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100 Jahre Zweisamkeit

Nur noch ein paar Tage, dann wird Anne vor ihrem Geburtstagskuchen sitzen und ihre Kerzen auspusten. 100 müssten es eigentlich sein, aber so viele passen nicht auf die Torte, die ihre Schwester Elisabeth (92) ihr backen will. Gemütlich im Wohnzimmer werden die beiden Schwestern zusammen sitzen.

Alles soll so sein wie immer. Denn Anne ist vor 100 Jahren in genau dieser Wohnung in der Nähe des Neuköllner Hermannplatzes geboren. Und hier lebt sie noch immer, gemeinsam mit Elisabeth.

Ein knappes Jahrhundert gelebte Geschwisterliebe. Von Spannung oder Rivalität ist zwischen den beiden Frauen nichts zu spüren. Anne nennt ihre "kleine" Schwester liebevoll Lisa, die wiederum spricht von "Ännchen". Sie schauen sich an, lachen, die Nähe ist groß. "Wir haben unser ganzes Leben miteinander verbracht", sagt Anne. Sie ist sieben Jahre alt, als ihre Schwester Elisabeth in der Drei-Zimmer-Altbauwohnung zur Welt kommt. 45 Reichsmark zahlen die Eltern der beiden Mädchen damals für die Wohnung. Der Vater Albert arbeitet als Barkeeper bei "Mampes gute Stube" am Kurfürstendamm, Mutter Caroline kümmert sich als Hausfrau um die Töchter. An ihre Kindheit erinnern sich die Schwestern gern. "Im Urlaub sind wir zur Sommerfrische an die Ostsee gefahren", sagt Elisabeth. "Wir waren in den zwanziger und dreißiger Jahren mit unseren Eltern mehrmals auf Rügen. Dort war es immer wunderschön, wir konnten in der Natur spielen und im Meer baden gehen."

Aber auch in Berlin fühlen sich die Schwestern wohl, verbringen eine weitgehend sorglose Zeit. "Wir sind gern zur Schule gegangen", sagt Anne, "auch wenn die Lehrer damals viel strenger waren als heute." 30 Mädchen waren sie in einer Klasse, Schreiben wurde noch mit Tafel und Griffel gelernt. Nach der Schule findet Anne eine Anstellung im Büro bei einem Innenarchitekten. "Ich habe nie geheiratet, also bin ich auch nicht bei meinen Eltern ausgezogen", sagt sie. Elisabeth, die eine Arbeit als Buchhalterin findet, verliebt sich in Horst, heiratet ihn 1942. Doch schon kurz darauf fällt er im Krieg. "Da war ich eine junge Witwe und blieb ebenfalls einfach in der elterlichen Wohnung", sagt Elisabeth. Gemeinsam fliehen die jungen Frauen unzählige Male im Krieg vor den Bomben in den Keller. "Eine furchtbare Zeit", sagen beide und ihre sonst so fröhlichen Stimmen klingen leise. 1945 trifft eine Bombe auch den großen Altbau, in dem die Familie wohnt. "Er wurde schwer beschädigt. "Mit Wasser aus der Badewanne löschten wir mit Nachbarn den Brand", sagt Anne. "Die Wohnung sah danach aus wie eine Tropfsteinhöhle, viele Möbel waren verbrannt und vieles durch das Löschwasser ruiniert." Doch immerhin: Das Haus stand.

Langsam bauen die Schwestern nach dem Krieg alles wieder auf, kommen zu bescheidenem Wohlstand. Elisabeth unternimmt Reisen nach Bayern und an die Nordsee. Anne, die ältere Schwester, ist abenteuerlustiger. Sie zieht es in die Ferne. Nach Italien, Belgien, Brasilien und Peru. "Meine beiden Südamerika-Reisen waren die Höhepunkte meines Lebens", sagt sie und blickt schwärmerisch auf alte Bilder.

Fast ein ganzes Jahrhundert gemeinsam unter einem Dach. Eine Seltenheit in einer Zeit, in der jede zweite Ehe zerbricht, Geschwister sich zerstreiten, Kinder nichts von ihren Eltern wissen wollen. Wie sie das geschafft haben? Die beiden Frauen schauen sich an, lachen. "Ich freue mich einfach jeden Tag, dass ich mit Elisabeth zusammen lebe", sagt Anne. Dann berlinert sie munter: "Ich muss doch auf meine Schwester aufpassen. Die Kleene ist doch sieben Jahre jünger als ich!" Streiten tun die beiden sich eigentlich nie. "Mit Anne kann man gar nicht streiten, sie ist ein so ausgeglichener Mensch", sagt Elisabeth.

Vielleicht haben die beiden Schwestern auch einfach instinktiv richtig gemacht, was Therapeuten Familien heute beibringen müssen: Sie haben die Aufgaben im Zusammenleben klar verteilt. Elisabeth putzt und dekoriert die Wohnung, Anne kümmert sich dafür um "das Geschäftliche", Behördengänge, Geldangelegenheiten. Und es gibt auch viele Gemeinsamkeiten. Kochen zum Beispiel tun beide gern, ebenso wie Einkaufen in ihrem Neuköllner Kiez. "Die Stufen, die wir von unserer Wohnung aus dem dritten Stock erst hinab und dann wieder hinauf steigen müssen, halten uns fit", sagt Anne. Körperlich zumindest. Den Geist beschäftigen sie mit Büchern, Gesprächen und dem Computer. "Ich schreib auch E-Mails", sagt Anne, "da kieste, war?"

Es ist ein bisschen kühl geworden, in der Drei-Zimmer-Wohnung. Elisabeth steht auf. Sie will ein paar Kohlen nachlegen. "Ich bin bei uns der Heizer", sagt sie, ihre Schwester kichert. "Wir haben uns an die Ofenheizung gewöhnt", sagt Anne. Und nachdenklich fügt die fast 100-Jährige hinzu. "Nur der Kohlenhändler, der tut mir Leid. Er muss ja immer alles in den dritten Stock tragen. Und er ist auch nicht mehr der Jüngste."