den 60er-Jahren hat man dann Studien gemacht, bei denen auch nicht viel mehr herauskam. Man hat aber nur gesunde Kinder untersucht. Die hatten natürlich andere Interessen. Den Durchbruch brachten erst die Kinderonkologen, also die Kinderärzte, die sich mit der Behandlung von krebskranken Kindern befassen.

Berliner Morgenpost: Wann haben Sie entschieden, den Kindern immer die Wahrheit zu sagen?

Dietrich Niethammer: Mitte der 70er-Jahre. Damals gab es noch große Anfeindungen von Leuten, die den Kindern nicht zutrauten, mit der Wahrheit umzugehen. Ich sollte mal die Behandlung eines kleinen Mädchens, vielleicht zehn Jahre alt, beginnen. Die Eltern hatten dem Kind die Diagnose nicht verraten, ich bestand aber darauf. Und es stellte sich heraus: Seit dem ersten Tag, seit eineinhalb Jahren, wusste die Kleine Bescheid. Sie hat es ihren Eltern nicht gesagt. Die Kinder versuchen, ihre Eltern zu schützen.

Berliner Morgenpost: Vor allem, wenn sie merken, dass die Eltern nicht mit der Krankheit umgehen können?

Dietrich Niethammer: Ich fand es immer faszinierend, wenn die kleineren Kinder zum ersten Mal auf die Station kamen. Einige hingen am Rockzipfel, entfernten sich keine fünf Zentimeter von den Eltern. Andere liefen sofort auf der Station herum, wollten erkunden, was es so gibt. Denen hatten die Eltern eine unheimliche Sicherheit mitgegeben.

Berliner Morgenpost: Wirkt sich das auf die Heilung aus?

Dietrich Niethammer: Ich denke nein. Kinder wollen leben, deswegen kämpfen sie um ihr Leben. In der ganzen Zeit hatte ich nur drei Kinder, alle zwischen zehn und zwölf, die sagten: Ich werde nicht mehr gesund. Und - die hatten auch recht.

Berliner Morgenpost: Wäre es nicht besser, wenn die Eltern sich mit dem Kind unterhielten?

Dietrich Niethammer: Das ist extrem wichtig, und wir Ärzte sollten die Gespräche zwischen Eltern und Kind fördern. Nur wenn die Eltern zu Beginn der Erkrankung ihren Kindern die Diagnose alleine vermitteln wollten, hatte ich ein ungutes Gefühl und habe ihnen angeboten, beim Gespräch dabei zu sein. Das Kind muss wissen, dass ich ihm nichts Anderes sage als den Eltern.

Berliner Morgenpost: Wieso hilft es einem jungen Menschen zu wissen, dass er wohl sterben wird?

Dietrich Niethammer: Viele möchten noch etwas Bestimmtes erleben. Eine 15-Jährige, die wusste, dass sie sterben musste, wollte unbedingt noch einmal an den Strand in Tunesien, wo die Familie ihre Urlaube verbrachte. Bald darauf ist sie gestorben.

Berliner Morgenpost: Hilft es, kleineren Kindern zu erzählen: Du wirst ein Stern?

Dietrich Niethammer: Wenn das Kind möchte, ja, dann kann man mit ihm fantasieren. Sonst halte ich das eher für einen Selbstschutz der Erwachsenen. Viele Kinder verstehen auch so. Ein Mädchen, gerade neun, sagte zu mir: "Du, Professor, wenn ich da oben bin, sage ich dem aber, ich finde es gemein, dass der uns sterben lässt." - Ja, habe ich gesagt, tu das. Ich finde es auch gemein.

Berliner Morgenpost: Haben Sie sich nie gewünscht, Orthopäde zu sein oder Zahnarzt?

Dietrich Niethammer: Nein, niemals. Wir haben den schönsten Beruf der Welt. Wir können vielen Kindern helfen zu überleben und ihnen in ihrer Not beistehen. Und die Kinder geben so viel. Viele denken vor ihrem Tod an andere, sie suchen passende Geschenke, weil sie wollen, dass man sich an sie erinnert. Und sie sind sehr stark.

Berliner Morgenpost: Und Sie haben sie nicht vergessen?

Dietrich Niethammer: Nein. Einem älteren Mädchen hatte ich versprochen, sie noch einmal zu Hause zu besuchen. Wie das so ist, es war immer zu tun, ich dachte nicht mehr daran. Bis meine Frau, der ich immer viel erzählt habe, mich daran erinnerte. Ich fuhr hin, zu einem kleinen Dorf auf der Schwäbischen Alb, es war ein unglaublich schöner Herbsttag. Sie sind fast zu spät, sagte die Mutter. Sie schläft nur noch. Sie wachte auf, hat mich begrüßt, und hat sich gefreut. Ich saß eine Zeit lang bei ihr. Eine Stunde später ist sie gestorben. Ich werde diesen Tag niemals vergessen.