Kinder- und Jugendbücher

Wenn Geschichten Flügel wachsen

Stolzer hätten Merete (12) und Kristoffer (14) Looft ihre Eltern kaum machen können. Die Geschwister traten vor ein paar Wochen bei "Wetten, dass ...?" zur Kinderwette an. Sie wetteten, dass sie jeden der 4641 Sätze aus dem Jugendbuch "Gregor und die graue Prophezeiung" einer Buchseite zuordnen könnten.

Den Eltern auf den Zuschauerrängen sah man an, dass sie weit aufgeregter waren als ihre Kinder selbst. Merete und Kristoffer gewannen ihre Wette und bekamen dafür einen Gastauftritt im "Tatort" versprochen. Der größte Gewinner der Aktion war aber nicht das Geschwisterpaar, sondern der Hamburger Oetinger Verlag. Denn der Fernsehauftritt verschaffte dem Jugendroman in den folgenden Tagen explodierende Verkaufszahlen. Beim Onlinehändler Amazon etwa kletterte der Titel in wenigen Stunden von Verkaufsrang 35 000 auf Platz 67.

Auch ohne die Hilfe von Fernsehshows nehmen Jugendbücher in Deutschland seit ein paar Jahren die obersten Plätze in den Verkaufscharts der Buchhändler ein. Seien es die Vampir-Schmonzetten "Bis(s) zum ..." der US-Autorin Stephenie Meyer, die sich auf dem deutschsprachigen Markt 7,5 Millionen Mal verkauft haben, seien es Geschichten aus dem Zauberermilieu à la "Harry Potter" oder moderne Märchen mit Drachen und Schwertern: Bücher für Jugendliche laufen der Erwachsenenliteratur immer häufiger den Rang ab. Während der Umsatz im Buchhandel insgesamt zum zweiten Mal in Folge gesunken ist, legte die Sparte Kinder- und Jugendbuch 2010 um 7,4 Prozent zu. Und zu den zehn bestverkauften Belletristik-Titeln der vergangenen beiden Jahre gehörten laut "Spiegel"-Bestsellerliste jeweils drei Jugendbücher, 2008 waren es sogar fünf.

Auf der Leipziger Buchmesse geht es daher auch um die Frage: Wieso verkaufen sich Bücher für Jugendliche so gut - obwohl die Zielgruppe gleichzeitig immer mehr Freizeit vor Computerbildschirmen und an Spielekonsolen verbringt? Ist es nur ein kleiner, bildungsbürgerlicher Teil der Jugendlichen, der mit Wonne liest, während die breite Masse daddelt? Und vor allem: Wie kann die Branche es schaffen, auch den großen Rest zu erreichen? Diese Frage treibt Ulrich Störiko-Blume vom Kölner Boje-Verlag, der seit kurzem zu Bastei Lübbe gehört, seit Jahren um. Er ist der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen (avj). Er hat einen Berg von Studien über das Leseverhalten von Kindern durchgearbeitet und kommt zu dem Schluss: Vampirromane hin oder her - "die bildungsfernen Schichten gewinnen wir einfach nicht". Was das Lesen angeht, habe sich schon immer ein Riss durch die Gesellschaft gezogen, das gelte für Jugendliche ebenso wie für Erwachsene und habe sich auch mit den jüngsten Zuwachsraten im Jugendbuchsegment nicht geändert. "Um die Kinder zu erreichen, deren Eltern ihnen das Lesen nicht vormachen, müsste die Politik enorme Anstrengungen unternehmen", sagt Störiko-Blume. Bisher sei das viel zu wenig geschehen, besagt zumindest die Statistik: Laut der aktuellen Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest liest nur etwa die Hälfte der Sechs- bis 13-Jährigen gern, der Rest gibt an, ungern oder gar nicht zu lesen.

Doch wann entscheidet sich, ob ein Kind ein Leser wird oder ein Fernsehgucker? Dieser Frage gehen seit ein paar Jahren Wissenschaftler der Universität Leipzig auf den Grund. Studienleiter Bernd Schorb und seine Kollegen haben das staatlich geförderte sächsische Modellprojekt "Lesestart - Mit Büchern wachsen" von 2007 bis 2010 begleitet und ausgewertet. Die Wissenschaftler befragten Eltern, Bibliothekare und Lehrer von Kindern unter sechs Jahren, wie oft vorgelesen werde, wo Bücher verfügbar seien und wie ansprechend Bilderbücher gestaltet seien. Unter den Testhaushalten waren "leseferne" Familien ebenso wie "lesenahe". Die Ergebnisse waren teilweise überraschend, sagt Schorb: "Grundsätzlich hängt die Lesenähe einer Familie zwar vom Bildungsgrad der Eltern ab, aber eben nicht nur." Wichtiger sei, welche emotionale Beziehung ein Kind in den ersten sechs Lebensjahren zu Büchern entwickle. "Wenn Eltern mit Vergnügen vorlesen und dabei mit den Kindern kuscheln, bewahrt sich diese Freude am Lesen ein Leben lang."

Einer der Schwerpunkte der Leipziger Buchmesse lautet in diesem Jahr: "Kinder - Jugend - Bildung". Auf dem Programm stehen Vorträge über Lesepaten-Projekte und eine Preisverleihung für erfolgreiche Leseförderung. Die Kinderbuchverlage geben sich derweil alle Mühe, auch kleine Lesemuffel zu erreichen - über die Technikschiene. Der Ravensburger-Verlag brachte 2010 einen elektronischen Stift ("tiptoi") auf den Markt, der Kindern Bücher vorliest. Derzeit planen einige Konkurrenten ähnliche Produkte. Auch die Buchhandlungen bemühen sich, Nicht-Leser in ihre Filialen zu locken. Die größte deutsche Buchhandelsgruppe Thalia verkauft in einigen Filialen Nintendo- und Wii-Spiele. "Non-Book-Artikel" nennt der Händler das.

Ist dieser Rückgriff auf die Technik Resignation? Wohl nicht - immerhin steigt der Umsatz bei Kinder- und Jugendbüchern trotz der vielen Nichtleser beständig. "Das Segment hat sich in den vergangenen Jahren sehr erfreulich entwickelt", sagt Thalia-Sprecherin Mirjam Berle. Jugendbuchexperte Störiko-Blume sagt, dies sei vor allem den Platzhirschen der Branche zu verdanken: dem Hamburger Carlsen-Verlag, bei dem sowohl Harry Potter als auch die "Bis(s) zum ..."-Reihe erschienen. Und Oetinger, dem Verlag von Astrid Lindgren, Christine Nöstlinger, Paul Maar - und zuletzt vor allem Cornelia Funke, deren Trilogie "Tintenherz" auf dem deutschsprachigen Markt 3,2 Millionen Mal verkauft wurde. Als Funke vor Kurzem bei Oetinger ihren neuen Roman "Reckless" veröffentlichte, lag die Startauflage bei 400 000 Exemplaren, erzählt Klaus-Peter Stegen, Geschäftsführer für Marketing und Vertrieb bei Oetinger: "Solche Auflagen kannte man früher im Bereich Kinder- und Jugendbuch nicht. Für uns ist dieses Blockbustergeschäft noch relativ jung."

Der Siegeszug des Jugendbuchs der vergangenen Jahre ist nicht allein dadurch zu erklären, dass Jugendliche mehr lesen. Ein wesentlicher Treiber des Umsatzes ist, dass auch Erwachsene immer mehr in der Jugendbuchabteilung einkaufen. "Früher war es Erwachsenen peinlich, Kinderbücher zu lesen, heute ist das gesellschaftlich akzeptiert - man liest sogar öffentlich in der Straßenbahn Vampirromane", sagt Störiko-Blume. Wegbereiter für diese Entwicklung sei "Harry Potter" gewesen. "Ein solches Interesse erwachsener Leser an Jugendbüchern gab es früher höchstens mal bei Michael Endes 'Unendlicher Geschichte', aber weit nicht so stark ausgeprägt wie bei der Potter-Mania."

Mittlerweile kalkulieren die Jugendbuchverlage die erwachsenen Käufer häufig schon bei der Konzeption eines neuen Titels mit ein. Reihen wie die "Bis(s) zum"-Vampirbücher werden im Verlagsjargon auch nicht mehr unter dem Stichwort Jugendbuch, sondern als "All Age"-Literatur gehandelt. Angezogen von den Erfolgen steigen auch klassische "Erwachsenenverlage" ins Geschäft mit Fantasyromanen für ein junges Publikum ein, zum Beispiel die Hamburger Verlagsgruppe Droemer Knaur, die nun eine eigene Fantasy-Marke (Pan) führt, und Egmont, wo 2007 die Marke Lyx (für "Romantic Phantasy") gegründet wurde. Die Titel, die bei diesen Labels entstehen, ähneln sich zuweilen sehr - immer nach dem Schema: Sie ist schön und verliebt, doch leider ist er ein Vampir. "Die Gefahr besteht, dass sich Erwachsenen- und Jugendbuch auf eine Einheitssauce aus düsteren Drachen- und Schwertergeschichten zubewegt", sagt Oetinger-Geschäftsführer Stegen.

Denn mit dem Kuchen, den es zu verteilen gibt, wächst der Druck in der Branche. "Jetzt stehen in der Jugendbuchbranche alle unter Strom und denken: Ich muss auch einen Bestseller produzieren", sagt Störiko-Blume. Im vergangenen Jahr erschienen rund 8000 Kinder- und Jugendbücher auf dem deutschsprachigen Markt - doppelt so viele wie vor zehn Jahren. Aber nur selten hat ein Verlag das Glück, dass ein Titel es unverhofft ins Samstagabendprogramm des ZDF schafft.

"Früher war es Erwachsenen peinlich, Kinderbücher zu lesen, heute liest man sogar in der Straßenbahn Vampirromane"

Ulrich Störiko-Blume, Arbeitsgemeinschaft Jugendbuchverlage