Literatur

Wann verplempert Ihre Familie mal wieder Zeit?

Es gibt Daten, die Menschen dazu bringen, fast zwanghaft vermeintlich Unaufschiebbares zu erledigen. Silvester ist so ein Datum, das zu angestrengter Geschäftigkeit animiert: Rechnungen müssen beglichen, Segenswünsche, wenn Weihnachten nun schon vorbei ist, doch wenigstens zum Jahreswechsel abgesetzt werden. Auch vor der Geburt eines Kindes lässt sich bei werdenden Eltern oft eine erhöhte Aktivität feststellen: Drittklassige Filme müssen geschaut und Freunde getroffen werden, zu denen man die Beziehung eigentlich längst eingestellt hatte.

Und ist das Kind erst einmal auf der Welt, kommt schneller, als Eltern manchmal realisieren, der Tag, an dem sie auch schon wieder ausziehen. Und das ist auch so ein Datum, das Eltern ruhelos werden lässt - und das die beiden Autoren Hans Rath und Edgar Rai dazu angeregt hat, die "88 Dinge, die Sie mit Ihrem Kind gemacht haben sollten, bevor es auszieht" in einem Buch aufzulisten.

Gut ist es, dieses Buch in die Hand zu nehmen, lange bevor das Kind das Elternhaus tatsächlich verlässt, denn für Anregungen, wie "Ein Legoboot aus zweitausend Einzelteilen unter dem Weihnachtsbaum zusammenbauen" oder "Die größte Sandburg bauen" ist irgendwann die Zeit abgelaufen. Und Ideen wie "Die Nacht zum Tag machen", oder "Zivilen Ungehorsam üben" wirken auf Jugendliche wohl einfach nur peinlich. Nicht dass sie etwas dagegen hätten, die Nacht zum Tag zu machen, aber doch bitte nicht mit Mama oder Papa. Dennoch bleiben immer noch eine Menge Dinge übrig, die mit Babys und Volljährigen gleichermaßen umsetzbar sind - und es sind gerade die Dinge, die Eltern dazu anhalten, den Alltagstrott zu durchbrechen. "Zeit verplempern", zum Beispiel. Vielleicht ist das sogar das wichtigste Kapitel des Buches überhaupt. Denn neben einer launigen, leichten Lektüre vermittelt es vor allem eine Botschaft: Erziehung ist keine Technik, die es zu optimieren und perfektionieren gilt, sondern hat viel mit Zeit und Innehalten zu tun. Denn wer es schafft, Zeit mal nicht als Währung zu betrachten, sondern sie einfach mal verschwendet, der kommt wohl von selbst zu Dingen wie "Improvisieren", "Vergangenes lebendig werden lassen" oder auch "Freudvoll scheitern".

Daher eignet sich diese Dinge-Sammlung auch nicht dazu, durchgearbeitet und abgehakt zu werden. Es gibt hier Vorschläge, die dem einen Elternteil sicherlich mehr liegen werden als dem anderen, und manche Dinge will man vielleicht gar nicht umsetzen. Es ist sicher nicht jedermanns Sache, gemeinsam mit den lieben Kleinen "mit den Fingern zu essen", denn mal ehrlich, wer einem erzählt, er würde Kartoffelbrei als Fugenmasse in der Tischritze oder kunstvolle Ketchup-Muster auf dem Teppich toll finden, mit dem stimmt doch irgendetwas nicht. Wer das Mit-den-Fingern-Essen aber doch mal probiert hat, der kann dann ja mal versuchen, die Folgen wieder mit dem Kapitel "Tischmanieren beibringen" wieder auszubaden.

Hans Rath, Edgar Rai: "88 Dinge, die Sie mit Ihrem Kind gemacht haben, sollten, bevor es auszieht", Rowohlt, 9,99 Euro